Jüdisches Leben Alltag unter Polizeischutz

Fast 60 Jahre nach dem Ende der Hitler-Diktatur ist das jüdische Leben in Deutschland dank zehntausender Zuwanderer zu neuer Blüte erwacht. Doch die jüdischen Gemeinden leben in ständiger Bedrohung, Schmähbriefe und Friedhofsschändungen gehören zum Alltag.

Völlig abgeschirmt liegt die Hauptsynagoge der Münchner Juden in einem Hinterhof in der Innenstadt. Draußen vor der Tür des unscheinbaren Gebäudes halten schwer bewaffnete Polizeibeamte die Stellung, das Gelände wird Tag und Nacht von Kameras überwacht. "Es ist eine bittere Erkenntnis, dass die Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland immer noch nicht frei von Angst leben können", sagt Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde München. Und das sagt sie nicht nur unter dem Eindruck des vereitelten Anschlags von Neonazis auf die geplante neue Synagoge in der bayerischen Landeshauptstadt.

Zu neuer Blüte erwacht

Fast 60 Jahre nach dem Ende der Hitler-Diktatur ist das jüdische Leben in Deutschland dank zehntausender Zuwanderer wieder zu neuer Blüte erwacht. Doch angesichts ständiger Bedrohung durch Attentate von Rechtsextremisten und auch arabischen Terroristen sind die Juden von Normalität weit entfernt.

Beispiel Hauptstadt: Im Beisein des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton wurde 1995 in Berlin die durch Bombentreffer zerstörte Synagoge wieder eröffnet. Mit ihrer leuchtenden Kuppel gilt die Neue Synagoge als prächtigstes Symbol jüdischen Lebens in der Hauptstadt. Doch auch hier ist die Bedrohung allgegenwärtig: Ständig patrouillieren mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizeibeamte. Bis vor kurzem gehörten auch tonnenschwere Betonquader vor der Synagoge zum Straßenbild. Sie sollen nun durch nicht ganz so martialisch anmutende Stahlpfosten ersetzt werden.

Bedrohung und Angst gehören zum Alltag

Auch in anderen deutschen Städten gehören Bedrohung und Angst zum Alltag im jüdischen Leben. In Hamburg herrscht nach Angaben eines Polizeisprechers seit geraumer Zeit mit sichtbaren und unsichtbaren Maßnahmen ein "sehr hoher Sicherheitsstandard" für alle jüdischen Einrichtungen. In Frankfurt am Main werden sie ebenfalls von der Polizei beschützt, auch hier leben die Menschen mit der ständigen Bedrohung. "Ich kann nur sagen, dass das zur Gewohnheit wird", sagt eine Mitarbeiterin der Jüdischen Gemeinde.

"Das Leben beginnt neu", beschrieb der langjährige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, vor einigen Jahren die rasante Entwicklung der jüdischen Gemeinden. Knapp 600 000 jüdische Religionsangehörige lebten vor Beginn des Dritten Reiches in Deutschland. Die Schrecken der Hitler-Diktatur überlebten hier zu Lande gerade 12 000 Juden. Anfang der 50er Jahre gab es in der Bundesrepublik wieder 25 000 jüdische Religionsangehörige.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs erwachte das jüdische Leben in Deutschland neu. Bereits 1998 zählten die jüdischen Gemeinden in Deutschland fast 75 000 Mitglieder. 2002 waren es nach Angaben von Heike von Bassewitz, Sprecherin der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland in Frankfurt am Main, schon mehr als 100 000. Von ihnen seien mehr als 80 000 Zuwanderer, viele von ihnen aus der ehemaligen Sowjetunion. "Wenn es diese Zuwanderung nicht gegeben hätte, wäre das jüdische Leben in Deutschland fast ausgestorben."

Schmähbriefe und Schändungen jüdischer Friedhöfe

Doch auch die gestärkten jüdischen Gemeinden leben in Deutschland in ständiger Bedrohung. Beispiel Weiden: In der kleinen Stadt in der Oberpfalz gab es von 2000 bis 2002 mehr als ein halbes Dutzend Anschläge auf jüdische Einrichtungen und ihre Vertreter. Und weiter gehören in Deutschland Schmähbriefe und Drohungen gegen Juden sowie Schändungen jüdischer Friedhöfe zum Alltag. Doch trotz aller antisemitischen Anfeindungen wollen die deutschen Juden ihre Heimat nicht preisgeben. "Es wäre ein falsches Signal auf jüdischer Seite jetzt zu sagen, Juden haben keine Möglichkeit, in Deutschland zu leben", sagt Franz Schuster, Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern.

Michael Fox DPA

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