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Dresden - fremdenfeindlich oder weltoffen?: "Für unsere Kinder sind das Nigger"

Frauenkirche, die bunte Neustadt und eine große Kunstszene - weltweit berühmt machte Dresden aber Pegida. Doch wie sieht die Realität aus in der Landeshauptstadt Sachsens?

Von Silke Müller

Es sind nur etwa drei Prozent der Dresdner Bürger, die sich offen zu Pegida bekennen. 71 Prozent hingegen bezeichnen Pegida als das größte Problem der sächsischen Landeshauptstadt. Dies ergab die erste repräsentative Umfrage zum Thema, die das Forsa Institut im Auftrag des stern erstellte.

Eine winzige Minderheit hat also seit Wochen die Stadt tyrannisiert. Mit ihren Märschen und Parolen Angst und Schrecken unter den Migranten verbreitet, das Ansehen der Metropole im Ausland ruiniert und die politischen und kulturellen Akteure in helle Aufregung versetzt. Letzteres mag ja gar nicht so schlecht sein: Die bürgerlichen Institutionen und Initiativen in der Stadt vernetzen sich, gründen Gesprächsrunden, Aktionsbündnisse und organisieren praktische Hilfe für Flüchtlinge und Informationsveranstaltungen gegen Fremdenhass. In Dresden tut sich was.

Irrationale Angst vor Flüchtlingen

Im Übergangswohnheim Tharandterstraße in Dresdner Stadtteil Löbtau ist Tag der offenen Tür.

Wenige Tage, bevor 40 Flüchtlinge aus Somalia, Eritrea, Tunesien und Libyen einziehen, läuft ein mittelalter, einheimischer Mann hier zur Hochform auf. Dass es für neun Menschen pro Wohnung ganz schön eng sei, gesteht er zu. Aber er hat eine Lösung: "Da hilft nur Ausdünnen." Nicht die Betten, nein: "Die Ausländer." Und fügt hinzu: "Ich möchte als Einwohner dieses Landes die Leute aussuchen, die hierher kommen."

Er entpuppt sich als einer der beiden NPD-Stadtratsmitglieder, die im Herbst 2014 ins Parlament gewählt wurden. Er weiß auch, wie es auf gar keinen Fall in Dresden werden soll - nämlich so, wie in Hamburg: "Da gibt es diesen Stadtteil, Hasenheide, nein, Hasenberg, nein, irgendwas mit Hase." "Meinen Sie Mümmelmannsberg?" "Ja, genau, da dürfen Sie als blonde Frau nur mit einem Kopftuch 'rein."

Einspruch? Zwecklos.

"Für unsere Kinder sind das Nigger"

Gegenüber, auf der anderen Seite der Tharandterstraße, schauen die Sozialarbeiter des Kinder- und Jugendzentrums T3 aus ihrem Büro direkt in die Fenster der neuen Flüchtlingsunterkunft. Ihnen bangt vor dem Tag, an dem die neuen Nachbarn einziehen. "Wir reden uns hier die Zunge blutig", sagt einer, "aber für unsere Kids hier sind das Nigger."

Man braucht Geduld, dieser Tage in Dresden, mehr Geduld als Argumente. Denn um Fakten geht es in diesen Gesprächen selten, es geht vor allem um Emotionen. Und es ist schwer zu unterscheiden zwischen nationalistischen, ausländerfeindlichen Brandstiftern und den selbst ernannten "besorgten Bürgern", die besonders von der AfD und der CDU umworben werden.

Gespaltene Stadt

Es geht ein Riss durch Dresden. Die Altstadt, das ist mittlerweile für viele hier die "böse Elbseite", oder auch "Pegida-Land". Die Neustadt hingegen hat ein "Selbstverständnis wie etwa Kreuzberg, sie ermöglicht Kontakt zu Menschen mit Migrationshintergrund", sagt Karin Pritzel, Politikwissenschaftlerin und Vorsitzende des Herbert-Wehner-Bildungswerks. Wer sich ein Bild vom Lebensgefühl hier machen wolle, solle nur mal bei Youtube das Video "Tulpen von Bui" anschauen.

Ein großes Problem in Dresden sei die "Ghettoisierung von Armut", erklärt Pritzel. In wenigen Vierteln ballten sich die Probleme, so etwa in Gorbitz und Prohlis, den Siedlungen, die einst der städtischen Wohnungsbaugesellschaft gehörten und die Dresden 2006 an die börsennotierte GAGFAH verkaufte, um zur ersten schuldenfreien Großstadt Deutschlands aufzusteigen.

Brennpunkt Gorbitz

Stadtteil Gorbitz. Dresdens größtes Neubaugebiet, Plattenbauten aus den frühen achtziger Jahren, so weit das Auge reicht. Im Sachsen-Forum am Merianplatz gibt es Winterstiefel im Schlussverkauf und selbstgehäkelte Topflappen in Neonfarben. Die Bäckerei Raddatz bietet heute den Himbeer-Vanille-Traum für 2,99 statt 3,38 Euro an. Die drei Kaffeetische sind besetzt. Ein Rentner mit Pferdeschwanz, vor eineinhalb Jahren hierher gezogen, ist zufrieden: "So etwas Schönes finden sie nirgends. Wir sind hier alle für Pegida, es gibt keine zehn Prozent, die dagegen sind. Wir wollen niemanden hier haben, dessen Religion verlangt, dass Andersgläubige vernichtet werden. Die gehören abgeschottet, die sollen unter sich bleiben. Die sind eine Zumutung."

