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Ostalgie: Ganz Deutschland lacht und weint über den Film "Good bye, Lenin!"

Der spektakuläre Erfolg des Films "Good Bye, Lenin!" von Wolfgang Becker vereint Deutschland im Lachen und Weinen über den Fall der Mauer.

Der spektakuläre Erfolg des Films "Good Bye, Lenin!" von Wolfgang Becker vereint Deutschland im Lachen und Weinen über den Fall der Mauer. Aber er hat auch noch einen anderen staunenswerten Effekt: Nicht nur deutscher Kinoklamauk wie der "Schuh des Manitu" verkauft sich gut ins Ausland. Diese zwei Seiten kommen auch im Internet-Forum zum Film zum Ausdruck. "Deutschland hat darauf gewartet!" schreiben Kommentatoren, und manche sprechen schon vom "deutschen Film des Jahres 2003".

Endlich wieder ein Kassenerfolg

"Ich habe gelacht, ich habe geweint, danke für diesen Film", schreibt da ein Fan im Internet-Forum. Und ein anderer meint: "Nie habe ich eine im Grunde so ernste Story mit so viel subtilem Humor gesehen." Nicht nur im Osten Deutschlands trifft der Film offenbar ins Schwarze, auch Kinos in Hamburg, Köln, München und Frankfurt am Main sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Kinokette UCI mit Sitz in Bochum berichtet von "eindeutig höheren Besucherzahlen" im Osten, die Cinemaxx-AG spricht von Zuschauerzahlen, die im Osten um eine "Nuance" höher seien.

Ein Film über Lebenslügen

In Kritiken, von denen manche nach der Berlinale-Premiere dem Film auch dramaturgische Schwächen ankreideten, ist von einem "gesamtdeutschen Geflüster" im Zuschauerraum die Rede. Keiner lache mehr über die anderen, es werde gemeinsam gelacht und auch mal eine Träne verdrückt. Für manche ist es ein ungemütlicher Film, weil er sich bewusst nicht zwischen Komödie und Tragödie entscheidet. Ein Film über Lebenslügen eben, die ja oft auch ziemlich lachhafte Züge haben können.

"Absurdistan" mit kafkaesken Zügen

Die DDR wird als verlorene Heimat gezeigt und auch als "Absurdistan" mit kafkaesken Zügen und prügelnden Volkspolizisten. Am Ende des Films wird dieses Land in grotesker Umkehrung der Geschichte von flüchtenden Wessis gestürmt. Das geht weit über Leander Haußmanns "Sonnenallee"-Groteske hinaus, die pünktlich zum "50. Jahrestag der DDR" am 7. Oktober 1999 in die Kinos kam und vor allem im Osten Deutschlands ein Erfolg war. "Es wird zu wenig gelacht von den Deutschen über die Deutschen, das Ausland lacht dafür umso mehr über uns", meinte der 1959 in Quedlinburg geborene Haußmann.

Ostalgiewelle eine Mischung aus Ironie und Ernst

"Nach 13 Tagen schon 1,3 Millionen Zuschauer, das überrascht mich total", sagte die Schauspielerin Katrin Saß der dpa, die in dem Film neben Daniel Brühl die Hauptrolle spielt. Aus Sorge um ihren angeschlagenen Gesundheitszustand wird der Mutter des Filmhelden auf 79 qm Wohnzimmerfläche ein Weiterleben der DDR vorgegaukelt. "Wahrscheinlich haben wir einfach im richtigen Moment den richtigen Film gemacht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir vor fünf Jahren ähnliche Erfolge gehabt hätten. Die neue Ostalgiewelle ist meiner Meinung nach eine Mischung aus Ironie und Ernst", meint Saß.

Die Ostalgie-Welle

Nach dem Filmerfolg nimmt die Ostalgie kein Ende: In Berlin startet eine tägliche Trabi-Safari. In Köpenick soll ein DDR-Themenpark entstehen, komplett mit muffeligen Grenzern und Zwangsumtausch. Unternehmer Rico Heinzig ist völlig überrascht, wie viele Menschen sich bereits für seine Touren mit dem Trabi interessieren. Eigentlich müsse er den Machern von "Good Bye, Lenin!" für die Marketinghilfe Geld überweisen, meint der Dresdner, der künftig regelmäßig Trabis durch Berlin rollen lassen will. "Es übersteigt meine kühnsten Erwartungen." Zu den Passagieren gehören nicht nur Touristen, sondern auch viele Ostdeutsche, die 13 Jahre nach dem Mauerfall wieder über die Trabis in panama-grün und papyrus-weiß lachen können, wie Heinzig sagt.

Ost-Retro

Ostalgie hat sich längst auch als Teil der Retro-Bewegung etabliert. So wie Nenas Haarschnitt wieder Mode ist, sind heute Ost- Trainingsjacken in den Second-Hand-Läden begehrt und teuer. In Berliner Clubs wie dem "Popzentrum Transit" läuft Beatmusik unter dem Motto "Gute Laune aus der DDR"; es gibt Quiz-Spiele mit Fragen rund um Broiler und FDJ-Hemd sowie ein Plattenbau-Quartett. Und seit "Good Bye, Lenin!", in dem die DDR wieder aufersteht, machen Fernsehsender und Fotografen verstärkt Jagd nach Motiven, die nach Osten und Sozialismus aussehen.

Ost-Spezialitäten auch im Westen

Auch im Westen rollt die Ostalgie-Welle weiter: In Stuttgart öffnete im Sommer ein Laden, der Spezialitäten wie Halberstädter Würstchen und Schlagersüß-Schokoladentafeln verkauft. In Berlin machte Cord Woywodt, der Erfinder der "Faltplatte", von sich reden. Seine Miniaturmodelle der DDR-Bauten gibt es mittlerweile sogar in Holland und in der Schweiz zu kaufen. Der Architekt, der ursprünglich aus Celle kommt, wollte schlicht der "Platte" ein Denkmal setzen, er sieht es nicht als Ostalgie-Produkt. Die beiden Papp-Modelle verkauften sich je 3000 Mal, weit mehr, als Woywodt erwartet hat. Vielleicht liege das ja schlicht an der Absurdität der Idee, meint er. "Ich weiß es wirklich nicht."

Ein Themenpark des Ostens

Die Ankündigung, der DDR einen Themenpark zu widmen, sorgte vor kurzem für großen Wirbel. In Köpenick soll der Alltag, vom Pionierlied bis zur DDR-Nachrichtensendung "Aktuellen Kamera", dokumentiert werden. Noch ist das Projekt, für das "Wessis" verantwortlich zeichnen, in der Planungsphase. Der Veranstalter, die Massine Productions GmbH, will sich aber nicht über die DDR lustig machen. "Das Ganze soll inhaltlich korrekt sein und einen fundierten historischen Hintergrund haben", sagt Kunsthistorikerin Susanna Reich.

Keine kritische Auseinandersetzung

Nicht allen gefällt die Ostalgie rund um "Good Bye, Lenin!". Meist seien es die "jungen Banker, Webdesigner und Werbefuzzis aus dem Westen", die in FDJ-Blauhemden ins Kino gingen, schreibt die "Frankfurter Rundschau". "Die Zone ist cool. Der Westen legt sich eine kuschelige Diktatur des Proletariats zurecht." Milder formuliert es das Trendbüro: "Obwohl sich niemand wünscht, dass die DDR wieder zum Leben erweckt wird, werden negative Aspekte der alten Zeiten ausgeblendet", sagt Birgit Gebhardt. Es geht um einen Kontrast zur "westlichen standardisierten Welt".

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