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Mafia: Italiens 9/11: Der Tag, an dem die Mafia ihren größten Jäger ermordete

Der 23. Mai ist Italiens 9/11. Denn jeder in Italien weiß, wo er heute vor 25 Jahren war, damals, als die Bombe unter der Autobahn auf Sizilien explodierte und Giovanni Falcone, den größten Mafia-Jäger der Geschichte, in den Tod riss.

Vor 25 Jahren starb Mafia-Jäger Giovanni Falcone bei einem Sprengstoff-Anschlag auf der A29 auf Sizilien

Die Autobahn ein Schlachtfeld: Vor 25 Jahren starb Mafia-Jäger Giovanni Falcone bei einem Sprengstoff-Anschlag auf der A29 auf Sizilien.

Jeder, der am 23. Mai 1992 in Italien lebte, weiß heute noch, wo er war und was er machte, als ihn die Bilder erreichten: Damals, an diesem schwülen Frühsommerabend, als um 17.56 Uhr unter der Autobahn Palermo-Trapani, kurz vor der Ausfahrt Capaci, versteckt in einem Abflussrohr 500 Kilogramm Sprengstoff per Fernzündung detonierten. Die Landschaft zerbombt, Autowracks, aufgeplatzte rote Erde, die sich wie Blut über verbogene Leitplanken und Asphaltbrocken verteilt hatte. An diesem Samstagabend starben auf der A29 auf Sizilien fünf Menschen. Einer der Toten trug den Namen Giovanni Falcone. Falcone war 53, Richter, Ermittler, der größte Mafia-Jäger der italienischen Geschichte.

Italiens 9/11, "strage di Capaci" genannt, jährt sich heute zum 25. Mal.

Giovanni Falcone

Giovanni Falcone

 Noch heute wünscht sich Giuseppe Costanza manchmal, er wäre damals an Falcones Stelle gestorben. Costanza saß in einem der drei Wagen, die die Mafia von der Autobahn bombte. Nicht im ersten der Eskorte, dem braunen Fiat Croma mit drei Leibwächtern an Bord – alle Insassen starben. Nicht im letzten, dem blauen Fiat Croma, mit drei weiteren Beschützern – sie überlebten. Costanza saß im zweiten Wagen, er saß dort auf der Rückbank. Falcone selbst hatte seinen langjährigen Chauffeur dorthin beordert, nachdem ihn dieser gegen 17.45 Uhr am Flughafen Punta Raisi abgeholt hatte. "Seiner Frau wurde im Auto schnell schlecht, deshalb fuhr er, und sie setzte sich auf den Beifahrersitz", erzählte Costanza 2012 Spiegel Online. Falcone und seine Frau wollten zu ihrem Wochenendhaus nahe Palermo. Sie kamen nie an. Nur eine Person aus Wagen 2 überlebte den Anschlag auf der A29: Giuseppe Costanza. Jahrzehnte nach dem Attentat sagte er dem Spiegel: Wäre Falcone nicht gestorben, Italien wäre ein anderes Land. "Dottor Falcone hätte es geschafft, die Cosa Nostra zu zerschlagen."

Organisiertes Verbrechen: Das sind die neuen Methoden der Mafia

Giovanni Falcone: Den ersten Mafia-Boss traf er mit 27 Jahren

Giovanni Falcone wurde am 18. Mai 1939 in Palermo auf Sizilien geboren. Er war das dritte Kind von Arturo Falcone, Leiter eines Chemielabors der Stadt, und Luisa Bentivegna. Der junge Falcone war sehr lebhaft, aber "brav, schnell und kurz gefasst". So zumindest beschrieb ihn eine seiner Lehrerinnen. Schon bald entwickelte Falcone die Bereitschaft, mehr zu leisten, mehr zu tun. "Man muss seine Pflicht bis zum Ende erfüllen, samt allen Opfern und Kosten. Denn das macht die menschliche Würde aus", sollte er später sagen.

Falcone studierte Rechtswissenschaften, seinen ersten Mafia-Boss traf er mit 27 Jahren. Er war damals Staatsanwalt am Gericht von Trapani und Mariano Licari saß auf der Anklagebank. Falcones erster Mafia-Prozess war im Italien der späten 60er-Jahre vor allem eines: selten. Die Machenschaften der Mafia wurden bis dato gerichtlich kaum verfolgt. Auch Falcones Prozess endete im Nichts: Befangenheit, das Gericht von Trapani konnte Licari nicht zur Rechenschaft ziehen. Für Falcone eine "Niederlage für die Gerechtigkeit" – und Auftakt zugleich.

1978 kehrte er, mittlerweile 39, als Untersuchungsrichter nach Palermo zurück. Er verfeinerte seine Methoden und folgte einer Spur, die an der Mafia klebte wie Pech: dem Geld. Anfang der 80er- Jahre baute er eine Sonderkommission zur Bekämpfung der sizilianischen Cosa Nostra auf. Die Mafia versuchte die Ermittlungen mit allen Mitteln zu vereiteln. Hatte sie bisher recht unbehelligt im Untergrund agieren können, war sie nun ins Visier der Ermittler geraten und antwortete mit Mordanschlägen. Doch Falcone hatte sich festgebissen: Mit der Hilfe eines sogenannten "Anti-Mafia-Pools" setzte er sich ein Ziel: die führende Köpfe der Mafia vor Gericht zu stellen. Ein Schritt, der Folgen hatte: 1980 wurden Falcone Leibwächter zur Seite gestellt. Sie wichen nie wieder von seiner Seite. Zu gefährlich war sein Leben plötzlich geworden.

