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Erdbeben im Iran: Große Dramen, kleine Wunder

Während ein zwölfjähriges Mädchen nach mehr als drei Tagen lebend geborgen konnte, erreichte das THW ein anderes Opfer nur knapp zwei Minuten zu spät. Die offizielle Opferzahl liegt inzwischen bei über 25.000.

Drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Iran haben Rettungskräfte ein Mädchen lebend aus den Trümmern geborgen. Das etwa zwölf Jahre alte Kind habe sich das Bein gebrochen und sei bei seiner Rettung am Montagmorgen bewusstlos gewesen, sagte ein iranischer Helfer. Der geistliche Führer des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, und Präsident Mohammad Chatami besuchten am Montag das Katastrophengebiet.

"Ich bin gekommen, um mein Beileid auszudrücken und zu sagen, dass ich euren Kummer teile", sagte Chamenei vor hunderten Einwohnern der Stadt Bam, die am Morgen von zwei Nachbeben erschüttert worden war. Chatami sprach von einer überwältigenden Tragödie, die die Hilfsmöglichkeiten des Landes übersteige.

Zwei Minuten zu spät

Das Technische Hilfswerk (THW) stoppte am Montagmorgen die Suche nach Überlebenden. Die Rettungstrupps und Suchhunde sollen am Dienstagnachmittag nach Frankfurt am Main zurückkehren. Es gebe keine Signale wie etwa Klopfzeichen mehr, auch aus der Bevölkerung kämen keine Hinweise auf mögliche Überlebende, sagte THW-Sprecher Nicolas Hefner. Das letzte Lebenszeichen hätten Helfer am Sonntagabend geortet. Doch als sie das Opfer am Montagmorgen endlich aus den Trümmern befreien konnten, war es tot - sein Herz habe etwa zwei Minuten zuvor aufgehört zu schlagen, sagte Hefner.

Das gerettete Mädchen sei mit Hilfe eines elektronischen Sensors entdeckt worden. "Sie blieb am Leben, weil das Dach nicht vollständig zusammenbrach", erklärte der Helfer Schokrollah Abbasi. "Wir haben sie in der Küche gefunden." Im gleichen Haus wurden die Leichen einer Frau und eines Jungen entdeckt.

25.000 Tote und kein Ende in Sicht

Nach Angaben der Regierung der betroffenen Provinz Kerman wurden bislang mehr als 25.000 Tote geborgen. "Unter dem Schutt liegen noch viele, viele Menschen begraben, was die Befürchtung bestärkt, dass die endgültige Opferzahl sehr viel höher sein wird", sagte Sprecher Asadollah Iranmanesch.

Einige klammern sich an der Hoffnung fest

Der Koordinator der EU-Rettungshelfer in Bam erklärte am Montag jedoch, er habe die Hoffnung, Überlebende zu finden, "noch nicht endgültig aufgegeben." "Wir werden den ganzen Tag ohne Pause weiterarbeiten", sagte Agostino Miozzo, der Chef des italienischen Zivilschutzes, der die EU-Hilfe koordiniert. Insgesamt waren in Bam nach Angaben der Vereinten Nationen 1.400 ausländische Rettungskräfte aus 26 Ländern im Einsatz. Zahlreiche Staaten bereiteten die Entsendung weiterer Hilfsgüter vor.

Zu Staub zerfallen

Experten zufolge liegt die Überlebensspanne von Verschütteten in der Regel bei 72 Stunden, in Einzelfällen wurden Menschen auch nach weitaus längerer Zeit gerettet. Das Problem in Bam ist allerdings, dass viele Lehmhäuser buchstäblich zu Staub zerfielen, ohne dass Hohlräume mit Luft zum Atmen entstanden. Am Sonntag waren nur noch 20 Verschüttete lebend aus den Trümmern gezogen worden, wie die Provinzregierung mitteilte. Am Samstag waren es noch 150 gewesen.

Bis Sonntag wurden rund 10.000 Verletzte aus dem Erdbebengebiet in Krankenhäuser der Provinzhauptstadt Kerman und im 1.000 Kilometer entfernten Teheran gebracht. Der Strom von Flüchtlingen aus Bam riss nicht ab. Gleichzeitig bewegten sich zahlreiche Hilfsgütertransporte und Fahrzeuge mit besorgten Verwandten auf die Stadt zu.

Ajatollah Chamenei rief alle Iraner und ausländische Hilfsorganisationen auf, in ihrer Unterstützung nicht nachzulassen. „Wir alle sind dafür verantwortlich, die Bedürfnisse der Überlebenden zu erfüllen“, sagte er.

DPA