Fieber wärmt Fernando Garcías müden Körper, aber die Nacht, in der er Miriam verliert, ist kalt. García lenkt sein Auto vorbei an Orangenfeldern über die dunkle Straße in Richtung einer Diskothek. Ihn quält eine Frage: Wo ist meine Tochter?
Am Nachmittag hatte García sie von der Schule abgeholt, Miriam hatte an der Bushaltestelle gewartet. Später, gegen sieben Uhr, hatte Miriam sich eilig die Schuhe übergestreift und sich verabschiedet. Sie wolle sich mit ihren Freundinnen treffen, hatte sie gesagt. Danach verließ sie die Wohnung der Garcías, 7. Stock, ockerfarbener Wohnblock in Alcàsser, einem spanischen Dorf nahe Valencia.
García hatte sich schlafen gelegt. Er fühlte sich schwach. Hatte die kleine Matratzenfabrik, die er leitete, vorzeitig verlassen. Das erste Mal in seinem Leben. García, ein Mann von 40 Jahren, mit lichter werdendem Haar und ernstem Gesicht, arbeitete hart. An nichts sollte es seinen drei Kindern fehlen. Miriam sollte es gut haben.
Später, als García aus seinem Schlaf erwacht war, erzählte ihm seine Frau Matilde von einem Anruf. Miriam, die wollte, dass der Vater sie zur Diskothek fährt. Aber Matilde wollte Fernando nicht wecken. Sie solle sich das Tanzen heute besser aus dem Kopf schlagen, hatte sie Miriam gesagt. War es nicht ohnehin schon spät?
Fernando García liebte seine Tochter, und seine Tochter liebte ihn. Einmal, vor vielen Jahren, als seine Klamotten auf der Terrasse trockneten, hatte die kleine Miriam sie genommen und zärtlich geküsst.
Seine Tochter und ihre Freundinnen wollten in die Diskothek „Coolor“, Fernando García sollte sie hinfahren, aber er lag mit Fieber im Bett
Garcías Tochter war ein zuverlässiges Mädchen. Meist kam sie gegen neun Uhr wieder nach Hause. Nicht an diesem Abend.
Miriam liebte es zu tanzen. In ihrem Zimmer, über dem Bett aus hellem Kiefernholz, klebten ausgeschnittene Fotos von Tänzerinnen. Daneben hingen rosarote Ballettschuhe. War Miriam an diesem Abend doch in die Diskothek gegangen? Gegen den Rat ihrer Mutter?
Die Minuten wurden lang. Addierten sich zu einer Stunde. Gegen zehn Uhr begannen sich die Garcías zu sorgen. Sie nahmen das Telefon, riefen die Eltern Miriams bester Freundinnen an.
Auch sie vermissten ihre Töchter.
*
In dieser Freitagnacht, am 13. November 1992, verschwinden in Alcàsser drei junge Mädchen. Toñi. Desirée. Und Miriam. Diese Nacht wird sich in Fernando Garcías Seele fressen. Sie wird ihn nie wieder loslassen. Ihn und ganz Spanien.
Das Verschwinden der Mädchen wird zum wohl meistdokumentierten Kriminalfall des Landes und García sein Gesicht. Kameras und Mikrofone werden ihm folgen. Er wird ihnen seine Gefühle schildern. Seine Geschichte erzählen, die im Chaos enden wird und in dieser Nacht beginnt.
García fährt über die Straße bei den Orangenfeldern zum „Coolor“. Die Diskothek liegt im Nachbarort Picassent. Schüler aus den umliegenden Dörfern strömen regelmäßig hierher. Freunde treffen, tanzen, knutschen vielleicht. Immer wieder, weiß García, ging seine Tochter auf die Schülerpartys. Sie wollte auch heute dorthin. Wollte, dass er sie fährt.
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