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Pädophilen-Jäger Kindersex-Jäger - "War mein Vater ein Pädophiler?"

Die Männer versuchen im Internet Kontakt zu Teenys oder Kindern zu bekommen, tatsächlich kommunizieren sie mit einem Lockvogel (Symbolfoto).
Die Männer versuchen im Internet Kontakt zu Teenys oder Kindern zu bekommen, tatsächlich kommunizieren sie mit einem Lockvogel (Symbolfoto).
© Ljubaphoto / Getty Images
Lesley D. lachte und kuschelte ihr Leben lang mit ihrem Vater Michael. Dann wurde er von Pädophilen-Jägern geoutet. Michael D. brachte sich um, und ließ seine Tochter mit nagenden Zweifeln zurück.

Lesley D. liebte ihren Vater Michael abgöttisch. Im April 2015 saß sie mit ihrer Tochter zu Hause, als sie auf ein virales Video aufmerksam gemacht wurde. "Ein Freund rief mich an: 'Schau, ich weiß nicht wirklich, wie ich das zu dir sagen soll, Lesley, aber es gibt ein Video auf Facebook - es ist dein Vater'". Er wurde von einer Gruppe "Pädophilen Jäger" gefilmt und damit konfrontiert, dass er vorhabe, sich mit einem 15-jährigen Mädchen zu treffen. 

Öffentliche Jagd auf Pädophile

Kinderschänder gelten selbst unter Schwerkriminellen als der schlimmste Abschaum. In Großbritannien haben sich mehrere Gruppen von "Pädophilen-Jägern" gebildet. So groß die Abscheu vor Kinder-Vergewaltigern ist, so groß ist der Zuspruch für diese Gruppe. Dabei ist diese Tätigkeit außerordentlich bedenklich. Die Vorgehensweise ist immer gleich. Gruppenmitglieder geben sich im Netz als Teenies auf und tummeln sich auf den bekannten Jugend-Plattformen. Sie sind der Köder. Und meist müssen sie nicht lange warten. Denn dort gehen auch Pädophile auf die Jagd. Der Rest läuft wie von selbst: Die Hunter dokumentieren Nachrichten und Chatverläufe. Früher oder später wird der Lockvogel zu einem Treffen gedrängt.

Zu diesem Zeitpunkt haben die Hunter die Polizei nicht informiert, denn bislang ist es auch zu keiner Begegnung gekommen. Außer anzüglichen Nachrichten liegt keine Straftat vor. Der Überraschte wird am Treffpunkt von einer Gruppe Hunter gestellt und konfrontiert – das Ganze vor laufender Kamera. Anschließend wird das Video mit voller Namensnennung im Netz verteilt und dann die Polizei informiert. Ziel ist weniger das Strafverfahren, sondern die soziale Ächtung.

Traumatisches Erlebnis

Erstmals sprach Lesley D. nun mit der BBC über das traumatische Erlebnis, als ihr Vater an den Pranger gestellt wurde. "Ich stand einfach unter Schock", sagte sie. Das Video lief auch auf Facebook. "Ich konnte sehen, dass unsere Freunde es gesehen hatten. Und ich konnte ich nichts tun." Sie brach vollkommen zusammen, schrie und tobte. Mit ihrem Vater sprach sie nie wieder. Der stellte sich der Polizei, sein Rechner wurde beschlagnahmt. Zwei Tage später tötete sich Michael D.

In Deutschland wäre so ein Vorgehen kaum denkbar, doch in der britischen Rechtstradition haben Vigilanten eine andere Stellung. Die britischen Boulevardmedien befeuern das Vorgehen noch: Am Tag darauf wird der "erlegte" Kinderschänder in den Zeitungen bloßgestellt.

Auch die Polizei profitiert von den Huntern. Von 302 Strafverfolgungen wegen der Anbahnung sexueller Beziehungen zu einem Kind im Jahr 2017 stützen sich 150 auf die Beweise der Gruppen. Strenge Vorgaben machen es für die Beamten kaum möglich, das Lockvogel-Verfahren anzuwenden. Die Bürgerwehren hingegen sind an keine dieser Spielregeln gebunden. Sie müssen nur aufpassen, dass sie in der Konfrontation diszipliniert auftreten und später nicht wegen Körperverletzung oder Erpressung belangt werden können.

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Ein Jäger berichtet 

Die Motivation der Jäger ist vielschichtig. Man könnte glauben, es seien Wutbürger, die nach Internet-Ruhm streben. Doch der Sender sprach mit dem Jamie L., 29, und der wurde als Kind missbraucht. Er sagt, heute wolle er andere Kinder schützen, doch mit seinem Rachefeldzug therapiert er wohl auch die eigenen Wunden.Ein Mann namens Robert kontaktierte ihn, er dachte, Jamie sei erst 14. Jamie ist ein Profi. Er besitzt Geduld. Er weiß, wenn Kontaktaufnahme und die Gesprächsinitiative von dem Lockvogel ausgehen, wird das Material rechtlich unbrauchbar. Also wartet er ab. "Nach etwa zwei Wochen wurde Robert ziemlich direkt und erzählte mir alle möglichen abscheulichen Dinge, die er mit mir machen wollte."In dem später gedrehten Video bricht der Mann zusammen. "Es dauert ein paar Sekunden, bis er verstanden hat, dass sein bisheriges gutes Leben jetzt zu Ende ist. Er hat alles zugegeben, als er begriff, dass er auf frischer Tat erwischt wurde."

"Du siehst es auf dem Video, wie die Farbe aus dem Gesicht entweicht."

Robert wurde zu einigen Monaten Gefängnis verurteilt. Nachdem er entlassen wurde, brachte er sich um. Jamie L. sagte dem Sender: "Ich war vollkommen fertig, als ich herausfand, dass Robert sich getötet hatte, vor allem wegen seiner Familie."

Recht wie im Alten Testament

Der Internetpranger entspricht einer alttestamentarischen Rechtsauffassung. Das führt zu so schweren Problemen, dass das Verfahren kaum in Einklang mit den Menschenrechten stehen kann. Die BBC hat ermittelt, dass sich in den letzten sechs Jahren mindestens acht Männer in Großbritannien selbst getötet haben, nachdem sie von den Jägern als Kinderschänder geoutet wurden. Meist in den Tagen direkt nach dem Outing.

2018 ist es sogar dazu gekommen, dass irrtümlich ein Unbeteiligter beschuldigt und geoutet wurde. Für die Familien ist der Pranger verheerend. Lesley D. und ihre damals 15-jährige Tochter erhielten keinen Beistand, sondern hasserfüllte Nachrichten. "Ich habe Drohungen bekommen - mich zu vergewaltigen, meine Tochter zu vergewaltigen."

Die Tochter blieb in einem Nebel des Ungewissen zurück. Sie quält die Frage, ob ihr Vater ein Leben lang als Pädophiler gelebt habe oder ob es ein einmaliger Fehltritt war. "Wie kam mein Vater mit so etwas in Verbindung - der Vater, mit dem ich aufgewachsen bin, der Vater, den ich liebte?" Sie hatte eine glückliche Kindheit, doch nun fragt sie sich, was ihr Vater wirklich empfand, als sie mit ihm kuschelte. "War mein Vater ein Pädophiler?"

Nun hat sie sich entschieden, im TV zu sprechen, damit die Hunter merken, "wenn sie ihr Video auf Facebook veröffentlichen, ist die Geschichte für sie zu Ende – aber nicht für uns, die Familien."

Quelle: BBC

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Für Kinder und Jugendliche steht auch die Nummer gegen Kummer von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr zur Verfügung - die Nummer lautet 116 11.

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