HOME

Todesstrafe in Texas: Rodney Reed soll in wenigen Tagen hingerichtet werden – doch viele zweifeln an seiner Schuld

Rodney Reed sitzt im Todestrakt im US-Bundesstaat Texas. Am 20. November soll er hingerichtet werden. Dem 51-Jährigen wird Mord und Vergewaltigung vorgeworfen. Doch es soll Beweise geben, die ihn entlasten. Prominente und Politiker setzen sich nun für ihn ein.

Rodney Reed soll am 20. November in Texas hingerichtet werden

Rodney Reed soll am 20. November in Texas hingerichtet werden

Picture Alliance

In den frühen Morgenstunden des 23. April 1996 sollte Stacey Stites bei der Arbeit erscheinen. Die 19-Jährige arbeitete in einem Supermarkt in Bastrop im US-Bundesstaat Texas. Sie machte sich morgens auf den Weg in den Laden. Doch sie kam dort nie an. Ihr Chef verständigte ihre Mutter, als Stacey nicht erschien. Wenige Stunden später wurde die Leiche der jungen Frau gefunden. Sie wurde sexuell missbraucht und mit ihrem eigenen Gürtel erwürgt.  

Die junge Frau war mit dem Polizeibeamten Jimmy Fennell verlobt, auf den auch der erste Verdacht fiel. DNA-Proben, die bei der Leiche gefunden wurden, sollen jedoch nicht mit denen Fennells übereingestimmt haben. Die Ermittlungen in dem Mordfall blieben ein Jahr lang ohne Ergebnis.  

Rodney Reed hatte eine Affäre mit dem Opfer

Dann wurde Rodney Reed mit dem Fall in Verbindung gebracht. Die gefundenen DNA-Proben sollen mit denen Reeds übereingestimmt haben. Der damals 28-Jährige, der zuvor schon einmal wegen sexueller Nötigung angeklagt, aber freigesprochen wurde, bestritt zunächst, das Opfer gekannt zu haben. Während des Prozesses gab er jedoch zu, eine Affäre mit Stites gehabt zu haben. Er gab an, dass seine DNA bei ihr gefunden wurde, weil sie in der Nacht vor ihrem Tod Sex hatten. Getötet, so seine Aussage, habe er sie aber nicht.  

Die Jury kam zu einem anderen Schluss. Am 29. Mai 1998 wurde Reed schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Seit mehr als 21 Jahren sitzt der heute 51-Jährige in der Todeszelle. Im Jahr 2001 hat sich das "Innocence Project" Reeds Fall angenommen. Das ist eine US-amerikanische Non-Profit-Organisation, die sich mit der Aufklärung von Justizirrtümern beschäftig. Auf der Internetseite des "Innocence Projects" werden zehn Indizien und Gründe genannt, warum Reed unschuldig sein könnte.

  1. Die Mordwaffe sei nie auf DNA-Spuren getestet worden 
  2. Die drei forensischen Experten hätten Fehler in ihren Aussagen zugegeben, die zu Reeds Verurteilung geführt haben
  3. Namhafte Gerichtsmediziner seien zu dem Schluss gekommen, dass Reeds Schuld medizinisch und wissenschaftlich unmöglich ist
  4. Eine Cousine und eine Kollegin des Opfers sollen bestätigt haben, dass Reed und Stites eine einvernehmliche Beziehung hatten
  5. Der Verlobte des Opfers, Jimmy Fennell, soll monatelang der Hauptverdächtige in dem Fall gewesen sein
  6. Fennells bester Freund, ein Gerichtsdiener aus Bastrop, habe erklärt, dass die Angaben, wo Fennell in der Mordnacht gewesen sein soll, widersprüchlich waren
  7. Zwei Zeugen sollen eidesstattliche Erklärungen abgegeben haben, die Fennell belasten
  8. Fennell habe später eine zehnjährige Gefängnisstrafe wegen eines Sexualverbrechens und einer Entführung abgesessen
  9. Das Urteil soll rassistisch motiviert gewesen sein: Reed, ein schwarzer Mann, wurde von einer rein weißen Jury für schuldig befunden, eine weiße Frau getötet zu haben
  10. Fennell soll ein Geständnis abgegeben haben: Ein Mithäftling Fennells gab an, ein Gespräch gehört zu haben, in dem er den Mord an Stites zugegeben hat

