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Politische Ränkespiele in Dänemark: Intrigenstadl um "Gucci-Helle", Sex und Steuern

Dem beschaulichen Dänemark droht ein kapitaler Politskandal. Ehemals hochrangige Politiker und Staatsdiener stehen im Verdacht, Ministerpräsidentin Thorning-Schmidt massiv geschadet zu haben.

Von Björn Erichsen

Über das Privatleben von Prominenten und Politikern wird viel spekuliert, vor allem wenn es um erotische Präferenzen geht. Meist handelt es sich um vage Vermutungen oder Hirngespinste ohne Folgen für die Betroffenen. Es kommt jedoch einem politischen Erdbeben gleich, wenn sich eine Frau wie Helle Thorning-Schmidt, immerhin Regierungschefin von Dänemark, genötigt sieht, Gerüchte über die angeblichen sexuellen Neigungen ihres Ehemanns Stephen Kinnock zu dementieren oder besser: dementieren zu müssen. Ja, ein "ungewöhnliches Leben" würden sie schon führen, weil er aus beruflichen Gründen hauptsächlich in London lebe, gab sie in der der linksliberalen Zeitung "Politiken" zu Protokoll. Aber sie seien schon seit 20 Jahren ein Paar, hätten zwei Kinder, und eines sei ihr Mann ganz gewiss nicht: homosexuell.

Das aufsehenerregende Dementi, das es selbstverständlich auf die Titelseiten schaffte, kommt nicht zufällig. In Kopenhagen nimmt gerade eine Kommission die Arbeit auf, die klären soll, ob Spitzenpolitiker der ehemaligen bürgerlichen Regierung der Sozialdemokratin mit unlauteren Mitteln im Wahlkampf schaden wollten. Sie hatte die Wahl im September 2011 gewonnen und die Konservativen nach einem Jahrzehnt von der Macht verdrängt. Auf einem der im Ausschuss untersuchten Dokumente aus der Finanzbehörde findet sich eine Notiz, in der Stephen Kinnock der "Bi- oder Homosexualität" bezichtigt wird. Da der Vermerk ohnehin öffentlich geworden wäre, sucht Thorning-Schmidt ihr Heil in der Vorwärtsverteidigung. Immerhin droht dem beschaulichen Dänemark einer der schmutzigsten Politskandale seit Jahrzehnten.

"Gucci-Helle" unter Druck

Die Geschichte beginnt zwei Jahre früher mit einem Steuerverfahren. Finanzbeamte prüften, ob sich der gebürtige Brite Kinnock, Sohn des bekannten Ex-Labour-Führers Neil Kinnock, der Steuerhinterziehung schuldig gemacht habe. Als Direktor des World Economic Forum arbeitete er damals in Genf, hatte aber Haus und Familie in Kopenhagen. Die Bolulevardzeitung "BT" schlachtete den Fall seinerzeit großflächig aus, ohne dabei Quellen zu nennen.

Für die um ihre Wiederwahl besorgten Konservativen war das ein gefundenes Fressen, hatten sich die Sozialdemokraten doch ausgerechnet das Thema Steuermoral auf die Fahnen geschrieben. Die Sache hatte allerdings einen gehörigen Schönheitsfehler: Die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos. Und trotz der Schlammschlacht gewann Thorning-Schmidt, die ihre Gegner wegen ihrem Faible für Luxus gern "Gucci-Helle" nennen, die Wahl gegen Amtsinhaber Lars Løkke Rasmussen und bildet seither mit der Linkspartei und den Linksliberalen eine Minderheitsregierung.

Welche Rolle spielte Troels Lund Poulsen?

Die Untersuchungskommission soll klären, wie es sein kann, dass vertrauliche Unterlagen der Finanzbehörde mitten im Wahlkampf an die Boulevardpresse gelangten. Immerhin hatten nur einige wenige hohe Beamte in Steueramt und Ministerium Zugang zu den Dokumenten.

Vor allem ein Mann steht im Fokus der Ermittlungen: Troels Lund Poulsen, der ehemalige Steuerminister. Er könnte der Drahtzieher einer Intrige sein. Poulsen soll nicht nur dafür gesorgt haben, den Chef des Kopenhagener Steueramtes zu feuern, sondern auch versucht haben, den Ausgang des Verfahrens gegen Kinnock zu beeinflussen. Einer seiner engen Mitarbeiter hat die Vorwürfe dementiert, Poulsen selbst will sich erst während der Anhörungen vor dem Parlament äußern.

Die "Missverständnisse" des Buchhalters

Rätsel gibt der Vermerk über die sexuelle Orientierung von Kinnock auf. Die "BT" hatte dieses Gerücht während ihrer Kampagne nicht erwähnt. Angeblich hatten aber Mitarbeiter des Boulevardblatts in der Korrespondenz mit Thorning-Schmidt angedeutet, davon zu wissen. Erst jetzt, zusammen mit dem Dementi der Ministerpräsidentin, druckte die "Politiken" eine E-Mail ab, in der ein Finanzbeamter angibt, dass ihm der Buchhalter des Ehepaares, Frode Holm, versichert habe, dass Kinnock "bi- oder homosexuell" sei.

Inzwischen hat sich der Buchhalter selbst geäußert: Gegenüber der Zeitung berlingske.de betonte Holm, keinerlei Verantwortung für den Vermerk der Steuerbehörde zu haben. Wie dieses - nach seinen Worten "Missverständnis" - zustande kommen konnte, wolle und könne er nicht vertiefen, schließlich sei er von Berufs wegen auch bei ehemaligen Mandanten wie der Ministerpräsidentin und ihrem Mann an seine Schweigepflicht gebunden.

"Ich erkenne mein Land einfach nicht wieder"

Die nächsten Wochen in Kopenhagen bergen einigen Zündstoff: Sollte sich herausstellen, dass tatsächlich hohe Politiker und Staatsbedienstete versucht haben, ein Steuerverfahren zu manipulieren, um eine unbequeme Gegnerin kaltzustellen, wird dies die politische Kultur im beschaulichen Dänemark nachhaltig verändern. Vielen Bürgern dürfte dann wieder ein geflügeltes Wort in den Sinn kommen, das während des beispiellosen Rechtsrucks unter der bürgerlichen Regierung Konjunktur hatte: "Ich erkenne mein Land einfach nicht wieder."

Konsequenzen drohen nicht nur Poulsen, sondern möglicherweise auch dem Ex-Premier Lars Lökke Rasmussen, zumindest wenn der von den Machenschaften seines Ziehsohns gewusst haben sollte. Für die viel kritisierte Thorning-Schmidt wirkt sich die ganze Angelegenheit dagegen positiv aus: Der oft als spröde geltenden Frau schlägt gerade eine enorme Sympathiewelle entgegen - denn viele Dänen empfinden ihre klaren Worte in der Öffentlichkeit als ganz besonders mutig.