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Jahresrückblick 2014: Die 20 wahren Alben des Jahres

Statt einer Liste zum Beeindrucken gibt es hier eine Liste zum Begeistern: Wir verraten, welche 20 Alben wir in diesem Jahr immer wieder gehört haben. Schnuppern Sie mal rein!

Von M. Schmidt, O. Creutz, A. Burchardt, T. Schmitz

Zum Jahresende erscheinen überall Listen mit den wichtigsten Alben des Jahres. Darunter sind immer auch solche, die Kritiker nur aus einem Grund empfehlen: Um andere Kritiker oder die Leser zu beeindrucken Wir machen das anders: Wir verraten, was wir in diesem Jahr wirklich immer wieder gehört haben. Und uns ist völlig egal, ob das jemanden beeindruckt. Aber wir hoffen natürlich, dass Sie sich von unserer Begeisterung anstecken lassen.

Matthias Schmidt empfiehlt:

Das Musikjahr 2014 war buchstäblich für den Arsch. Wohin man auch schaute, das weibliche Gesäß war schon da und twerkte und twistete, bis die Backen glühten. Von Jennifer Lopez und Iggy Azalea über Nicki Minaj und Meghan Trainor bis hin zur ehemaligen Country-Unschuld Taylor Swift. Die Songs dazu waren tanzbar und rhythmisch gut durchgeschüttelt, so richtig vom Hintern ins Herz schaffte es aber kaum einer. Gut, dass es auch noch Frauen gab, die Pop nicht nur mit Popo gleichsetzen, sondern auch mit Stimme und Melodie ins Rampenlicht traten. Die Heldinnen des Jahres:

Lana Del Rey: "Ultraviolence"
Von vielen Bescheidwissern war Lana del Rey schon als Mädchen von gestern abgestempelt worden, doch dann meldete sich die 29-jährige Amerikanerin 2014 mit "Ultraviolence" zurück, einem Bündel an schwelgerischen, traumverlorenen Liedern. Eindrucksvoll.

Kate Bush live in London
Es fühlt sich auch ein paar Monate später noch an wie eine Erscheinung. Kate Bush, die große Verschwinderin der Popgeschichte ist wirklich zurückgekehrt auf die Bühne. Für 22 Konzerte in London, die nach zwei Nanosekunden ausverkauft waren. Einen Live-Mitschnitt gibt es leider (noch) nicht, gespielt hat sie vor allem Songs aus den Alben "Aerial" und dem ewig schönen "Hounds of Love".

Banks: "Goddess"
Banks kommt aus Los Angeles, ihr Soul mit elektronischen Fetzen könnte aber auch gut aus einem Keller mitten in London stammen. Das Album "Goddess" ist eine kleine, feine Nachtmusik, beruhigend und verführerisch - zum Einschlafen dann aber doch viel zu schön.

Kate Tempest: "Everybody Down"
Kate Tempest kommt wirklich aus London und klingt auch in jeder Sekunde so. Man könnte endlos über ihre sozialkritischen Texte und ihr erstaunliches Sprachtalent grübeln, die rauen Beats auf "Everybody Down" überwältigen aber auch, ohne dass man lange nachdenken muss. Die gute Anne Clark kann endlich in Rente gehen.

Zola Jesus: "Taiga"
Die Amerikanerin mit russischer Seele und einer Vorliebe für Dostojewski und Joy Division galt bislang eher als als Operndiva für Gothic-Fans. Auf ihrem neuen Album flirtet Zola Jesus nun unverschämt mit dem ganz großen Pop. Das ist Lorde für Erwachsene.

Weihnachtlicher Bonus-Tipp
Immer noch und immer wieder der beste Song von und zu und über Weihnachten und überhaupt. Zudem drei Jahre jünger als "Last Christmas" von Wham!. "Fairytale in New York" von den irischen Punkrockern The Pogues, inklusive der unsterblichen Zeile: "Happy Christmas your arse/ I pray God it's our last"

Matthias Schmidt ist Kulturredakteur beim stern.

Oliver Creutz empfiehlt:

Thurston Moore: "The Best Day"
Als sich die Band Sonic Youth trennte, war der Schmerz eher gering. Auf dem neuem Soloalbum vom früheren Sonic-Youth-Sänger Thurston Moore aber ist zu spüren, was seine alte Band so großartig machte: Die Gitarren spielen zusammen wie ein Orchester, das sich nicht an Noten halten muss.

Real Estate: "Atlas"
Das ist eine dieser Platten, über deren Lieder ich mich in den vergangenen Monaten immer wieder neu freute, wenn eines von ihnen von meinem iPod gespielt wurde. "Atlas" von Real Estate ist Gitarrenpop, der sich genauso anfühlt wie eine Wiese nach einem Sommerregen duftet.

