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Einen Monat vor Fußball-WM Fünf Frauen verklagen Qatar Airways wegen erzwungener Vaginaluntersuchung

Ein Flugzeug von Qatar Airways
Fünf Australierinnen klagen gegen die katarische Fluggesellschaft Qatar Airways
© Soeren Stache / DPA
Einen Monat vor der Fußball-WM in Katar gerät das Emirat erneut in die Kritik. In Australien klagen fünf Frauen gegen Qatar Airways. Die Frauen hätten sich am Flughafen Doha einer vaginalen Zwangsuntersuchung unterziehen müssen.

Knapp einen Monat vor dem Start der Fußball-WM in Katar reißen die Negativschlagzeilen über das Wüstenemirat nicht ab. Schon seit Jahren steht das Land für seine desaströse Menschen- und Frauenrechtslage in der Kritik, ebenso muss es sich den Vorwurf gefallen lassen, queerfeindlich zu sein und systematisch ausländische Wanderarbeiter auszubeuten. 

Nun erheben fünf australische Frauen schwere Vorwürfe gegen den Staat Katar und seine Fluglinie Qatar Airways. Wie mehrere Medien übereinstimmend berichten, hätten die Australierinnen vor dem obersten Gerichtshof von New South Wales wegen eines Vorfalls aus dem Jahr 2020 Klage eingereicht. 

Wegen vaginaler Zwangsuntersuchung: Fünf Australierinnen klagen gegen Qatar Airways

Wie unter anderem das Portal "huffpost.com" und der britische "Guardian" berichten, klagen die Frauen auf Schadenersatz wegen "unrechtmäßigem Körperkontakt" und die psychischen Folgen, darunter Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen.

Am 2. Oktober 2020 wurden demnach Frauen in zehn Flugzeugen auf dem Rollfeld des Flughafens Doha zunächst festgesetzt und von katarischen Sicherheitskräften mit vorgehaltener Waffe und ohne der Angabe von Gründen aus dem Flugzeug gezwungen, darunter auch die fünf Australierinnen, die auf dem Weg nach Sydney waren.

Die Frauen wurden in Krankenwagen auf dem Rollfeld gebracht, sollten ihre Unterwäsche ausziehen und mussten sich einer invasiven gynäkologischen Zwangsuntersuchung unterziehen. Hintergrund des Einsatzes soll der Fund eines neugeborenen Kindes in einer Plastiktüte in der Wartehalle des Flughafens gewesen sein. Um die Mutter ausfindig zu machen, seien die Untersuchungen angeordnet worden. 

Dass Säuglinge ausgesetzt werden, kommt in dem Land immer wieder vor. Abtreibungen sind strengstens verboten, die Geburt eines unehelichen Kindes wird in der Regel mit 12 Monaten Haft für die Mutter bestraft.

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Die Klägerinnen betonen, sie seien weder darüber aufgeklärt worden, dass sie untersucht werden sollten oder aus welchem Grund, noch hätten sie die Möglichkeit gehabt, der Untersuchung zu widersprechen.  In der Klageschrift, die beim Obersten Gerichtshof von New South Wales eingereicht wurde, heißt es, dass drei der fünf Frauen "unrechtmäßigem Körperkontakt" ausgesetzt waren.

"Jede der Klägerinnen hat gelitten... unter Angstzuständen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen und anderen psychologischen Auswirkungen. Den Frauen sind medizinische Kosten entstanden, und einige haben wirtschaftliche Einbußen erlitten, weil sie aufgrund der Auswirkungen der Ereignisse auf die psychische Gesundheit krankgeschrieben werden mussten".

Die Schriftstücke wurden Qatar Airways am Donnerstag in den Büros der Fluggesellschaft in Melbourne zugestellt. Die Fluggesellschaft hat bislang nicht mit einer Stellungnahme zu dem Fall reagiert.

Beamte des Staates versuchten im Nachgang des Falls zunächst zu beschwichtigen. Sie betonten, die Untersuchungen seien "völlig unvereinbar mit der Kultur und den Werten Katars". Nach einer Reihe von Kontroversen entschuldigten sich die Beamten. Ein Flughafenbeamter, der die Untersuchungen veranlasst hatte, wurde verhaftet und schließlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Australischer Premierminister zeigt sich entsetzt

Australien reichte eine offizielle Beschwerde ein, nachdem der australische Premierminister Scott Morrison die "entsetzlichen" Untersuchungen angeprangert hatte. Außenministerin Marise Payne bezeichnete die Maßnahmen als "zutiefst beunruhigend [und] beleidigend".

Rechtsanwalt Damian Sturzaker, der die klagenden Frauen vertritt, sagte in der vergangenen Woche dem "Guardian", er sei "stolz darauf, an der Seite dieser Gruppe mutiger Frauen zu stehen, die sich gezwungen sahen, gegen die katarische Regierung vorzugehen, nachdem diese ihre Menschenrechte schwerwiegend verletzt hatte".

Angesichts des potenziell verheerenden wirtschaftlichen und rufschädigenden Schadens nach dem Vorfall gelobte Katar, die "Sicherheit und den Schutz" der Passagiere in Zukunft zu gewährleisten, ohne weitere Einzelheiten zu nennen.

Der katarische Premierminister, Scheich Khalid bin Khalifa Al Thani, räumte ein, dass gegen die üblichen Sicherheitsprotokolle verstoßen wurde, und entschuldigte sich "aufrichtig für das, was einige weibliche Reisende durchmachen mussten".

Das am Tag der Durchsuchung entdeckte Neugeborene überlebte und wurde Sozialeinrichtungen übergeben. Die Eltern des Babys wurden später ausfindig gemacht. Sie stammen aus "asiatischen Ländern", wie die Beamten mitteilten. In Katar sind damit in der Regel südasiatische Länder gemeint, aus denen eine große Zahl von Wanderarbeitern in das Land kommt.

In knapp einem Monat startet die umstrittene Fußball-WM in Katar. Beim Bau der Stadien werden seit 2010 systematisch Gast- und Wanderarbeiter vor allem aus Indien und Pakistan ausgebeutet. Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sind bis heute mindestens 15.000 Menschen auf den WM-Baustellen gestorben. 

Quellen: "The Guardian", "Huffpost.com", "The New York Times", "Der Spiegel", "Lawyers Weekly"

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