Gesundheitliches Gutachten
Wenig Wasser, kaum Kraft: Walrettung laut Experten unmöglich

Umweltminister Till Backhaus (SPD) und Experten gaben auf der Insel Poel aktuelle Erkenntnisse bekannt. Foto: Philip Dulian/dpa
Umweltminister Till Backhaus (SPD) und Experten gaben auf der Insel Poel aktuelle Erkenntnisse bekannt. Foto
© Philip Dulian/dpa
Es waren unzählige wissenschaftliche Untersuchungen beim gestrandeten Wal. Nun geben die Experten vor Ort ein ernüchterndes Statement. Was die Gründe sind.

Die Hoffnungen auf eine Rettung des in der Ostsee vor Wismar gestrandeten Buckelwals haben sich erneut aufgelöst. Das Tier soll weder lebend geborgen werden, noch werde es sich aus eigener Kraft befreien können, wie die Experten nach diversen wissenschaftlichen Untersuchungen der vergangenen Tage bei einer Pressekonferenz auf der Insel Poel mitteilten.

Der Patient sei "schwerstkrank", sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD), der ebenfalls vor Ort war, über den großen Meeressäuger. "Wir wissen nur nicht, wie lange er noch braucht für diesen Prozess. Das wissen wir alle nicht. In der Wissenschaft sagt man: Wenn er an Land liegt um die fünf Tage, wenn er im Wasser ist, kann es auch länger dauern."

"Das ist eine der schwersten Entscheidungen, die ich in meinen 28 Jahren als Minister treffen musste", betonte Backhaus mit Blick auf die aktuelle Situation. Aber Verantwortung bedeute, auch solche Entscheidungen zu treffen, "unabhängig davon, ob sie einem persönlich schwerfallen." 

Lebendbergung ausgeschlossen

Zuvor hatte Stephanie Groß vom Institut für terrestrische und aquatische Wildtierforschung (ITAW) gesagt, dass sich der Zustand der Haut des Tieres zuletzt weiter verschlechtert habe. "Sie fängt an, auf der Oberfläche deutlich einzureißen", sagte Groß. Würde man versuchen, den Wal etwa mit Gurten oder Seilen anzuheben, bestehe die Gefahr, die Haut abzuziehen. 

Der Wal sei in seiner aktuellen Position von weniger Wasser umgeben als an früheren Orten. "Das heißt, es ist davon auszugehen, dass es auch zu Organschäden gekommen ist". Man müsse davon ausgehen, dass das Tier am Stress versterben würde, wenn man es aufnehmen würde, sagte Groß. "Deshalb würden wir auf alle Fälle davon abraten, dieses Tier irgendwie lebend bergen zu wollen." Das Institut hatte seine tierärztliche Expertise bei der Bewertung des Gesundheitszustands des Tieres eingebracht.

Zuletzt hatte auch ein neuer Rettungsversuch mit einem Katamaran im Raum gestanden. Das Boot sei in Dänemark verfügbar und könne das zwölf Tonnen schwere Tier mit breiten Gurten hochheben und lebend transportieren, wie es hieß. "Das schließen wir jetzt aus", sagte Backhaus nun. "Wenn ein guter Zustand uns bescheinigt worden wäre, hätten wir das auch in Angriff genommen."

Wasserpegel müsste um 60 Zentimeter höher sein

Der Wasserstand liegt aktuell bei 1,40 Meter, sagte der Direktor des Deutschen Meeresmuseums, Burkard Baschek, auf der Insel Poel. Das Tier liege "in einer Mulde im sehr weichen Sediment von etwa 30 Zentimeter", der Rücken rage rund 40 Zentimeter aus dem Wasser. "Wenn es sich aus eigener Kraft freischwimmen wollte, bräuchte es einen Wasserstand, der um etwa 60 Zentimeter höher ist als heute."

Diese Hoffnung gebe es aber nicht. "Die Prognose gibt das nicht her für die nächsten vier Tage. Da ist eher ein leicht sinkender Wasserstand vorhergesagt", sagte Baschek. "Darüber hinaus ist die Gesamtkonstitution und Kraft schlichtweg nicht da." Die Situation sei für alle unbefriedigend und es sei nicht schön, das Tier dort draußen so zu sehen. "Das ist für uns alle sehr bitter." Zuletzt war der Pegelstand laut Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie wieder höher gewesen.

Zustand des Wals verschlechtert sich

Groß sagte, dass der Wal zuletzt auf Annäherung per Boot praktisch nicht mehr reagiert habe. Zuvor habe er noch die Schwanzflosse bewegt oder den Kopf angehoben. Zuletzt habe er die Annäherung aber "relativ stoisch hingenommen".

Den Wal zu erlösen, wurde laut Ministerium intensiv geprüft und kommt demnach nicht infrage. Bei den grundsätzlich anwendbaren Methoden – wie der Einsatz einer Harpune, die Verabreichung von Giftstoffen oder eine Sprengung – gebe es ein erhebliches Restrisiko, dass sie nicht unmittelbar wirken und das Tier dadurch zusätzlich leiden würde.

Seit mehr als einer Woche liegt der rund zwölf Meter lange Wal vor Wismar. Er ist vermutlich krank und verletzt. Ein Expertenteam war am Vormittag erneut mit einem Schlauchboot zum Wal gefahren, um sich ein aktuelles Bild zu verschaffen, wie ein Sprecher des Schweriner Umweltministeriums bestätigte. Taucher hätten zudem geprüft, ob das Tier seine Lage verändert hat oder weiter in den Ostseeboden eingesunken ist.

Minister: Konzept zur Bergung steht

Das Konzept für eine spätere Bergung steht nach den Worten von Backhaus. "Das Konzept ist fertiggestellt, das ist in der Endabstimmung", sagte er. Die Bergung müsse zwei Tage vorbereitet werden und würde dann einen Tag dauern. Backhaus betonte: "Die Würde dieses Tieres werden wir sehr genau beobachten und beachten." Wann geborgen werden soll, ist bislang nicht bekannt. Unternehmen aus Mecklenburg-Vorpommern und Dänemark stünden dafür unter Vertrag.

Bei der Bergung seien Schiffe und Hebezeuge dabei, sagte Backhaus. "Man muss ihn ja irgendwie rauskriegen." Mit Blick auf die Frage, ob man das Tier erlösen könne, sagte Backhaus: "Die Option ist, das Tier in Ruhe zu lassen."

Backhaus brachte zudem die Koordination der Küstenländer Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Niedersachen für derartige Fälle ins Spiel. Er sei dazu im Gespräch mit dem Havariekommando. Der nächste Wal werde kommen, sagte der Minister.

dpa

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