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Libanon Mitten im Ausnahmezustand – wie der Kabarettist Christian Springer den Menschen in Beirut hilft

Trümmer in Beirut
Wie auf dieser Straße im Viertel Gemmayze wurde in Eigeninitiative aufgeräumt, was ging. Auf den Staat hofft hier niemand
© Stephane LAGOUTTE / M.Y.O.P
Die Straßen in Beirut sind freigeräumt, die Wut der Menschen jedoch wächst weiter. Nach der Explosion am Hafen sind es Privatleute, die anpacken und helfen – unter ihnen auch ein deutscher Kabarettist.
Von Jonas Breng

Den Weg in die Apokalypse tritt Christian Springer im Inneren eines Krankenwagens an. Hinten. Versteckt auf der Ladefläche. Was allein schon über­raschend wirkt, wenn man Springers größtes Talent bedenkt: Aufmerksamkeit kreieren!

Es ist ein Montagmorgen, und die alte Ambulanz der Feuerwehr von Beirut kämpft sich hupend durch den Verkehr. Springer, 1,90 Meter groß, blaues Hemd, graue Faltenhose, der hinten sitzt, weil ­Zivilisten in Krankenwagen im Libanon verboten sind, hat sich auf einem Notsitz zusammengefaltet und versucht nun, ­einigermaßen würdevoll auszusehen. Was gar nicht so leicht ist. Das Auto schwankt wie ein Schiff in Seenot.

Christian Springer


Christian Springer, Kabarettist aus Bayern, versorgt mit seiner Organisation „Orienthelfer“ die Ausgebombten in Beirut
© Stephane LAGOUTTE / M.Y.O.P

Der deutsche Kabarettist muss sich an der Krankenliege neben sich festhalten. Im Prinzip, sagt Springer, sei ja das Problem des Libanon bekannt: die Korruption und Untätigkeit der herrschenden Klasse. Trotzdem dürften auch nach so einer Katastrophe internationale Hilfsgelder nur von Staat zu Staat gehen, also an die verhasste Regierung. „Das ist die Tragödie, vor der die internationale Politik hier gerade steht. Die Leute hier weinen auf den Straßen und ­rufen: Gebt nichts an unsere ­Minister!“

Mit Berlin habe er darüber schon gesprochen. Immerhin kenne er einige Minister persönlich, sagt Springer. Die junge Frau vor ihm ist von der Beiruter Feuerwehr und mit Springer auf dem Weg in den Hafen von Beirut. Dorthin, wo Anfang August Hunderte Tonnen Ammoniumnitrat detonierten. Das Gelände ist nach wie vor ­gesperrt. Soldaten bewachen das Trümmerfeld. Es herrsche aber immer noch ziemliches Chaos an der Explosionsstelle, sagt die junge Feuerwehrfrau zu Springer. Erst gestern haben sie wieder eine Leiche aus dem Schutt gezogen. Meistens seien es allerdings nur Körperteile.

Zerstörte Apartments im Viertel Mar ­Michaïl


Freiwillige und NGO-Mitarbeiter räumen in Apartments im Viertel Mar ­Michaïl auf und überprüfen die Infrastruktur der Gebäude
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Springer schluckt und wirkt für einen Moment etwas aus dem Konzept. Er ist in den Libanon gekommen, um sich, wie er sagt, „selbst ein Bild zu machen“. Es ist eine Formulierung, die etwas irritiert, weil Springer ja kein Politiker ist. Sondern eben Kabarettist. Normalerweise ist er im Fernsehen zu sehen oder auf Bühnen, wo er Markus Söder oder Horst Seehofer aufs Korn nimmt. Eine seiner bekanntesten Rollen war der „Fonsi“, ein schusseliger Kassierer im Schloss Neuschwanstein.

Wie rettet man ein rettungsloses Land?

Auch im Libanon ist Springer ein bekannter Mann. Er kennt wichtige Politiker und Geschäftsleute, Botschafter und Künstler. Seine Organisation „Orienthelfer“ betreut viele soziale Projekte im Land und half in den vergangenen Jahren von hier aus vor allem in Syrien. Das erste Mal war Springer, der Arabisch studiert hat, Anfang der 90er Jahre in Beirut, kurz nach dem Bürgerkrieg. „Der Libanon und ich, das ist eine innige Beziehung“, sagt Springer. Deshalb will er beim Wiederaufbau mitanpacken. Bleibt also die Frage: Wie rettet man ein rettungsloses Land?