Led Zeppelin: "I"
Jimmy Page hat fünf Led Zeppelin-Alben neu mischen lassen in diesem Jahr. Das Beste davon ist wahrscheinlich "III", aber nur auf dem Led-Zeppelin-Debüt "I" lässt sich hören und nachspüren, wie im Jahr 1969 eine Musik aus dem Feuer gehoben wurde, wie sie es bis dahin so nicht gegeben hatte.

Wovenhand: "Refractory Obdurate"
David Eugene Edwards postet sehr viele Bibelstellen auf seiner Facebook-Seite. Kein Wunder, denn auch auf der neuen Wovenhand-Platte singt er über biblische Figuren wie Salome und König David - und das mit einer Wucht, die selbst Gotteszweifler demütig werden lässt.

Mirel Wagner: "When the Cellar Children See the Light of Day"
Von all den ungewöhnlichen, interessanten Frauen mit Gitarre im Jahr 2014 war Mirel Wagner die eindringlichste: Die in Finnland lebende Äthiopierin singt Nachtlieder von beklemmender Schönheit. Wem das gefällt, dem gefallen auch folgende Künstlerinnen: Jessica Pratt, Marissa Nadler und Luluc.

Oliver Creutz leitet das Ressort "Leben" beim stern, Sie können ihm unter @ocreutz auf Twitter folgen.

Alf Burchardt empfiehlt:

Morrissey: "World Peace Is None Of Your Business"
Große Worte, große Musik: Für sein zehntes Soloalbum hat Morrissey die Musiker angewiesen, etwas weniger Rock’n’Roll zu spielen, so bleibt ihm mehr Raum für Pathos und heiligen Zorn. Der 51-Jährige leidet weiter an der Welt – und im wahren Leben auch an Krebs. Möge er bald genesen.

FKA Twigs: "LP 1"
Nachdem Tahliah Barnett, Künstlername: FKA Twigs, aus der Provinz nach London gezogen war, verbrachte sie wenig Nächte in den Londoner Clubs, dafür viel Zeit in ihrer Wohnung mit einem Keyboard. Melodiefetzen, Stop&Go-Rhythmen und verwehter Sopran-Gesang – so fiebrig wie hier klang R&B noch nie.

Royal Blood: "Royal Blood"
Zwei junge Männer aus Brighton mit einer besonderen Variante von Drum'n'Bass: Mike Kerr und Ben Thatcher dachten lange Zeit, sie bräuchten noch einen Gitarristen, um Rock'n'Roll zu spielen. Nach einer Weile im Übungsraum stellten sie aber fest: Nö, brauchen sie nicht. Die schweren Gitarrenklänge zaubert Kerr einfach aus seinem Bass.

Black Keys: "Turn Blue"
Nur selten überrascht eine Band auch noch mit dem achten Album. Ihren rumpelnden Bluesrock aus Anfangszeiten hatten die Black Keys schon länger hinter sich gelassen, auf "Turn Blue" erinnert aber auch nur noch wenig an die Partymusik des Vorgängers "El Camino". Jetzt also poppige Psychedelic: Auch das können Dan Auerbach und Patrick Carney.

Sinkane: "Mean Love"
Krautrock und Free Jazz, Funk und Afro-Pop: Wer sucht, der findet viele Spuren in der Musik von Sinkane, einem gebürtigen Londoner, der im Sudan gelebt hat, bevor er mit seinen Eltern in die USA gezogen ist. Aber Sinkane geht sparsam mit seinen Einflüssen um, er fügt sie zu fast altmodischem Soul zusammen. Und dann erinnert sein Gesang auch noch an an Curtis Mayfield - einfach klasse.

Alf Burchardt ist Kulturredakteur beim stern.

Tobias Schmitz empfiehlt:

Eels: "The Cautionary Tales Of Mark Oliver Everett"
Einmal habe ich mit Mark Oliver Everett, dem Sänger der Eels, gesprochen. In einem dunklen Loch, das wohl eine Künstlergarderobe sein sollte. Ich fragte ihn, warum er lieber mit einem Hund als mit einer Frau zusammenlebt. Er blickte mich todernst an und sagte: "Weil Frauen keine Widerworte geben." Die Antwort gefiel mir. Weil ich nicht wusste: Meint er das ironisch? Sarkastisch? Oder bitterernst? Auf Everetts Worte allein darf man sich nämlich nicht verlassen. "Life is hard / and so am I" hat er mal gesungen. Doch wer sein Album "The Cautionary Tales Of Mark Oliver Everett" hört, der weiß: Hart ist dieser Mann nur äußerlich. Innen ist er butterweich. Dieses Album, für mich das schönste Stück Pop des Jahres, hat alles, wofür der Eeels-Sänger steht: ganz große Melodien, Momenten von schroffer Schönheit und leiser Zärtlichkeit und eine unglaubliche Traurigkeit, die nie in Resignation umschlägt.