Tatort Straßenbahn. 1991 starb Jorge Gomondai aus Mosambik, nachdem ihn eine Gruppe Jugendlicher in der Bahn angegriffen hatte und er während der Fahrt unter ungeklärten Umständen aus dem Wagen gestürzt war. Sein Tod ist bis heute Gegenstand von Erinnerungen, Dokumentationen und Streitigkeiten in der Stadt, ein Gedenkstein wurde mehrfach beschmiert, seit 2007 erinnert ein Platz an Dresdens erstes Rassismus-Todesopfer nach der Wende.

In der Bahn bespuckt und beleidigt

In der Straßenbahn, diesem halböffentlichen Raum, wo sich fremde Menschen unfreiwillig nahe kommen, scheint die Hemmschwelle zu sinken. "Die Leute werden bespuckt und beleidigt, das erlebe ich immer wieder", erzählt Faida Al-Rofaie. Sie stammt aus dem Irak, wo sie Wasserbau studiert hat und im Ministerium arbeitete. Vor dem ersten Golfkrieg floh sie mit ihrem Mann nach Syrien, dann weiter in den Libanon, schließlich landeten sie in Deutschland. Seit 1985 lebt sie in Dresden, ihre beiden hier geborenen Kinder sind nach Berlin gezogen. Jetzt arbeitet sie als Gemeindedolmetscherin – ehrenamtlich, denn einen richtigen, gut bezahlten Job findet sie in Dresden nicht.

Sie sitzt im Foyer des Hygienemuseums, Stricknadeln klappern zwischen ihren Fingern, sie übersetzt: Für Abu Ahmad, der eigentlich anders heißt aber seinen Namen nicht zu sagen traut. Der mit seiner Frau und den fünf Kindern aus dem Libanon übers Mittelmeer geflohen ist und nun in einer unsanierten Plattenbauwohnung mit verschimmelten Wänden und einer Küche ohne Fenster ausharrt.

Abgelehnter Asylantrag

Selbst im Sitzen wirkt er noch groß, ein schlanker, kräftiger Mann mit traurigen Augen. Er hat zugestimmt, seine Geschichte Dresdner Bürgern zu erzählen, die ins Museum kommen, um sich über die Situation der Flüchtlinge in der Stadt zu informieren. Ahmads Töchter tragen seit einigen Wochen Wollmütze statt Kopftuch, um nicht als Musliminnen aufzufallen. Und als er gefragt wird, welcher Satz seine Situation am besten beschreibt, antwortet er: "Keine Ruhe".

Rechts von Faida sitzt Ismael, und er hat keine Angst mehr. Er gibt auf. "Ich habe acht Jahre meines Lebens umsonst gewartet. Acht gestohlene Jahre, in denen ich weder arbeiten noch sonst etwas tun konnte." Sein Asylantrag: Abgelehnt. Er wird geduldet, kann jeden Tag abgeschoben werden. Fünf Mal hat er es in den vergangenen acht Jahren bis in die Innenstadt von Dresden geschafft. Erst zu Jahresbeginn wurde die Residenzpflicht aufgehoben.

Seine Heimat, Westsahara, befindet sich in einem Schwebezustand zwischen marokkanischer Annexion und autonomer Zone. Er kehrt nun zurück. Die anderen hier sagen, er habe sich ans Militär verkauft.

Der Weckruf

Ellen Demnitz-Schmidt, Leiterin des Jugendhauses Spike im Stadtteil Leubnitz-Neuostra, lässt sich durch keine dieser Nachrichten und Geschichten entmutigen. Als vor einigen Wochen der Eritreer Khaled Idris Bahray in der Siedlung direkt neben dem Spike erstochen wurde, war das für sie wie ein Weckruf.

"Wir haben einfach die Türen aufgemacht, und mittlerweile kommen etwa 35 Flüchtlinge aus der Nachbarschaft zu uns. In Kürze hat jeder von denen einen eigenen Gesprächspartner, mit dem er auch mal etwas unternehmen kann."

Unterstützt wird sie von einem weiteren Sozialarbeiter und von Gina Demnitz, ehrenamtliche Vorsitzende des Vereins und Ehefrau von Ellen Demnitz-Schmidt. Mit großer Gelassenheit regeln die beiden Frauen nun täglich außer Samstags den Betrieb im Spike, zwischen Graffiti- und Hip-Hop-Szene, Cos-Playern, Näh- und Tanzgruppen – und eben auch traumatisierten jungen Flüchtlingen aus Nordafrika.

"Der Dresdner mag ja merkwürdig sein", sagt Ellen Demnitz-Schmidt. "Aber wenn er weiß, es gibt eine Notlage – dann will er zuerst ganz genau wissen, wer ist das, was passiert hier – und dann packt er mit an."

Stern-Reporterin Silke Müller twittert unter @silkeundmueller über ihre aktuellen Recherchen. Ihre Reportage über Dresden "Im falschen Licht" können Sie im neuen stern lesen – ab Donnerstag am Kiosk

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