Springer mit Michel Elefteriades


Kontakte sind hier alles: Springer mit dem umstrittenen Musikproduzenten Michel Elefteriades (mit Kappe) und dessen Vater (l.)
© Stephane LAGOUTTE / M.Y.O.P

Schon vor der Katastrophe war der ­Libanon krisengeschüttelt: die Wirtschaft am Boden, die Inflation außer Kontrolle. Seit fast einem Jahr befindet sich das Land im freien Fall. Die Preise sind explodiert. In vielen Teilen des Landes fehlt es an verlässlichem Strom, Wasserversorgung, Medikamenten. Dann kam zu allem Übel auch noch Corona. Und jetzt die Explosion.

Springer war gerade bei seinem 90-jährigen Vater in München zu Besuch, als ihn die Nachricht aus Beirut erreichte. Danach war auch bei ihm Ausnahmezustand. Springer telefonierte, organisierte. Vor ­allem aber musste er sich um eine seiner Mitarbeiterinnen kümmern, die vor Ort bei der Detonation verletzt worden war. Ein Metallsplitter steckte in ihrem Rücken. „Es ist ein Wunder, dass Sina überlebt hat“, sagt Springer, als er kurze Zeit später aus dem Hafen zurück ist. Was er dort gesehen hat, hat ihn sichtlich mitgenommen.

Der 55-Jährige läuft jetzt durch Gemmayze, einen der bis vor Kurzem hippen Stadtteile direkt am Hafen. Rechts und links stehen Autos, die aussehen, als ­wären sie aus einer Schrottpresse gefallen. Vor einem schicken weißen Haus bleibt Springer stehen. Es ist sein erster Besuch in dem Gebäude, in dem er früher einmal gewohnt hat und in dem seine Organisation unlängst noch untergebracht war. Springer stößt die Haustür auf und steht kurz darauf in einer einst prächtigen Wohnung. Die Fenster im Salon sind zerborsten. Perserteppiche und Bilder stehen zu kleinen Haufen aufgetürmt im Weg herum.

„Mein Gott“, haucht Springer und läuft seufzend von einem Raum zum anderen. Im kaputten Schlafzimmer nimmt er sich eine Krawatte vom Haken, die er sich schweigend vor einem zerborstenen Spiegel zu einem Knoten bindet. „So“, sagt er nach einer Weile etwas dramatisch. „Jetzt kann der Wiederaufbau beginnen.“

Soundtrack des Trotzes

Etwas später an diesem Tag besucht er auf einer Schotterpiste eine der Suppenküchen, die seine Hilfsorganisation betreibt. Früher gehörte die Feldküche der Bundeswehr, heute steht sie direkt gegenüber der Explosionsstelle und hat bislang knapp 1200 Menschen mit Essen versorgt.

Springer begrüßt ein paar Leute und hockt sich dann auf eine Kiste, um mit dem iPhone ein Twitter-Video aufzunehmen. „Dieser Gruß geht an Ursula von der ­Leyen, die das hier möglich gemacht hat“, sagt Springer in die Kamera, an die ehemalige Verteidigungsministerin gerichtet. Im Hintergrund ist von allen Seiten das Hämmern und Scheppern der Aufräumar­beiten zur hören. Zwei Wochen nach der Explosion sind sie im vollen Gange.

Es ist ein Soundtrack des Trotzes. Denn die Libanesen haben sich in den vergangenen Wochen vor allem selbst geholfen. Freiwillige aus dem ganzen Land sind nach Beirut gekommen, um Schutt weg­zu­schleppen, Scherben zu fegen und einsturzgefährdete Häuser leer zu räumen. Die Arbeiten gehen gut voran. In den mittlerweile freien Straßen mischt sich ein Hauch Normalität ins Chaos.

Der Staat zeigt sich in diesem neuen Alltag vor allem in Gestalt von Soldaten. Sie sitzen im Schatten neben den Zelten der Hilfsorganisationen und rauchen. Offiziell sind sie präsent, um Plünderungen zu verhindern. Doch die Stimmung ist angespannt. Denn obwohl die Regierung um Premier Hassan Diab nach den Protesten, die auf die Explosion folgten, zurücktrat und nur noch kommissarisch im Amt ist, wurden die Kompetenzen des Militärs zuletzt ausgeweitet. Der Ausnahmezustand ist ab sofort Alltag in Beirut.

