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Gewalttat in Würzburg Mutmaßlicher Messerstecher schilderte 2018 Angriff von Neonazis in Chemnitz

Polizisten stehen vor dem geschlossenen und abgesperrten Geschäft in der Innenstadt von Würzburg
Polizisten stehen vor dem geschlossenen und abgesperrten Geschäft in der Innenstadt von Würzburg, wo es am Freitag zu dem tödlichen Messerangriff gekommen war
© Karl-Josef Hildenbrand / DPA
Nach dem Anschlag von Würzburg gehen die Ermittler mehr als hundert Spuren nach. Einige davon führen nach Chemnitz. Dort hatte der mutmaßliche Attentäter vor drei Jahren Journalisten von einem Übergriff durch Neonazis erzählt.

Was trieb den Messerstecher von Würzburg zu seiner Tat? Die Generalstaatsanwaltschaft München hält mittlerweile einen islamistischen Hintergrund für naheliegend. Sie begründete dies am Dienstag mit den zweimaligen "Allahu akbar"-Rufen des Tatverdächtigen Abdirahman J. während des Anschlags, von denen Zeigen berichteten. Zudem soll der später mit einem Polizeischuss gestoppte 24-Jährige im Krankenhaus einen Hinweis auf den "Dschihad" – also den "Heiligen Krieg" – gegeben haben. Handfeste Beweise wie islamistische Propaganda oder andere Belege für Extremismus fanden die Ermittler allerdings bisher nicht.

Video von 2018 zeigt Tatverdächtigen von Würzburg

Es sind also noch viele Fragen offen, was den Anschlag mit drei Todesopfern vom vergangenen Freitag betrifft. Klar ist bislang, dass J. aus Somalia stammt, am 6. Mai 2015 über Italien nach Deutschland einreiste und in der Außenstelle Chemnitz in Sachsen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erfasst wurde. Bis 2019 wohnte der junge Mann in Sachsen – und erlebte dort eigenen Angaben zufolge mehrfach Übergriffe durch Rechtsextreme.

Einer Redakteurin der Deutschen Welle, die J. damals im Auftrag der Funke-Mediengruppe traf, schilderte der Somalier 2018 wie er und ein afghanischer Freund in Chemnitz von vermummten, mutmaßlich rechtsextremen Schlägern angegriffen worden seien. In der Nähe einer Tankstelle seien sechs Personen auf sie zugekommen. Alle seien schwarz gekleidet und groß gewesen, berichtet J. in einer Videoaufnahme, die von dem Treffen gemacht wurde. Er habe weglaufen können, deshalb sei ihm nichts geschehen, doch sein afghanischer Freund sei geschlagen und verletzt worden.

"Wir haben Angst, große Angst, in Chemnitz zu leben", klagt J. in dem Film. Er wolle deshalb nach Westdeutschland. Auf die Frage der Reporterin, ob er das Gefühl habe, dass die Rechten in der Stadt Hetzjagd auf Flüchtlinge machen würden, antwortet er: "Ja, immer, immer, immer, immer, immer."

In Chemnitz hatte es nach der tödlichen Messerattacke auf den 35 Jahre alten Deutschen Daniel H. im August 2018 mehrfach Kundgebungen rechter Gruppen gegeben, darunter die AfD, Pegida und der rechtsextreme Verein Pro Chemnitz. Dabei wurden auch Ausländer und Journalisten angegriffen und Teilnehmer zeigten den Hitlergruß.

Unter einem Flatterband mit "Polizeiabsperrung"-Aufdruck stehen Kerzen und liegen Blumen, zwei Menschen stehen im Hintergrund

Die DW-Reporterin kann sich nicht erklären, wie aus dem damals scheinbar normalen jungen Mann ein mutmaßlicher Mörder werden konnte. Er sei ein netter Kerl gewesen, gesprächig, überhaupt nicht schüchtern, berichtet die Journalistin auf der Webseite der Deutschen Welle. "Ich habe mein Zweithandy in dieser Wohnung vergessen und die beiden haben es mir runtergebracht zum Taxi." J. habe ihr noch einmal gesagt, dass er weg müsse aus Ostdeutschland. "Er hat mich auch hinterher angeschrieben, ob ich ihm einen Job besorgen kann." Das tat die Journalistin dem Bericht zufolge nicht. Stattdessen habe sie den beiden psychologische Hilfe vermittelt. Ob sie diese angenommen haben, ist unklar.

Abdirahman J. griff schon mehrmals zum Messer

Doch schon damals war J. nicht nur ein netter Kerl. Wie die Ermittlungen nach dem Anschlag von Würzburg ergaben, hatte er bereits in Sachsen einen Streit, in dem ein Messer eine Rolle spielte. Bei der Auseinandersetzung um die Benutzung eines Kühlschranks in einer Asylunterkunft Ende 2015 erlitten der Somalier und sein Kontrahent nach Angaben der Staatsanwaltschaft leichte Schnittverletzungen. Die Ermittlungen seien aber eingestellt worden, weil es  aufgrund widersprüchlicher Aussagen keinen Tatnachweis gegeben habe.

Auch in Würzburg fiel J. im Januar dieses Jahres auf, als er bei einem Streit in seiner Obdachlosenunterkunft ein Messer bedrohlich in der Hand hielt. Verletzt wurde niemand. Allerdings kam der 24.Jährige den Behörden zufolge für gut eine Woche in eine Psychiatrie.

Im selben Monat informierte ein Zeuge die Behörden darüber, dass er im Jahr 2015 ein Telefonat des Beschuldigten mitgehört habe, wie die Staatsanwaltschaft weiter berichtete. Dabei soll J. erzählt haben, dass er in Somalia 2008/2009 für die islamische Terrororganisation Al-Shabaab Zivilisten, Journalisten und Polizisten getötet habe. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe prüfte laut LKA den Fall, es gab aber keine Ermittlungen, weil konkrete Tatsachen fehlten, und J. zum angeblichen Tatzeitpunkt erst elf beziehungsweise zwölf Jahre alt war – also strafunmündig.

Und am 14. Juni, also nur einige Tage vor dem Messerangriff, belästigte der Somalier laut Polizei in psychisch angeschlagenem Zustand Verkehrsteilnehmer in Würzburg und setzte sich bei einem Autofahrer sogar auf den Beifahrersitz. Daraufhin kam der 24-Jährige in eine psychiatrische Einrichtung, verließ sie aber nach einem Tag auf eigenen Wunsch wieder.

Quellen: Deutsche Welle, WAZ, DPA

mad

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