Steve Hackett: "Genesis Revisited – Live At The Royal Albert Hall"
Gut, ich bekenne mich schuldig: Ich habe Genesis geliebt. Jedenfalls alle Songs der Peter-Gabriel-Ära. Und die, an denen Steve Hackett beteiligt war. Danach ging’s mit der Band steil bergab. Auch ich verlor die Lust. Ein Vierteljahrhundert lang verstaubten Genesis-Platten in meinem CD-Regal. Bis ich das Live-Konzert von Steve Hackett mit Gastmusikern in der Royal Albert Hall hörte. "The Musical Box" und "The Fountain Of Salmacis"! "Dance On A Volcano"! "Supper’s Ready"! Total prätentiös, klar, aber großartig. Vom ersten Ton an alles wieder da: Ich erinnere mich an fast jede wirre Textzeile. Und bekomme feuchte Augen der Ergriffenheit, wenn ich höre, wie bei "Firth Of Fifth" nach ziemlich genau 6:36 Minuten die Gitarre ihren Orgasmus bekommt. Kurz: Ich habe nicht gewusst, dass ich Genesis noch lieben kann.

Christian Redl: "Sehnsucht"
Warnung vor diesem Album! Es kommt ganz unscheinbar daher. Ganz schlicht. Leise Lieder. Kleine Geschichten. Aber plötzlich hat es Dich. Und Du hörst die Schönheit, die unter der dunklen Oberfläche liegt. Schauspieler Christian Redl, dieser bleichgesichtige Eisenschädel aus den "Spreewaldkrimis", hat sein ganzes Herz, seine ganze Seele in Musik und Texte gelegt. Das, was er singt, sind Puzzleteile seines Lebens: Elf Songs, die alle vom Selben erzählen: Von einem Mann, getrieben von der immerwährende Suche nach der Liebe, nach dem Ankommen, nach dem Bleibendürfen. Viel schönere Liebeslieder als "Gedicht" und "Sie" habe ich in diesem Jahr nicht gehört. Und ein berührenderes Seelen-Bild, als es im Titelsong "Sehnsucht" aufschimmert, kenne ich sowieso nicht.

Leonard Cohen: "Popular Problems"
Fragt man mich, wie ich gerne altern würde, dann sage ich: Wie Leonard Cohen. In Würde. Und immer bereit, der Tragik dieser Welt ein altersweises Lächeln entgegenzusetzen. Wenn ich mich frage, was ich gerne täte, als Greis, mit 80 Jahren vielleicht, dann denke ich daran, dass Cohen mit 80 Jahren noch einmal ein Meisterwerk veröffentlicht hat: "Popular Problems". Darauf viele Songs, die ganz selbstverständlich an die Cohenschen Großtaten der vergangenen 15 Jahre anschließen. Wenn man mit 80 noch so einen großartig-lässigen Song wie "A Street" hinkriegt, ist mir vor dem Älterwerden nicht bange.

Johann Sebastian Bach: "Partitas (Igor Levit)"
Hätte nie gedacht, dass ich mit dem deutschen Schriftsteller Maxim Biller was gemeinsam hätte. Habe ich aber doch. Biller hat in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" den Pianisten Igor Levit und dessen Einspielung von Bachs Partiten empfohlen. Natürlich nicht vorbehaltlos. Wofür hat man schließlich (Literatur) studiert. "Toller Pianist, schrecklicher Komponist", schrieb Biller. Ihm macht der Bach "zu viele Triller". Ihm klingen seine Kompositionen "zu kalt". Außerdem sei bei Bach zu viel "Gojim naches2 festzustellen, ein Begriff, der aus dem Jiddischen stammt und ziemlich abwertend etwas Überflüssiges, eher Wertloses bezeichnet. Was habe ich gelacht! Herrlich! Kann man, ja, darf man Johann Sebastian Bachs Musik nach diesem Urteil überhaupt noch hören? Ich bin sicher: Würde Bach noch leben, er würde zu Fuß zu Maxim Biller pilgern und ihn um Hilfe bitten: "Werter Herr Biller, meine 'Goldbergvariationen' haben so viele Triller, meine 'Matthäus-Passion' klingt so kalt, und überhaupt komponiere ist immer nur Überflüssiges. Gerade meine h-moll-Messe braucht ja kein Mensch! Was soll ich nur tun?" Ich schweife ab. Eigentlich wollte ich nur sagen, dass Igor Levits Bach-Partiten für mich die schönste Klassikplatte des Jahres ist. Sie besitzt unendlich viel Wärme, Klarheit, Kraft, Gefühl – und, ich mag mich irren – keinen einzigen Triller zu viel.

Tobias Schmitz ist Kulturredakteur beim stern.