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Martin Sonneborn im Interview: "Unser Auftrag ist die endgültige Teilung Deutschlands"

Mit Forderungen, die Mauer aufzubauern, machte Die Partei auf sich aufmerksam. Im stern.de-Interview erzählt der Vorsitzende Martin Sonneborn, was er am 20. Jahrestag der Deutschen Einheit geplant hat, warum der Osten ein Paradies ist - und wir immer noch ein geteiltes Volk sind.

Guten Tag Herr Sonneborn, geht es Ihnen schlecht, wenn Sie an den 3. Oktober denken. Ist ja eher ein Trauertag für Sie, oder?

Das ist nicht ganz so traurig, weil der 3. Oktober in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt. Wenn werktags alle Deutschen feiern würden, das würde mich nachdenklich stimmen. Im Prinzip aber ist es natürlich ein trauriger Tag für Die Partei, für "Titanic", für die Westdeutschen, die mitansehen müssen, wie ihre Kommunen Schulden machen müssen, um weiterhin den Solidaritätsbeitrag in den Osten pumpen zu können.

Wie haben Sie die 20 Jahre nach der Maueröffnung erlebt, war es sehr schrecklich?

Nein, es war vielmehr wunderbar, im "Titanic"-Impressum steht ja seit fünf Minuten nach dem Mauerfall "Die endgültige Teilung Deutschlands, das ist unser Auftrag". Ganz einfach, weil man dem besinnungslosen Jubel damals etwas entgegensetzten musste. Die sogenannte Deutsche Einheit wurde dann schnell zu einem Tabuthema, an dessen Merkwürdigkeiten wir uns wunderbar abarbeiten konnten. Die Ostdeutschen haben den ganzen Wahnwitz geglaubt und voller Begeisterung mitgemacht. Insofern hatten wir da über 20 Jahre eine Spielwiese und konnten brutalste Komik aus diesem Thema schlagen. Das hat uns sehr viel Freude bereitet.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit Ihrer Partei schon etwas erreicht oder verändert haben?

Wir greifen unverändert nach der Macht im Lande, bisher allerdings vollkommen erfolglos. Wir haben gerade zum Tag der Deutschen Einheit in brandenburgischen Spaßbädern gedreht, Ostdeutschland hat mittlerweile die höchste Spaßbaddichte der Welt. Ich habe persönlich gesehen, wie sich Millionen ehemals werktätiger DDR-Bürger dort auf Strandliegen herumlümmeln, Latte macchatio trinken und nur einmal am Tag aufstehen, um ins Wasser zu pissen. Die Zone ist inzwischen das reine Paradies, finanziert mit Geldern aus dem Westen. Diese Bilder haben wir dann Bürgern in den westdeutschen Randgebieten gezeigt und dort sehr negative Stimmen gegen den Osten einfangen können.

Haben Sie eigentlich Wähler im Osten?

Ja, Titanic wird ja zu geringem Teil im Osten gelesen und auch die Partei hat dort ihre Ortsgruppen. So ist es zum Beispiel ein Vorschlag der Ortsgruppe Leipzig, die Frauenkirche in Dresden einzureißen und mit den Trümmern die Mauer wieder aufzubauen. Ein derartiger Ansatz zeigt, dass es auch in der Zone vernünftige Menschen gibt. Ich habe die Zonenbürger übrigens auf einer Expedition selbst studiert. Mit dem Regisseur Andreas Coerper bin ich einmal um Berlin herum gewandert, um zu sehen, was für Lebensformen sich an der ehemaligen Grenze entwickelt haben. Coerper hatte mich damit gelockt, dass er schon Angela Merkel und Guido Westerwelle, also Bundesvorsitzende anderer populistischen Parteien, gebeten hätte, mit ihm zu gehen. Die hatten aber keine Zeit. Ich hatte schon, und ich suche natürlich immer das Gespräch mit dem einfachen Bürger. Als Spitzenpolitiker darf man nicht so abgehoben sein wie Guido Westerwelle

Sie haben dort auch nackte Ostdeutsche auf Brücken getroffen, oder?