Ein Soldat vor einem zertrümmerten Haus


Die oft einzige Präsenz des Staates sind Soldaten, die Plünderungen verhindern sollen – Demos aber auch
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„Die Regierung wird mit diesen Maßnahmen weitermachen. In ein paar Tagen wird ein Lockdown verhängt. So können die Regierenden Proteste und Corona gleichzeitig bekämpfen“, sagt Nabil Haddad. Der kleine, runde Mann mit dem freundlichen Gesicht ist Springers rechte Hand im Libanon. Haddad hat lange in Deutschland gelebt und viel Geld mit ­Immobilien und Mähdreschern verdient. In der libanesischen Politik kennt er viele mit Vornamen. Für die Regierung gehe es momentan darum, so etwas wie Ruhe herzustellen, sagt Haddad, als Springer und er kurz darauf zurück ins Auto klettern und in die Innenstadt fahren. Durch das Fenster kann man sehen, was jemand mit ­Farbe an die Mauer zum Hafen geschrieben hat. „My government did this“. Das hat meine Regierung getan.

Einer, der auf die Ruhe, von der Haddad spricht, gar keine Lust hat, sitzt in einem Zelt an der Hauptstraße von Gemmayze. „Hier – hier haben sie mich getroffen“, sagt Elie Haykal und krempelt sein Hemd hoch. Er zeigt auf seinem Arm Einschussstellen von Schrotkugeln. „Das waren Polizisten bei den letzten Demonstrationen, sie haben scharf geschossen“, sagt er. Der 29-Jährige, der eine Frau und einen drei Jahre alten Sohn hat und aus einem Dorf im Norden stammt, ist seit zwei Wochen in Beirut. Gleich nach der Explosion sind er und ­seine Freunde losgefahren. Um zu helfen. Aber auch, um ihrer Wut Luft zu machen. Haykal hat in der Wirtschaftskrise so gut wie alles verloren. Den kleinen Pub, den er besaß. Seinen Job als Taxifahrer. Sein Auto.

Schon bei den Demos im vergangenen Oktober war er deshalb dabei. Seine Freunde und er schlafen auf ein paar Matratzen direkt an der Straße. „Die Explosion hat die Revolution verändert. Es gibt mehr Wut und mehr Einigkeit als vorher“, sagt Haykal. Damals, im Oktober, hätten sie eigentlich keinen so rechten Plan gehabt, aber das sei jetzt anders. Wie dieser Plan konkret aussieht, will Haykal nicht verraten. Aber man solle sich von der momentanen Ruhe auf Beiruts Straßen nicht täuschen lassen. „Die Revolution geht weiter“, sagt er.

Ausgepresst wie eine Zitrone

Tatsächlich scheint die politische Klasse nicht in der Lage, das Land zu reformieren. Bis es Neuwahlen gibt, glauben Experten, könnte es noch Jahre dauern. Zudem ist es fraglich, ob Wahlen überhaupt etwas bringen würden. Die wahren Herrscher des ­Libanon sind nicht die Politiker. Es sind die alten Warlords aus dem Bürgerkrieg von 1975 bis 1990, die im Hintergrund die ­Strippen ziehen.

„Wir haben es mit einer Machtclique von alten Männern und ihren Clans zu tun, die den Staat als Privatbesitz unter sich auf­geteilt haben. Da hat jeder versucht, für seine Gruppe das meiste rauszuholen“, sagt Springer, während das Auto durch die Hochhausschluchten der verlassenen Geschäftsviertel von Downtown Beirut fährt. Allerdings sei dieses System mit dem Währungsverfall jetzt an ein Ende gestoßen. „Die Zitrone ist ausgepresst“, sagt Springer.

Nabil Haddad von mit Christian Springer


Nabil Haddad (l.) ist ein Freund von Springer. Zusammen lassen sie ein Hotel für Obdachlose aus Beirut renovieren
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Der Westen war lange geduldig mit dem Libanon. Weil er in den vergangenen Jahren als Auffangbecken für syrische Flüchtlinge diente. Aber auch, weil das Land trotz allem als Oase der Demokratie galt. Während es in den Nachbarländern vor Autokraten und Diktatoren nur so wimmelte, herrschte im Libanon stets eine relative Meinungs- und Pressefreiheit.

Politisch basiert das Land auf einem Proporzsystem, dessen Anfänge aus der französischen Mandatszeit stammen. Dieses System sichert jeder religiösen Gruppe festen politischen Einfluss und feste Posten zu. Man einigte sich darauf, dass das Staatsoberhaupt stets ein maronitischer Christ, der Premier ein Sunnit und der Parlaments­präsident ein Schiit sein muss. Diese politische Architektur war Segen und Fluch ­zugleich. Einerseits sorgte sie auch nach Korrekturen an dieser Regelung nach dem Bürgerkrieg für eine gewisse politische Stabilität. Andererseits führte sie zu Lethargie und Vetternwirtschaft.

