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"Black Sites" der CIA "Ich dachte, ich würde sterben": Häftling berichtet über Foltermethoden in geheimen CIA-Gefängnissen

Wachturm des Guantanamo-Gefängnisses
Derzeit sind 39 Männer im Gefangenenlager auf der Naval Station Guantanamo Bay inhaftiert
© Mladen Antonov / AFP
Nach den Terroranschlägen vom 11. September schloss sich Majid Khan al Kaida an, 2003 wurde er gefasst. Nun berichtet er als erster Häftling öffentlich über die jahrelange Folter in geheimen CIA-Gefängnissen.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 durchlief al-Kaida-Kurier Majid Khan das brutale Verhörprogramm der US-Regierung. Am Donnerstag sprach der heute 41-Jährige vor einer US-Militärjury erstmals offen über die jahrelange Folter, die er während seiner Gefangenschaft – unter anderem im berüchtigten Lager Guantanamo – über sich ergehen lassen musste. Mehrere US-Medien berichteten darüber.

Es war das erste Mal, dass ein Gefangener "von hohem Wert" vor einer Militärjury über die Folter berichtete, die die US-Regierung euphemistisch als "enhanced interrogation" – erweitertes Verhör – bezeichnet. Mehr als zwei Stunden, so die "New York Times", erzählte Majid Khan von kerkerähnlichen Haftbedingungen, Waterboarding, sexuellem Missbrauch und Zwangsernährung. Khan war zwischen 2003 und 2006 in verschiedenen geheimen CIA-Gefängnissen in Übersee inhaftiert – den sogenannten "Black Sites". Wie "NBC News" berichtet, leidet der 41-Jährige auch heute noch unter Angstzuständen und Halluzinationen.

Der in Saudi-Arabien geborene pakistanische Staatsbürger lebte 2001 als Highschool-Schüler in einem Vorort von Baltimore. Er beschrieb die Anschläge vom 11. September und den Tod seiner Mutter Monate zuvor als einen Wendepunkt in seinem Leben, infolgedessen er sich der radikal islamischen Ideologie zugewandt habe. Zum Zeitpunkt der Terrorangriffe – inzwischen hatte er einen Job in Washington D.C. bekommen – habe er als Kurier für die Terrororganisation al Kaida gearbeitet. Er sei zudem an der Planung mehrerer Anschläge beteiligt gewesen – von denen keiner in die Tat umgesetzt wurde.

Grausige Einblicke in CIA-Foltermethoden

In Kontakt mit al Kaida kam Khan der "New York Times" zufolge 2002, im Verlauf einer Familienreise nach Pakistan. Dort habe er Verwandte getroffen, die sich bereits in früheren Jahren dem Dschihad in Afghanistan angeschlossen hatten und Verbindungen zur Terrororganisation unterhielten. "Ich war verloren und verletzlich, und sie hatten es auf mich abgesehen", habe er bei der Anhörung am Donnerstag erklärt.

Bereits im darauffolgenden Jahr sei er in Pakistan gefangen genommen und in ein geheimes CIA-Gefängnis gebracht worden. Dort habe er von Beginn an kooperiert, so Khan. Doch: "Je mehr ich kooperierte, desto mehr wurde ich gefoltert."

Die nächsten drei Jahre habe er in verschiedenen CIA-Einrichtungen verbracht. In diesen geheimen "Black Sites", so Khan, habe er nie das Tageslicht gesehen. 2006 sei er schließlich in das berüchtigte Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba verlegt worden, wo er bis 2012 inhaftiert gewesen sei. In diesen sechs Jahren habe bis auf die Wärter und Vernehmungsbeamten keinerlei Kontakt zu anderen Personen gehabt.  

Am Donnerstag las Khan vor der Jury, die über seine Verurteilung wegen Kriegsverbrechen berät, aus einem 39-seitigen Dokument vor und berichtete detailliert von seinem Leidensweg. So habe man ihn über längere Zeit nackt an einen Deckenbalken gehängt und mit Eiswasser übergossen, um ihn über Tage wach zu halten. Auch sei er mit der Waterboarding-Methode gefoltert worden, wobei der Häftling bis kurz vor den Tod durch Ertrinken gebracht wird. Während seiner Gefangenschaft in den "Black Sites" sei er brutal geschlagen worden, habe Zwangseinläufe erhalten, musste hungern und sei sexuell missbraucht worden.

"Ich flehte sie an, damit aufzuhören, und schwor ihnen, dass ich nichts wüsste", sagte er laut "NBC News". "Wenn ich Informationen weiterzugeben gehabt hätte, hätte ich sie schon weitergegeben, aber ich hatte nichts weiterzugeben."

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Khan verzeiht Peinigern – und bittet selbst um Vergebung

Am Freitag soll das achtköpfige Geschworenengremium, das ausschließlich aus Militäroffizieren besteht, über Khans Strafmaß beraten. 2012 hatte sich Khan aller ihm vorgelegten Terrorismusvorwürfe für schuldig bekannt. Ihm drohen zwischen 25 und 40 Jahren Haft.

Was die Geschworenen allerdings nicht wissen: Khan und seine Anwälte haben in diesem Jahr eine geheime Vereinbarung mit einem hochrangigen Pentagon-Beamten getroffen, wie die "New York Times" unter Berufung auf US-Regierungsvertreter zuvor berichtete. Weil der Pakistaner seit seinem Schuldeingeständnis vor fast zehn Jahren mit der Regierung kooperiert habe, ende seine tatsächliche Freiheitsstrafe spätestens im Februar 2025 – wahrscheinlich schon früher.

Der 41-Jährige, so die US-Zeitung, habe seinen Folterern vergeben. "Ich hoffe, dass Allah am Tag des Jüngsten Gerichts dasselbe für euch und für mich tun wird. Ich bitte diejenigen um Vergebung, denen ich Unrecht getan habe und die ich verletzt habe", habe Khan gesagt. Sein Vater und seine Schwester hätten nur wenige Meter entfernt gesessen, während er seine Erklärung abgegeben habe. Es war das erste Mal seit er die USA verließ, dass Khan seine Familie wiedersah, so die "New York Times". Die USA halten derzeit 39 Männer im Gefangenenlager auf der Naval Station Guantanamo Bay fest.

Quellen: "New York Times"; "NBC News"


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