Ja, tatsächlich, ich habe dort auch blässliche, nackte Zonenbürger getroffen, die sich chamäleonhaft ihrer Umgebung anpassen.

Was halten Sie eigentlich von Ostdeutschen?

Also nackt sehen sie noch etwas blasser aus als die Leute im Westen, hab ich das Gefühl. Ich bin dort ja der Frage nachgegangen: "Sind wir wirklich ein Volk, wir und die da drüben?", und die Antwort ist ganz klar: Nein!

Falls Sie jetzt viele Stimmen aus dem Osten bekommen würden und deshalb an die Macht kämen und die Mauer aufbauen würden, wären dann die Stimmen der Ost-Wähler verloren oder würden sie mauerübergreifend in die Partei integriert bleiben?

Nein, ich glaube, dass wir sowohl im Westen als auch im Osten die Macht übernehmen sollten. Die Linkspartei ist die einzige Alternative zu den absterbenden ehemaligen Volksparteien. Wenn ich meinen Kollegen aus den anderen Parteien glauben schenken darf, ist die Linkspartei, die sie ja schon länger vom Verfassungsschutz beobachten lassen, eine undemokratische Partei und insofern keine ernst zu nehmende demokratische Alternative.

Was wären die ersten Maßnahmen, wenn Sie mit Ihrer Partei an die Macht kämen?

Wir würden eine humanistische Diktatur errichten. Ich bin ein großer Anhänger der Demokratie. Ich schätze sie dafür, dass sie uns erlaubt, was wir hier treiben mit "Titanic" und der Partei. Aber wenn man mal schaut, was Bürgerbewegungen derzeit bewegt, etwa in Stuttgart, wo plötzlich kleinbürgerliche Schwabensäcke begreifen, dass ein Haus und ein Mercedes vor der Tür und zweimal im Jahr Urlaub machen gar kein Naturgesetz ist und plötzlich eine Theater-Revolution losgebrochen wird. Oder in Hamburg die Schul-Diskussion - man sieht ja, dass Bürgerbewegungen schnell in Partikularinteressen und Wahnsinn ausarten. Und deshalb errichten wir eine humanistische Diktatur.

Hat die Partei zum 3. Oktober etwas Besonderes geplant?

Am 3. Oktober werde ich versuchen, die Massen im Osten zu provozieren. Ich bin zu einer politischen Veranstaltung ins Gewerkschaftshaus nach Erfurt eingeladen und werde hinter einer Horde Bodyguards aus meinem neuen Buch "Heimatkunde" vorlesen. Ich hoffe, dass dann von dort aus die endgültige Teilung Deutschlands eingeleitet wird.

Erscheint das Buch am 3. Oktober?

Ja, das Machwerk "Heimatkunde" ist unser Geschenk an Deutschland zu 20 Jahren Wiedervereinigung!

Ist das Buch eine Anlehnung an Ihren Film?

Nein, es ist eine ganz billige Dritt- oder Viertverwertung unserer Auseinandersetzung mit der gescheiterten Deutschen Einheit. Wir haben für den Film 57 Stunden Material gedreht und nicht alles kam in den Kinofilm. Also haben wir noch mal alles aufgeschrieben, was uns da passiert ist. Es gab ja noch wahnwitzige Begegnungen mit betrunkenen alten Kapitänen, die mal die System-Frage gestellt haben: Was war eigentlich besser - Hitler, Honecker oder Merkel? Und die keinen richtigen Unterschiede aufzeigen konnten. Es gab Begegnungen mit Schönbohm, der offenbar einen Atombunker unter seinem Garten hat und sehr unter der Fuchtel seiner Frau steht. Es gab bizarre Begegnungen mit Leuten, die sonst in der Öffentlichkeit nicht vorkommen, die sagen: "Ich bin Bürger der DDR und ich bleibe Bürger der DDR! Dieses Deutschland geht mir am Arsch vorbei!"

Dann bedanke ich mich für das Gespräch und kommen Sie wohlbehalten aus Erfurt zurück.

Ja, das hoffe ich auch ... gute Güte, Erfurt!

Interview: Tobias Schülert