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Mordanschlag auf Malta: Journalistin mit Bombe getötet: Staatsanwalt äußert ersten Verdacht

Acht Tage nachdem Journalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Bombe  aus dem Leben gerissen wurde, will das EU-Parlament am Dienstag über Pressefreiheit auf Malta sprechen. Am selben Tag äußert ein italienischer Staatsanwalt einen ersten Verdacht, wer hinter dem Anschlag stecken könnte.

Bloggerin Daphne Caruana Galizia fiel am Montag vergangener Woche einem Mordanschlag zum Opfer

Bloggerin Daphne Caruana Galizia fiel am Montag vergangener Woche einem Mordanschlag zum Opfer - unter ihrem Wagen war eine Autobombe angebracht worden

Seit einer Woche postet Matthew Caruana Galizia auf Facebook immer wieder ihr Gesicht: dunkles, schulterlanges Haar, schmales Gesicht, auffällige Ohrringe. Galizia. Oft sind die Fotos schwarz-weiß, denn Daphne Caruana Galizia, seine Mutter, ist tot, seit einer Woche. Ermordet, aus dem Leben gebombt. "Meine Mutter wurde ermordet, weil sie sich, wie viele starke Journalisten, zwischen das Gesetz und denjenigen gestellt hatte, die versucht haben, es zu brechen", schrieb Matthew Caruana Galizia am Morgen nach dem Anschlag auf Facebook.

Daphne Caruana Galizia starb am Montagnachmittag vergangener Woche. Auf einer Landstraße im Norden der Mittelmeerinsel Malta - Galizia wollte angeblich in die Stadt fahren, um die Rechnung für ihren Mietwagen zu begleichen - explodierte der Sprengstoff an ihrem Auto, gezündet offenbar per Handy. 80 Meter weit sei das Auto in ein Feld geschleudert worden, schrieb die "Neue Zürcher Zeitung am Sonntag", überall Leichenteile, sagte Matthew Caruana Galizia der "Süddeutschen Zeitung". Der Sohn war der Erste, der zum Tatort kam. 

Journalistin Daphne Caruana Galizia - darum war sie so umstritten

"Black Monday" konstatierte die "Times of Malta" am Tag danach auf ihr Titelblatt, "schwarzer Montag". Caruana Galizia war eine unbequeme Journalistin. Die dreifache Mutter hatte unter anderem einen Skandal um die sogenannten Panama Papers aufgedeckt. Dabei beschuldigte sie auch Mitarbeiter von Maltas Premierminister Joseph Muscat, Übersee-Briefkastenfirmen zu betreiben. Zudem arbeitete sie an den "Malta Files" - vertrauliche Dokumente der maltesischen Finanzbehörde, die Steuerbetrug in großem Stil von Unternehmen und Privatleuten offenlegen. Malta steht seit Längerem in der Kritik, weil das Steuersystem Unternehmen einen Mini-Steuersatz ermöglicht. Auch deutsche Firmen sind ins Visier der Steuerfahnder gerückt.


"Politico" nannte Caruana Galizia einmal ein "Ein-Mann-Wikileaks". Ihr sei nichts Skandalöses zu klein oder zu groß gewesen, um darüber auf ihrem Blog "Running Commentary" zu schreiben, mit dem sie bis zu 400.000 Leser erreichte. Die "Süddeutsche Zeitung" hielt nach ihrem Tod fest: Sie hatte sich viele Gegner und Feinde erschrieben, prominente und weniger prominente, mächtige Politiker, dazu Leute aus der Unterwelt, "die sie wahlweise und zuweilen auch etwas voreilig zahlreicher Schweinereien bezichtigte: des Drogenhandels, der Korruption, des Steuerbetrugs. Sie malte ein dunkles Bild von Malta". Vor ein paar Wochen meldete die Bloggerin dann, sie erhalte Morddrohungen. Am Nachmittag des 16. Oktober schrieb sie: "Wo du auch hinschaust, überall sind Gauner. Die Lage ist hoffnungslos." Dann stieg sie in ihren Wagen, ohne Leibwächter, eine halbe Stunde später war sie tot. 

Wer steckt hinter dem Mord? 

Jetzt heißt es, hinter dem Tod von Caruana Galizia stecke möglicherweise ein Netzwerk illegaler Treibstoff-Schmuggler. Das zumindest sagte der italienische Staatsanwalt Carmelo Zuccaro dem britischen "Guardian", er könne diese Möglichkeit nicht ausschließen, meinte er wörtlich. Caruana Galizia habe über den extrem lukrativen illegalen Treibstoffhandel zwischen Libyen über Malta in die EU berichtet, gab der Staatsanwalt an, der derzeit die Ermittlungen zum mutmaßlichen Schmugglerring leitet. Einige Verdächtige habe sie in ihren Berichten mit Namen genannt, sagte er.

Kurz nach dem Mord an der Bloggerin wurden mehrere Menschen verhaftet. Verbindungen zum Tod der Journalistin würden aktuell allerdings keinem der Verhafteten vorgeworfen, berichtete der "Guardian", die Polizei ermittle noch immer in alle Richtungen. Doch "Malta", sagte Zuccaro, "ist zu einer Art sicheren Hafen für alle Arten von Gangstern geworden."

"Das ist nicht irgendein Mord. Das ist Krieg"

Die Ermordung seiner Mutter sei nicht irgendein Mord, schrieb Matthew Caruana Galizia am Tag nach dem Anschlag auf Facebook. "Wenn überall um dich herum Blut und Feuer ist, ist das Krieg." Die Regierung habe zugelassen, dass eine "Kultur der Straffreiheit" auf gedeihe. "Wären die Behörden bereits an der Arbeit, gäbe es keinen Mord, der aufgeklärt werden muss."

Wenige Tage danach forderten er und seine zwei Brüder Andrew und Paul Regierungschef Joseph Muscat zum Rücktritt auf. Die Belohnung von einer Million Euro für Hinweise zur Aufklärung des Mordes - ein Fall "von so außergewöhnlicher Bedeutung" erfordere "außergewöhnliche Maßnahmen", hatte die maltesische Regierung am Wochenende erklärt - lehnen die Hinterbliebenen ab. Die strafrechtliche Verurteilung interessiere sie nicht, erklärten sie, sie nutze nur denen in der Regierung, die dann sagen könnten, der "Gerechtigkeit sei Genüge getan". Stattdessen müssten "furchtlose Beamte" eingesetzt werden, die gegen Muscat "und diejenigen, die er deckt" ermitteln.

Am Wochenende demonstrierten in Maltas Hauptstadt Valletta tausende Menschen für eine schnelle Aufklärung des Mordes an der Journalistin und für das Ende von Korruption in Politik und Behörden. Politiker, Gewerkschafter und die Staatspräsidentin nahmen teil. Premier Muscat fehlte.

pg/mit Agenturmaterial