"Mafia stärker präsent als jemals zuvor"

Antonio Montinaro war Chef des Falcone-Begleitschutzes. Montinaro ist Vater von zwei Söhnen und sah Gaetano und Giovanni nicht aufwachsen. Er ist ein Mann, dem seine Frau Tina Anfang Mai dieses Jahres einen Offenen Brief schrieb, weil sie seit 25 Jahren nicht mehr mit ihm sprechen kann. "Lieber Antonio, mein Mann, das ist ein Brief für dich. Möchtest du wissen, was in den vergangenen 25 Jahren passiert ist?" Antonio Montinaro saß am 23. Mai 1992 im brauen Fiat Croma, dem ersten Wagen der Eskorte, jenem, den die Detonation 60 Meter weit durch die Luft schleuderte. Die drei Leibwächter verbrannten im Wrack. Antonio Montinaro wurde nur 28 Jahre alt. "Natürlich, heute hört man nur noch selten von Schießereien, die aufs Konto der Mafia gehen", schreibt Tina Montinato in dem Brief an ihren Mann, "aber ich kann dir nicht versichern, dass das mit einem Sieg über die Mafia zusammenhängt. Meines Erachtens gibt es die Mafia noch immer. Und sie ist stärker präsent als jemals zuvor."

Bau und Immobilien, Obst und Gemüse, Müll, Drogen - die Liste der Branchen, in denen die Mafiosi auch heute noch mitmischen, ist lang. Das belegt nicht zuletzt das jüngste Beispiel aus Italien: An den Mittelmeerküsten kommen aktuell die meisten Flüchtlinge in Europa an. Die EU stattet das Land mit Millionen aus, um die Migrationskrise zu schultern. Nun wurde bekannt, dass die kalabrische 'Ndrangheta bei der Flüchtlingsunterbringung kräftig mitverdient.

"Es gibt eine Neigung, die Mafia zu unterschätzen, solange sie nicht tötet", sagt Laura Garavini, Abgeordnete der sozialdemokratischen Regierungspartei PD und Mitglied in der Anti-Mafia-Kommission des italienischen Parlaments. "In Norditalien ist die Mafia aus diesem Grund ebenfalls lange unterschätzt worden. Mit dem Ergebnis, dass sie sich einschleicht." Garavini definiert die Mafia als international agierende Firma, die immer dahin geht, wo Geld zu verdienen ist. Deutschland ist laut Bundeskriminalamt vor allem ein Flucht- und Rückzugsort für Mitglieder der Mafia, aber auch ein "Aktionsraum zur Durchführung illegaler Geschäfte und Investitionen - insbesondere in der Immobilien- und Gastronomiebranche", sagt eine BKA-Sprecherin.

"Maxi-Processo": Über 300 Mafiosi verurteilt, insgesamt 2665 Jahre Haft

"Das Paradoxe ist", schreibt Tina Montinaro an ihren Mann, "dass die größte Gefahr aktuell darin besteht, dass wir die Vergangenheit noch einmal erleben: die Zeit vor dem Terror, die Zeit, in der alles normal schien, aber nichts normal war." Montinaro denkt an das Italien vor den großen Mafia-Prozessen, an die Zeit, in der die Existenz des organisierten Verbrechens kleingeredet wurde, Gleichgültigkeit Überhand hatte. Erst in den 80ern ging der Staat – Falcone und sein Anti-Mafia-Kollege Paolo Borsellino an vorderster Front – systematisch gegen die Mafia vor. Im Februar 1986 kam es zum Gerichtsverfahren, das als "Maxi-Processo" in die Geschichte eingehen sollte: Falcone und Borsellino brachten über 400 Mafia-Mitglieder vor Gericht. Verhandelt wurde in einem eigens errichteten Hochsicherheitstrakt aus Stahlbeton, der selbst Raketenbeschuss standhalten sollte. Am Ende verurteilte das Gericht in Palermo 344 Angeklagte. Die Freiheitsstrafen summiert - 2665 Jahre. Bis heute der größte Schlag, der der Mafia jemals zugefügt wurde. Später sagte Falcone: "Meine offenen Rechnungen mit der Cosa Nostra werden erst mit meinem Tod beglichen sein." Sein Gespür sollte Falcone auch dieses Mal nicht trügen.

Noch am Tag des Attentats, dem 23. Mai 1992, erlagen seine Frau Francesca Morvillo und er den schweren Verletzungen im Krankenhaus. Falcones Kollege Paolo Borsellino starb 57 Tage später, als eine Bombe vor dem Haus seiner Mutter explodierte. Die beiden Attentate markierten einen Wendepunkt in Italien: Hunderttausende demonstrierten jetzt gegen die Mafia, viele brachen ihr jahrelanges Schweigen, neue Gesetze führten zu wichtigen Erfolgen im Kampf gegen die Cosa Nostra und der Auftraggeber des Anschlags auf Giovanni Falcone, Toto Riina, sitzt seit 1993 hinter Gittern.

Doch Chauffeur Giuseppe Costanza und Tina Montinaro sind sich sicher: Der Kampf gegen die Mafia endet nie. Deshalb spricht Costanza zu Schulklassen, deshalb tourt Montinaro mit dem Wrack von Antonios braunen Fiat Croma durch Italien. Um Vergangenes zu erinnern, um es Jüngeren neu zu erzählen und der Gleichgültigkeit die Stirn zu bieten. "Jetzt bin ich die Chefin des Begleitschutzes", schreibt Tina an ihren Mann. "Du müsstest mich sehen."

mit DPA-Material
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