Die vom Iran finanzierte und bewaffnete Hisbollah nutzte die Schwäche des Arrangements stets dazu, ihren Einfluss auszuweiten. Ihre Parteimiliz ist die stärkste Macht im Land. Vor allem, weil sie deutlich schlagkräftiger ist als die libanesische Armee. „Wenn ich mich hier auf die Straße stellen würde und lauthals über Nasrallah, den Chef der Hisbollah, schimpfte, dann würde innerhalb von 30 Minuten jemand kommen und mich zusammenschlagen“, sagt Haddad. Die Hisbollah sei das größte Hindernis, wenn es um einen Neuanfang für den Libanon geht.

Beten, dass die Maschinen durchhalten

Wie nötig der Libanon Veränderungen hat, weiß auch eine Frau, die hinter einem gewaltigen Schreibtisch im Herzen von Beirut sitzt. Rima Bichazi, 47, ist Direktorin des privaten Khoury-Krankenhauses in der Nähe der Amerikanischen Universität. Bichazi und Springer, die sich aus der besseren Beiruter Gesellschaft kennen, sind Freunde. Springer ist an diesem Nachmittag gekommen, weil seine Organisation mit Spenden für die Klinik helfen will. Das Krankenhaus wurde bei der Explosion beschädigt. Wenn auch nicht so schlimm wie drei andere Hospitäler, die komplett zerstört wurden. „Mein bester Freund liegt oben auf der Intensivstation im Koma. Er war in einem Fitnessklub in Gemmayze, als er durch die Detonation von einer Hantelbank getroffen wurde“, sagt Bichazi.

Krankenhaus­chefin Rima ­Bichazi


Krankenhaus­chefin Rima ­Bichazi sorgt sich um ihre Klinik, die durch die Druckwelle beschädigt wurde
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Auf den ersten Blick wirkt sie nicht wie ein Mensch, der Hilfe braucht. Bichazi kommt aus einem reichen Elternhaus, hat in Harvard studiert, und hinter ihr, auf dem Schreibtisch, steht eine Gucci-Tasche. Trotzdem fängt auch ihre stolze Stimme an zu wackeln, wenn es um die Zukunft des Gesundheitssystems im Libanon geht. „Wenn es so weiterläuft, muss ich sogar dieses private Krankenhaus in spätestens einem Jahr schließen. Ich bete jeden Abend, dass unsere Maschinen durchhalten. Wenn sie ausfallen, können wir sie nicht ersetzen.“

Das größte Problem sei die Inflation, sagt Bichazi. Medizinische Prozeduren im Libanon würden zu festgelegten Sätzen abgerechnet, allerdings stammten diese aus dem Jahr 1992. Heute sei das Geld nur noch ein Sechstel so viel wert. Trotzdem mache sie weiter, sagt Bichazi. „Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich habe 200 Angestellte. Wir Libanesen sind einfach unfähig aufzugeben.“

Lähmende Korruption 

Das sieht Bechara Moufarrej anders, den Springer später am Abend an der Hotelbar trifft. Moufarrej ist der einzige Startenor des Libanon, ein junger Mann mit perfekten Manieren und fein gestutztem Bart. Springer, der ein großer Opernfan ist und das erste Mal an diesem Tag entspannt aussieht, hat ihn zum Bier eingeladen. Er habe immer den Traum gehabt, die europäische Opernkultur in den Libanon zu bringen, sagt Moufarrej, aber das fühle er jetzt nicht mehr. Nach der Explosion sei alles anders. „Jetzt will ich nur noch weg. Ich habe keine Zeit mehr, auf dieses Land zu warten.“

Moufarrej ist mit diesen Fluchtgedanken nicht allein. Viele der gut ausgebildeten Libanesen überlegen gerade, das Land zu verlassen. Die meisten zieht es nach ­Kanada, Europa oder Brasilien, dorthin, wo schon jetzt Millionen Exil-Libanesen wohnen, mehr als im Libanon selbst.

