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14-Jährige vergewaltigt und ermordet: Gewalt, Betrug, Raub - die brisante Akte des Ali B.

Nach dem Mord an der 14-jährigen Susanna in Wiesbaden hatte die Polizei international nach Ali B. gefahndet. Im Irak fasste sie den 20-jährigen, der für die Ermittler in Deutschland kein Unbekannter ist.

Der nach dem Mord an der 14-jährigen Susanna tatverdächtige Iraker Ali B.

Er soll die 14-jährige Susanna in Wiesbaden ermordet und vergewaltigt haben. Die Polizei fahndet nach dem 20-jährigen Iraker Ali B.

Hinweis: Ali B. ist mittlerweile im Irak gefasst worden. Dieser Text wurde vor der Festnahme verfasst - die Hinweise zu möglichen Straftaten und seiner Akte bleiben aktuell.

"Das ist ein abstoßendes Verbrechen." Stefan Müller, der Polizeipräsident von Westhessen, fand persönliche Worte zu dem, was seine Kollegen herausgefunden und sachlich zu Papier gebracht haben.

Einen Tag zuvor fanden Sie nach tagelanger Suche an einem Bahndamm im Osten Wiesbadens den Leichnam der Schülerin Susanna aus Mainz - ein DNA-Abgleich brachte letzte Gewissheit.

Die Ermittlungen ergaben: Das seit dem 22. Mai vermisste Mädchen wurde kurz nach ihrem Verschwinden vergewaltigt und anschließend ermordet, durch "Gewaltanwendung auf den Hals", so Oberstaatsanwalt Achim Thoma am Donnerstag in der hessischen Landeshauptstadt.

Hunderte Polizisten suchten nach Susanna

Zeitweise bis zu 400 Polizisten seien nach dem Verschwinden der Schülerin in die aufwendigen Ermittlungen involviert gewesen. Am Sonntag, den 3. Juni, gab es dann den Durchbruch, erklärte Polizeipräsident Müller. Ein 13-jähriger Flüchtling sei auf ein Polizeirevier in der Wiesbadener Innenstadt gekommen. "Er erklärte, Susanna sei vergewaltigt und getötet worden." Zudem habe er einen Hinweis auf den späteren Fundort der Leiche gegeben. Und er nannte den möglichen Täter, der ihm von seiner Tat erzählt haben soll: Ali B., 20 Jahre alt, Iraker, mit Wohnsitz in einer Flüchtlingsunterkunft im Wiesbadener Stadtteil Erbenheim, keine 1000 Meter vom Fundort der Leiche entfernt. Er ist kein unbeschriebenes Blatt für die Behörden.

Susanna wurde nur 14 Jahr alt

Susanna wurde nur 14 Jahr alt

DPA

Nach bisherigen Erkenntnissen ist er im Herbst 2015 aus seiner Heimat im Irak über die Türkei, Griechenland und die Balkanroute als Flüchtling nach Deutschland gekommen und wurde zunächst in der Erstaufnahme in Gießen untergebracht, bevor ihm, seinen Eltern und den fünf Geschwistern die Unterkunft in Wiesbaden zugewiesen wurde. Seinen Antrag auf subsidiären Schutz, weil er sich in seiner Heimat von der kurdischen PKK bedroht sah, lehnte das Bamf im Dezember 2016 ab. Weil der 20-Jährige gegen den Bescheid klagte, durfte er vorerst im Land bleiben.

Tatverdächtiger hat dicke Akte bei der Polizei

Danach begann sich die Akte des Irakers bei der Polizei zu füllen, ohne dass er bislang verurteilt wurde, wie Präsident Müller auf der Pressekonferenz im Wiesbadener Justizzentrum ausführte:

  • April 2017: In Wiesbaden wurde eine Frau aus einer Gruppe heraus angepöbelt, zwei andere Menschen gingen dazwischen, es gab eine Schlägerei. Die Behörden gingen davon aus, dass B. hier beteiligt war, konnten aber nichts nachweisen. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein.
  • Februar 2018: Ebenfalls in Wiesbaden wurde ein Mann von drei Männern geschlagen, in Tatortnähe geriet B. in das Viser der Fahnder. Auch in diesem Fall wurde das Verfahren mangels Beweisen eingestellt.
  • März 2018: B. rempelte eine Stadtpolizistin in der Innenstadt von Wiesbaden an, schlug und spuckte um sich. Der Iraker kam vorübergehend in Polizeigewahrsam, das Verfahren läuft noch.
  • April 2018: Ebenfalls in Hessens Hauptstadt wurde ein Passant nachts von zwei Männern mit einem Messer bedroht, ins Gebüsch gezerrt und ausgeraubt. "Die Tatbeteiligung von Herrn B. dürfte klar sein", so die Polizei.
  • April 2018: Bei Ali B. wurde ein Einhandmesser entdeckt - ein Verstoß gegen das Waffenbesitzverbot.
  • Mai 2018: Bei der Polizei geht eine Anzeige ein. Eine Elfjährige wurde im März 2018 in Bs Flüchtlingsunterkunft vergewaltigt - von "einem Ali", wie das Mädchen ausgesagt habe. In der Unterkunft gibt es laut Polizei vier Alis. B. ist einer von ihnen. Der Verdacht konnte bislang nicht erhärtet werden, die Ermittlungen laufen weiter.

