HOME

Dänemark übernimmt EU-Ratspräsidentschaft: Die Euroskeptiker sollen den Euro retten

Jetzt haben die traditionell euroskeptischen Dänen den Vorsitz in der EU. Für Regierungschefin Thorning-Schmidt zählt nur eins: die Rettung des Euro, den Ihre Landsleute nie wollten.

Dänemarks Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt hat wohl freundlichere Begrüßungsworte für ihre EU-Ratspräsidentschaft erwartet als die von Nicolas Sarkozy. "Ihr steht außen vor, ihr seid ein kleines Land, und Sie sind neu. Wir haben keine Lust, Ihnen zuzuhören", soll Frankreichs Präsident die Dänin Mitte Dezember beim Brüsseler Krisengipfel laut "Financial Times" angeschnauzt haben.

Vor gerade mal drei Monaten ist Thorning-Schmidt als Regierungschefin angetreten. Jetzt hat sie zum Jahreswechsel die Ratspräsidentschaft vom polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk übernommen. Dessen Bilanz war ernüchternd. "Ich kann heute nicht sagen, dass Europa Ende 2011 geeinter ist als vor sechs Monaten, vor einem Jahr oder vor fünf Jahren", bekannte er zum Jahresschluss vor dem Europaparlament. Europa stehe in der Krise jetzt vor der schweren Wahl, "den Weg der Gemeinschaft oder den Weg nationaler und staatlicher Egoismen" einzuschlagen.

"Es geht ausschließlich um die Eurorettung"

Thorning-Schmidt hat also ganz andere Herausforderungen vor sich als ungehobelte Verbalattacken auf Französisch: Dänemark soll als Land, dessen Bevölkerung den Euro bei zwei Volksabstimmungen abgelehnt hat, in den kommenden sechs Monaten alles nur Mögliche zur Rettung der EU-Währung beitragen. Und gleichzeitig Brücken bauen zu den immer euroskeptischeren Briten.

"Jetzt geht es ausschließlich darum, den Euro zu retten", definierte Thorning-Schmidt am zweiten Weihnachtsfeiertag in "Politiken" ohne viel Wenn und Aber, welchen Weg sie vor sich sieht. Beim Krisengipfel am 9. Dezember hatte sie erklärt, dass sie ihr Land am liebsten schnell hinter den von Sarkozy und Kanzlerin Angela Merkel durchgeboxten Euro-Pakt stellen würde.

Kompliziertes Verhältnis zu Europa

Aber dafür ist eben das Verhältnis der Dänen zu Europa doch viel zu kompliziert und voller Vorbehalte: Sollte die juristische Prüfung des neuen Vertrages für mehr Haushaltsdisziplin ergeben, dass die Dänen Souveränitätsrechte abgeben müssten, wäre automatisch eine Volksabstimmung fällig. Mit höchst ungewissem Ausgang.

Wovor sich die durch und durch proeuropäische Thorning-Schmidt auch fürchten muss, weil sie ohnehin seit ihrem Amtsantritt in allen Popularitätsumfragen verblüffend schlecht aussieht. Wenn ihr Europaminister Nicolia Wammen das eigene Programm für die Ratspräsidentschaft launig mit dem Simon&Garfunkel-Hit "Bridge Over Troubled Water" ankündigt, meint er unausgesprochen auch die eigene Wählerschaft.

Dänen plötzlich im Würgegriff der Krise

Die Dänen fühlen sich nach 15 Jahren mit sagenhaft boomender Wirtschaft plötzlich im Würgegriff der Krise. Ob das ihre lange Zeit so ausgeprägte EU- und Euroskepsis verstärkt oder das Gegenteil bewirkt, gilt in Kopenhagen als völlig offen.

Thorning-Schmidt weiß, dass die Bedeutung der länderweise wechselnden Ratspräsidentschaft durch die Installierung des permanenten Ratschefs, derzeit Herman Van Rompuy, geschrumpft ist. Persönlich kann sich die Dänin bestens für den Zeit-Job als "Brückenbauerin" gerüstet fühlen: Sie kennt als Europa-Abgeordnete von 1999 bis 2005 die Brüsseler Sicht bestens. Die etwas spezielle britische kann ihr auch Ehemann Stephen Kinnock erläutern, Sohn von Ex-Labourchef Neil Kinnock.

Thomas Borchert, DPA / DPA