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Erdbeben in Chile: Zahl der Todesopfer steigt deutlich an

Neue Schreckenszahlen aus dem Erdbebengebiet in Chile: Die Katastrophe hat nach Aussage der Staatspräsidentin mehr als 700 Menschenleben gefordert und zwei Millionen Häuser und Wohnungen zerstört. In vielen Gegenden ist die Lage völlig chaotisch.

Nach dem verheerenden Erdbeben in Chile ist die Zahl der Todesopfer offiziellen Angaben zufolge auf 708 gestiegen. Das teilte Staatspräsidentin Michelle Bachelet am Sonntag in der Hauptstadt Santiago de Chile mit. Bislang war von 300 bis 400 die Rede. Es wird befürchtet, dass sich die Opferzahl in den nächsten Tagen noch weiter erhöhen wird. Laut Behördenangaben wurden rund zwei Millionen Häuser und Wohnungen zerstört. Über deutsche Tote liegen dem Auswärtigen Amt in Berlin keine Informationen vor.

Die massiven Erdstöße am frühen Samstagmorgen hatten die Stärke 8,8 erreicht und gehören damit zu den stärksten je gemessenen. Für nahezu die gesamte Pazifik-Region war Tsunami-Alarm gegeben worden, die Wassermassen trafen die chilenische Küste und richteten dort zusätzliche große Zerstörungen an. In Hawaii, Japan und Russland blieben die befürchteten Riesenwellen aber aus.

Chiles gewählter Präsident Sebastián Piñera, der sein Amt am 11. März übernimmt, kündigte einen nationalen Plan "Wiederaufbau Chile" an. Das Ausmaß der Katastrophe werde frühestens in drei Tagen feststehen, sagte Fernández. Die Lage in dem immer wieder von Erdbeben heimgesuchten südamerikanischen Land ist von zunehmender Verzweiflung und von Chaos geprägt. Die stark beschädigte Infrastruktur erschwert die Hilfsbemühungen.

60 Menschen unter Hochhaus gefangen

In der besonders betroffenen Stadt Concepción lieferten sich die Rettungsmannschaften einen Wettlauf mit der Zeit. Dort war bei dem Beben ein Wohnhaus mit 14 Stockwerken in zwei Teile zerbrochen. Nach einem Bericht der Zeitung "La Tercera" wurden bis zum späten Abend etwa 30 Menschen lebend aus den Trümmern befreit, 60 Menschen seien noch in dem Komplex gefangen, der jederzeit einstürzen könnte, hieß es.

Vor allem in den von dem Beben und der folgenden Flutwelle am stärksten betroffenen Regionen von Maule und Bío Bío gelten zahlreiche Menschen noch als verschollen. Die genaue Zahl der Obdachlosen ist noch unbekannt. Bachelet versuchte, ihren geplagten Landsleuten Mut zu machen: "Wie bei früheren Katastrophen werden wir auch diese Probe bestehen", sagte sie in einer Fernsehansprache.

Es werde alles unternommen, um die Lage der Menschen zu erleichtern, hieß es vom Katastrophenschutz. Vielerorts gibt es weder Wasser noch Gas oder Strom. Die Telefonverbindungen über das Festnetz und über Handy-Netze sind entweder unterbrochen oder stark überlastet. Der erheblich beschädigte internationale Flughafen von Santiago wurde vorübergehend geschlossen. Allerdings seien beide Landebahnen soweit intakt.

Schiffe bis ins Stadtzentrum katapultiert

Die Sicherheitskräfte waren zunächst völlig überfordert. In Concepción plünderten hunderte Menschen einen Supermarkt. "Wir haben keine Milch, nichts für die Kinder", jammerte eine weinende Frau, während sie vor der aufgebrochenen Laderampe eines Supermarktes ein Zehnerpaket H-Milch umklammerte. Die erst spät eintreffenden Sicherheitskräfte bekamen die Lage nicht in den Griff. "Die Situation war von Anfang an völlig chaotisch. Wir tun, was wir können", sagte ein Polizist.

Auch aus anderen Ortschaften in Bío Bío und Maule klagten die Menschen über ausbleibende Hilfen. Fast alle Geschäfte in der Katastrophenregion etwa 500 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago waren geschlossen. Andere boten ihre Produkte zu stark überhöhten Preisen an.

"Das Wasser hat alles, aber auch alles fortgerissen"

Während die befürchteten Riesenwellen über den Pazifik ausblieben, verschlimmerten die Wassermassen in Chile das Elend noch weiter. "Es bebte und dann kam das Meer in unser Haus, es reichte uns bis zum Hals", sagte eine Einwohnerin von Iloca im Süden des Landes. In der Stadt Talcahuano wurden selbst größere Schiffe bis ins Stadtzentrum geschwemmt, im Hafen lagen riesige Seecontainer wie Streichhölzer durcheinander.

"Das Wasser hat alles, aber auch alles fortgerissen", sagte ein Überlebender aus dem kleinen Küstenort Boyecura. Die Marine räumte inzwischen ein, dass ihr ein schwerer Fehler unterlaufen sei, weil sie zunächst eine Flutwelle ausgeschlossen hatte. Die meisten Menschen in den Küstenorten hatten sich dennoch rechtzeitig in Sicherheit gebracht.

Auf der chilenischen Insel Robinson Crusoe, rund 670 Kilometer westlich von Südamerika, wurden fast alle Gebäude zerstört. Dort starben mindestens fünf Menschen in den Wassermassen, elf werden noch vermisst. Das Tsunami-Warnzentrum auf Hawaii hatte alle Warnungen vor Riesenwellen für den pazifischen Raum schon am Samstagabend zurückgenommen. Russland hob am Sonntag den Tsunami-Alarm für seine Pazifikküste ebenfalls auf, für die Küste Japans wurde er herabgestuft. An der japanischen Nordküste wurden bis Sonntagnachmittag (Ortszeit) Flutwellen von 1,45 Metern Höhe beobachtet, wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldete.

Hundertmal heftiger als die Erdstöße in Haiti

Ein Erdbeben der Stärke 8,8 gilt als Großbeben, bei dem normalerweise mit vielen Opfern und schweren Verwüstungen zu rechnen ist. Damit war das Beben nach Einschätzung von Experten bis zu hundertmal heftiger als die Erdstöße der Stärke 7,0, die am 12. Januar Haiti erschüttert hatten. Nach dem Mega-Beben wurden bislang mehr als 70 Nachbeben mit einer Stärke von mindestens 4,9 registriert, berichtete die US-Geologiebehörde USGS.

Die Europäische Union, die Vereinten Nationen, die USA und mehrere Nachbarländer boten Chile Hilfe an. "Die UN, insbesondere der Nothilfekoordinator, stehen bereit", sagte Generalsekretär Ban Ki Moon in New York. "Wir bieten schnelle Unterstützung, wenn das chilenische Volk und die Regierung das wünschen." Die EU-Kommission gibt drei Millionen Euro als Soforthilfe. Erste Hilfsmannschaften aus Deutschland machten sich auf den Weg ins Katastrophengebiet. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach den Opfern sein Mitgefühl aus.

DPA / DPA