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Der Kinderschutzbund und Edathys Geldauflage Heuchelei inklusive


Der Kinderschutzbund verweigert die Annahme von 5000 Euro, bekommt dafür Aufmerksamkeit und ein Vielfaches an Spenden. Er nutzt taktisch geschickt die Gunst der Stunde. Warum gibt er das nicht zu?
Ein Kommentar von Wigbert Löer

Zuerst: Der Kinderschutzbund macht an hunderten Standorten in Deutschland äußerst wichtige Arbeit. Hauptamtliche und viele, viele ehrenamtliche Helfer sind mit Verve bei der Sache. Ebenfalls klar ist, dass jede Organisation, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist, eine gute Strategie braucht, um Spenden einzutreiben.

Nur: Mit wie viel Chuzpe darf man dabei vorgehen? Wie viel Heuchelei ist angemessen?

Der Kinderschutzbund empörte sich in dieser Woche wie viele andere Menschen auch darüber, dass der frühere SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy nach Einstellung seines Verfahrens am Landgericht Verden gegen eine Geldauflage von 5000 Euro keine weitere Reue zeigte. Dass er auf Facebook schrieb, er habe kein Geständnis abgegeben. Der Kinderschutzbund nahm ihm die Sätze, die sein Anwalt im Gericht verlesen hatte – "Die Vorwürfe treffen zu", "Ich habe inzwischen eingesehen, dass ich einen Fehler begangen habe", "Ich bereue, was ich getan habe" – nicht ab.

Einen Tag später produzierte der Kinderschutzbund eine Nachricht, die ihm hohe mediale Aufmerksamkeit und Applaus unter Politikern und vor allem in sozialen Netzwerken verschaffte: Er werde die 5000 Euro von Edathy nicht annehmen.

Allein 10.000 Euro von Til Schweiger

Ärgerlich aus Sicht des Kinderschutzbundes ist nun aber, was Recherchen der investigativen Journalisten von "correktiv" ergaben: dass der Kinderschutzbund in vergleichbaren Fällen durchaus Geld annahm. Rund 5,5 Millionen Euro flossen allein zwischen 2011 und 2013 an den Verband. Geld von Menschen, die aus den selben oder ähnlichen Gründen wie Edathy zahlen mussten. Geld, mit dem sich die Angeklagten nach Argumentation des Kinderschutzbundes "freikauften". Nur nahm der Kinderschutzbund daran offenbar keinen Anstoß.

Gegenüber "Spiegel Online" kritisierte der Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers, Edathy habe ein "rein taktisches Geständnis" abgelegt und zeige "keine Einsicht, keine Reue". Natürlich weiß Hilgers, weiß niemand beim Kinderschutzbund, ob in den anderen Fällen, die dem Verband 5,5 Millionen Euro brachten, "Reue" gezeigt wurde oder ob die Angeklagten "taktisch gestanden" haben. Wie sollte man das auch jemals herausfinden?

Der Kinderschutzbund verkündete diese Woche, dass er nach der vielbeachteten Weigerung bereits 40.000 Euro an Spenden bekommen habe – das Achtfache von dem, was Edathy ihm zahlen musste. Allein der Schauspieler Til Schweiger überwies 10.000 Euro. Rechnerisch haben sich Empörung und die verweigerte Annahme also gelohnt. Der Kinderschutzbund sprach von "Solidarität", als sei ihm durch die Entscheidung des Landgerichts Verden, Edathy solle an den Kinderschutzbund zahlen, etwas Böses widerfahren.

Der Verband hat in dieser Woche eine Chance genutzt: Er konnte sich an die Spitze der Empörung setzen, konnte auf sich aufmerksam machen. Und das tat er dann auch. Der Kinderschutzbund hat aus der Einstellung des Verfahrens gegen Sebastian Edathy kräftig Kapital geschlagen, finanziell und in Form von öffentlicher Wahrnehmung. Es wäre ehrlich gewesen, das auch so zu kommunizieren, es wenigstens im Nachhinein zuzugeben. Zu tun, als ob man Geldauflagen nur nach echter Reue annehme, ist heuchlerisch, wenn einem das in der Vergangenheit doch auch stets gleichgültig war.


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