Nicht einmal eine Woche nach der Anzeige wurde Susanna vergewaltigt, ermordet und am Bahndamm abgelegt. Die Polizei hält B. für dringend tatverdächtig. Das Opfer habe er über seinen Bruder flüchtig gekannt.

Nach dem Hinweis des 13-jährigen Jungen eilten Polizisten zu der Flüchtlingsunterkunft und stellten fest, dass Susannas mutmaßlicher Vergewaltiger und Mörder mit seiner Familie abgehauen ist. "Offensichtlich sind sie überhastet abgereist", erzählten andere Bewohner den Beamten, vermutlich schon am Donnerstag, den 31. Mai.

Familie aus Wiesbaden flog unbehelligt gen Irak

Die Ermittler konnten die Flucht des Verdächtigen rekonstruieren: Für den 2. Juni buchte die Familie einen Mittagsflug von Düsseldorf nach Istanbul, den sie später auf den Abendflug umbuchte - one-way.

Gegen 18 Uhr wurde der 20-Jährige mit seiner Familie am Flughafen von Düsseldorf von der Bundespolizei bei der Ausreise kontrolliert und legte drei Dokumente vor: Seine Aufenthaltsgenehmigung mit dem bei den deutschen Behörden bekannten Namen Ali B., das Flugticket mit einem anderen Namen und ein sogenanntes Laissez-passer-Papier zur erleichterten Rückreise in die Heimat, vermutlich von der irakischen Botschaft ausgestellt. Welche Identität dort in arabischer Schrift vermerkt war, sagte die Polizei nicht. Ein Abgleich aller Namen habe bei der Ausreise nicht stattgefunden, lediglich die Passbilder auf den Dokumenten seien überprüft worden. Der Identitätsbetrug flog erst im Zuge der Mordermittlungen auf.

Am 2. Juni um 19.06 Uhr hob Ali B. mit Turkish-Airline-Flug 1528 ab und verließ die Bundesrepublik, einen Tag später ging es für ihn und seine Familie weiter in die Kurden-Metropole Erbil im Nordirak.

Am Montag, den 4. Juni, wurde Ali B. zur Fahndung ausgeschrieben. Der Haftbefehl lautet auf Vergewaltigung und Mord zur Verdeckung einer Straftat. Fahnder haben sich inzwischen auf die Spur des Verdächtigen begeben, auch die irakischen Behörden sind informiert. Ein Auslieferungsabkommen mit dem Land gibt es nach Angaben des Bundesjustizministeriums nicht.

Kurz nach dem Fund der Leiche in Wiesbaden nahm die Polizei einen zunächst verdächtigen Asylbewerber aus der Türkei fest, bei dem es sich um einen Komplizen des Irakers handeln sollte. Am Donnerstagabend wurde der 35-Jährige jedoch wieder freigelassen, weil kein dringender Tatverdacht mehr gegen ihn besteht, wie Oberstaatsanwalt Oliver Kuhn mitteilte.

Der Fundort der Leiche auf der Karte

Zur Aufklärung der Tat ist die Polizei auf weitere Zeugen angewiesen. Sie sucht insbesondere nach Spaziergängern, Radfahrern oder Hundehaltern, die rund um den Leichenfundort am 22. oder 23. Mai verdächtige Beobachtungen im Bereich der Bahnstrecke zwischen dem Hauptbahnhof und Wiesbaden-Erbenheim gemacht haben. Zudem wollen die Beamten wissen, wo sich Ali B. zwischen dem 22. Mai und dem 2. Juni aufgehalten hat. Die Polizei hat unter der Nummer (0611) 3455555 ein Hinweistelefon eingerichtet. Weitere Informationen zu dem Fall hat die Kripo Wiesbaden auf ihrer Interneseite veröffentlicht.

Verbrechen in Wiesbaden: Susanna ist tot - das ist über den Fall (bisher) bekannt
feh