Hinrichtung soll am 20. November stattfinden

Der Fall ist in den letzten Wochen wieder verstärkt in die Öffentlichkeit gerückt, da Reed in wenigen Tagen, am 20. November, hingerichtet werden soll. Unter anderem haben sich Prominente wie Kim Kardashian und Rihanna für eine Begnadigung eingesetzt. Kardashian wandte sich auf Twitter direkt an den texanischen Gouverneur Greg Abbott: "Wie können Sie einen Mann hinrichten, wenn seit seinem Prozess substanzielle Beweise, die Rodney Reed entlasten würden, vorgebracht wurden und sogar die andere Person von polizeilichem Interesse belastet wird? Ich fordere Sie auf, das Richtige zu tun."

Die Online-Petition "Free Rodney Reed" hat bisher über 2,8 Millionen Unterschriften gesammelt. Sogar die EU hat sich mit einem Schreiben an den texanischen Gouverneur eingeschaltet. "Die Europäische Union bedauert es, dass der Staat Texas plant, Herrn Rodney Reed am 20. November hinzurichten und bittet Gouverneur Abbott nachdrücklich um Gnade in seinem Namen. Beweise in dem Fall lassen erhebliche Zweifel an seiner Schuld aufkommen."

Auch in Texas bekommt Abbott Gegenwind. Der republikanische US-Senator Ted Cruz und der demokratische Ex-Präsidentschaftskandidat Beto O’Rourke setzten sich für Reed ein.

Reed beteuert weiterhin seine Unschuld. In einem Gefängnis-Interview mit ABC News sagte er: "Am Anfang war ich verärgert, nur weil ich sie kannte. Wenn ich sie nicht gekannt hätte, wäre ich nicht mit ihr in Verbindung gebracht worden und ich wäre nicht in dieser Situation. Aber das ist die Situation, in der ich mich befinde, also muss ich akzeptieren, dass ich sie kannte. Ich muss akzeptieren, dass wir eine Beziehung hatten. Ich muss akzeptieren, dass ich jetzt hier bin für etwas, was ich nicht getan habe." Weiter sprach er über die Rolle von Rassismus während seines Prozesses: "Die Rasse hat eine große Rolle gespielt. Ich habe das zuerst nicht kommen sehen. Diese Art von Rassismus habe ich nicht kommen sehen." 

Curtis Watson konnte nach einer fünftägigen Suchaktion gefasst werden

Auch Sandra Reed, die Mutter des Verurteilten, äußerte sich bei ABC News: "Der Kampf war für uns ein 23 Jahre währender Albtraum. Aber die Wahrheit hat uns stark gemacht, um den Kampf für ihn aufrecht zu erhalten."

Staatsanwältin geht von korrektem Urteil aus

Staatsanwältin Lisa Tanner bewertete den Fall ganz anders. "Der richtige Mann wurde ohne berechtigten Zweifel wegen des Mordes an Stacey Stites verurteilt." Und weiter: "Eine große Menge an glaubwürdigen Beweisen, einschließlich unwiderlegbarer DNA-Beweise, der Zeugenaussagen und des Musters, dem Rodney Reed folgte, um seine anderen sexuellen Übergriffe zu begehen, zeigen, dass er Stacey Stites vergewaltigt und ermordet hat", sagte Tanner gegenüber CNN.   

Reeds Anwälte haben alle Rechtsmittel ausgeschöpft. Auf ein Gnadengesuch hat die zuständige Behörde bislang nicht reagiert. Auch von Gouverneur Abbott gab es bisher keine Reaktion.   

Gegenüber ABC News sagte Reed: "Sie werden einen unschuldigen Mann hinrichten."

Quellen: "ABC News"; "CNN"; "Innocence Project"; "Online-Petition"; "Twitter"