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Streit um Drogenpolitik Welche Folgen hätte die Legalisierung von Cannabis? Ein Blick in andere Länder

Ein Mann raucht einen Joint.
Die Polizeigewerkschaften kritisieren Cannabis als Droge, deren Legalisierung eine Häufung von Straftaten und Unfällen zur Folge haben könnte. Stimmt das?
© Oliver Berg / DPA
Spitzenpolitiker fast aller Parteien fordern es, Polizeiverbände warnen davor: Deutschland steht der Legalisierung von Cannabis vielleicht so nah, wie noch nie. Welche Folgen hätte dies? Ein Blick in andere Länder kann Aufschluss geben.

Man könnte meinen, die Diskussion um die Legalisierung von Cannabis in Deutschland, ist so alt wie die Droge selbst. In den vergangenen Jahren forderten Verbände und Lobbyisten immer wieder die Freigabe von Haschisch. Viel verändert hat sich in dieser Zeit nicht. Doch mit den Sondierungsgesprächen von SPD, FDP und Grünen könnte eine liberalere Drogenpolitik tatsächlich Realität werden.

Grundsätzlich seien sich die Ampel-Parteien einig darüber, dass Marihuana zukünftig legal in Deutschland erhältlich sein soll, ist zu hören. Ob tatsächlich als Genussmittel oder als medizinisches Cannabis ist allerdings offen.

Gegenwind kommt unter anderem von der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Ihr Stellvertretender Vorsitzende Dietmar Schilff schrieb in einer Stellungnahme, die GdP finde die Entwicklung der Politik in Richtung Legalisierung "äußerst bedenklich" und mahnte, es müsse endlich Schluss damit sein, "den Joint schön zu reden."

Worauf können wir uns in Deutschland einstellen, sollte Cannabis tatsächlich frei verkäuflich sein? Ein Blick in Länder, die diese Debatte bereits hinter sich haben, gibt Aufschluss über ein geändertes Konsumverhalten, Kriminalität und Belastungen der  Staatskassen.

Cannabis: Auswirkungen der Legalisierung auf (Erst-)Konsumenten

Während der letzten großen Debatte um die Freigabe von Cannabis 2019 fertigte der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages einen Sachstand zur Auswirkung auf die Zahl der Cannabis-Konsumenten in ausgewählten Ländern an. Damals wie heute stand zunächst die Frage im Raum, ob eine Legalisierung die Zahl der Cannabis-Konsumenten steigern würde.

Um dies einschätzen zu können, wurden die Länder Belgien, Niederlande, Kanada, Portugal, Uruguay und die USA mit Hinblick auf die Konsumentenzahlen untersucht. In diesen Ländern und in einigen Bundesstaaten der USA wird eine liberale Drogenpolitik verfolgt. Hier ist Cannabis entweder als medizinisches Mittel oder als Genussmittel legal.

Grundsätzlich vermerkten die Autoren, "dass die Verfolgung einer strikten Drogenpolitik wenig bis keinen Einfluss auf das Konsumverhalten hat. So wiesen einige der Länder mit den strengsten gesetzlichen Regelungen einige der höchsten Prävalenzraten im Hinblick auf den Drogenkonsum auf, während Länder, die eine Liberalisierungspolitik verfolgen, einige der niedrigsten Prävalenzraten aufwiesen."

Unterschieden wird hier in der "Lebenszeitprävalenz", also ob ein Befragter in der Studie angibt, jemals in seinem Leben Cannabis konsumiert zu haben, und der "Konsumprävalenz" bei der nach dem Konsumverhalten in den vergangenen 30 Tage gefragt wird.

In Belgien ist die Entwicklung der Anzahl der Konsumenten aufschlussreich. Bis 2003 waren in unserem Nachbarland alle Drogen illegal. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Besitz von bis zu drei Gramm Marihuana nicht mehr strafrechtlich verfolgt. Eine Studie zeigt, dass zehn Jahre nach dieser Liberalisierung etwa 10 Prozent der Befragten zwischen 15 und 34 Jahren schon einmal Cannabis konsumiert haben. Dies liegt deutlich unter dem EU-Schnitt von 26,3 Prozent.

Eine andere Erfahrung hat Kanada gemacht. Der nördliche Nachbar der USA legalisierte Cannabis 2018. Hier sind 30 Gramm Marihuana pro Person als Eigenbedarf erlaubt. Im Vergleich zum Vorjahresquartal stieg die Anzahl der neuen Konsumenten in den ersten drei Monaten nach der Freigabe von 327.000 auf 646.000 an. Im ersten Quartal 2019 hätten etwa 5,3 Millionen Kanadier ab 15 Jahren Cannabis konsumiert, das entspräche etwa 18 Prozent der Bevölkerung. Im Vergleich zum Zeitraum vor der Legalisierung bedeutet dies ein Anstieg von vier Prozent. Ein Großteil dieser Erstkonsumenten seien Männer zwischen 45 und 64 Jahren. Kaum eine Auswirkung hatte die Freigabe auf Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren.