Bechara Moufarrej


Bechara Moufarrej ist der Startenor des Libanon. Er glaubt nicht mehr, dass er hier eine Zukunft hat
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Lähmende Korruption 

Am nächsten Tag dann, es ist schon Mittag, steht Springer auf einem Berg im ­Osten des Libanon und blinzelt in die Sonne. ­Zusammen mit Haddad ist er nach Zahla gereist, der größten christlichen Stadt des Landes. Sie liegt in der Bekaa-Ebene, einer gewaltigen Hochebene voller Olivenbäume und Obstplantagen, direkt an der syrischen Grenze. Hier lebt ein Großteil der über eine Million syrischen Flüchtlinge, der Libanon selbst hat nur fünfeinhalb Millionen Einwohner. „Umgerechnet auf die Bevölkerung bedeutet es, als hätte Deutschland 15 Millionen Flüchtlinge aufgenommen“, sagt Springer.

Er will hier das alte Hotel besuchen, das er mit seinem Freund Haddad in der Nähe des Bergstädtchens Adschaltuns renovieren lässt. Es soll in ein paar Wochen Menschen beherbergen, die ihre Wohnung durch die Explosion verloren haben. Springer ist ein Mann, der keine Sorgen zu kennen scheint, sondern nur Lösungen – dazu gehört auch die Idee, ein Hotel zum Obdachlosenheim umzufunktionieren.

Das einzige Thema, bei dem er wirklich ungehalten wird, ist die Korruption. Manchmal mache es ihn wütend, wenn er sich die Liste der Milliardäre angucke, die nichts tun, sagt Springer. Er erzählt, dass er vor einiger Zeit mal bei der Frau von Nabih Berri zu Besuch war, dem Parlamentssprecher und einem der wichtigsten schiitischen Politiker. „Das Haus war so groß wie ein Stadtmuseum. Das bekommt man nicht von einem Beamtenlohn“, sagt Springer. Im Westen würden viele das Ausmaß der Korruption im Libanon unterschätzen. Springer erklärt sie am liebsten so: ­„Nehmen Sie die Mafia in Italien. Wenn dort irgendwo eine Autobahnausfahrt ­gebaut werden soll, kassieren die ab. Aber am Ende ist die Ausfahrt da. Im Libanon ist das anders. Es wird abkassiert, aber am Ende gibt es keine Ausfahrt.“

Die stabilste Währung im Land

Trotzdem weiß auch Springer, dass im Libanon nicht viel geht ohne die Mächtigen. Auf dem Rückweg nach Beirut wird deshalb noch einmal an einer großen Villa haltgemacht. Auf einer Terrasse mit Pool und Blick aufs Meer sitzt der bekannte und umstrittene Musikproduzent Michel Elefteriades mit seinem Vater. Die beiden Männer haben mit Restaurants und Nachtclubs Millionen verdient. Über den Sohn, einen Mann mit Che-Guevara-Kappe, schrieb der „Spiegel“ einst, dass er im ­Bürgerkrieg als grausamer Kämpfer gefürchtet war und danach zum politischen Aktivisten wurde. Springer lässt sich neben Haddad, der das Treffen organisiert hat, auf eines der blauen Sofas sinken. Ganz genau hat Haddad Springer nicht erklärt, wer der Mann eigentlich ist. Aber Springer weiß auch so, worum es hier geht. Kontakte. Die stabilste Währung im Libanon.

„Orienthelfer“ verteilen Essen


In einer mobilen Suppenküche kochen und verteilen „Orienthelfer“ in unmittelbarer Nähe zum Hafen täglich Mittagessen an die Menschen
© Stephane LAGOUTTE / M.Y.O.P

Mit dem Produzenten spricht er dann vor allem über Corona. Und die Situation in Beirut. Der Millionär und sein Vater gehören zum Lager von Präsident Michel Aoun. Der Christ und ehemalige General aus dem Bürgerkrieg ist trotz der Proteste immer noch im Amt und wird bei den Verhandlungen über ein neues Kabinett eine Schlüsselrolle spielen. Das sagt viel über das Machtgefüge im Libanon – dass ein 85-jähriger Mann mit labiler Gesundheit sich als Hoffnungsträger sehen kann.

Auch Springer glaubt nicht, dass es in den nächsten Monaten besser wird in ­Beirut. Trotzdem, so verkündet er es vor seiner Abreise auf der Terrasse des Produzenten, fahre er mit einem guten Gefühl nach Hause. „Ich habe gesehen, dass unsere Hilfe hier ankommt. Und ganz ehrlich, wenn ich keine Hoffnung für den Libanon hätte, würde ich in den Flieger steigen und nicht mehr wiederkommen.“

Dann springt er ins Auto. Vor seinem Abflug will er noch im Hotel an seinem neuen Kabarettprogramm arbeiten. Thema: der Weltuntergang.

Erschienen in stern 37/2020

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