Auswirkung auf die Häufigkeit des Konsums

Noch genauere Daten liegen aus den Niederlanden vor. Hier ist Cannabis seit 1976 de facto entkriminalisiert. Laut des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages habe dies allerdings "nicht zu einer Explosion des Drogenkonsums geführt". Mehrere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass die Drogenpolitik nur einen geringen Einfluss auf die Konsumraten haben. So lag die Lebenszeitprävalenz in den Niederlanden in den vergangenen Jahren leicht über und mittlerweile leicht unter dem europäischen Durchschnitt.

Ebenfalls nicht bestätigen lässt sich der Charakter von Cannabis als "Einstiegsdroge" zu härteren Substanzen. Schilff schrieb in seinem Statement, der Niedergang eines Konsumenten sei häufig ein "schleichender Prozess, der durch einen oftmals besorgniserregenden Drogenmix noch eher beschleunigt wird."

Laut Studien führte "die Drogenpolitik der Niederland zu einem Rückgang der Konsumenten harter Drogen auf ein Niveau, das unterhalb des Niveaus der meisten Länder Westeuropas und den USA lag." Zwischen 1976 und 1994 sei die Konsumprävalenz harter Drogen von 15 auf 2,5 Prozent gesunken.

Ein Mann im weißen Overall und mit Mundschutz steht in pinkem Licht vor einer üppigen Cannabis-Pflanze

Ähnliche Ergebnisse wurden in Kanada festgestellt. Dort konnte keine Auswirkung der Legalisierung auf die Häufigkeit eines Suchtverhaltens festgestellt werden. Etwa sechs Prozent der Kanadier gaben an, (fast) täglich Cannabis zu konsumieren. Dieser Wert entspricht ziemlich genau dem Wert vor der Freigabe.

Ein Land, das einen noch radikaleren Weg gewählt hat, ist Portugal. Das Land entkriminalisierte den Besitz geringer Mengen sämtlicher – auch harter – Drogen bereits im Jahr 2000. Auch hier befürchtete man einen starken Anstieg der Konsumentenzahlen. Dieser Anstieg lässt sich bis heute nicht nachweisen. Einzig die Lebenszeitprävalenz ist hier gestiegen, dies allerdings als parallele Entwicklung in ganz Europa.

Auswirkung auf die Kriminalität

Der Konsum, Verkauf und Handel von mit illegalen Drogen geht fast immer auch mit Kriminalität einher. Vom Besitz der Droge bis hin zu Beschaffungskriminalität wegen des Suchtdrucks, Drogenkriminalität ist vielfältig. Gegner einer liberaleren Drogenpolitik fürchten auch in diesem Fall eine negative Entwicklung. 

Eine Studie aus den USA beschreibt das Gegenteil. 2017 untersuchten Wissenschaftler Gewaltdelikte in US-Bundesstaaten, die an Mexiko grenzen und in denen Cannabis freigegeben oder als medizinisches Mittel zugelassen wurde.

Tatsächlich konnte man eine positive Entwicklung verzeichnen: Die Zahl der Raubüberfälle in diesen Staaten nahm um 26 Prozent ab, Morde und weitere Gewalttaten um elf Prozent.

Als Grund für diese Entwicklung nannte die Autorin der Studie, Evelina Gavrilova, die legalen Beschaffungswege der Droge. Produzenten von medizinischem Cannabis stünden in direkter Konkurrenz zu Drogenkartellen in Mexiko, wodurch illegale Machenschaften weniger Einfluss hätten.

Mit Blick auf die gesunkene Kriminalität in Zusammenhang mit kaum veränderten Konsumentenzahlen kommt Gavrilova zu der Erkenntnis: "Wenn die Auswirkungen auf die Kriminalität so signifikant sind, dann ist es offensichtlich die bessere Entscheidung, den Cannabismarkt zu regulieren und Steuern zu verlangen."

Einen Ansatz, den insbesondere die FDP ebenfalls verfolgt. Sollte es tatsächlich zu einer Freigabe kommen und somit Steuergelder eingenommen werden, wäre es mit Sicherheit sinnvoll, diese in Präventionsprogramme zu reinvestieren. Denn auch wenn eine Liberalisierung der Drogenpolitik laut Studien grundsätzlich einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben kann, ist es wichtig, insbesondere Jugendliche über die Gefahren von Drogen aufzuklären und auf individuelle Hilfe zu setzen.

Quellen:Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages, Fachverband Drogen- und Suchthilfe e.V., Statement Dietmar Schilff, The Guardian, The Economic Journal, Leafly


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