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Stoibers Audiofiles: "Der Bahnhof wächst an die Städte"

Edmund Stoiber, bayerischer Ministerpräsident, stand noch nie im Ruf, ein guter Rhetoriker zu sein. Die Redeausschnitte, die derzeit durchs Internet geistern, belegen, dass alles noch viel schlimmer ist.

Von Lutz Kinkel

Nein, die bayerische Staatskanzlei rief nicht bei stern.de zurück. Und die Telefonnummer von Michael Spreng, dem ehemaligen Spin-Doctor Edmund Stoibers, wollte auch niemand herausgeben. Das ist bitter. Aber auch verständlich. Was soll man auch sagen? Schließlich geht es um den großen Vorsitzenden.

Das Desaster begann um offenbar zur Jahreswende. Der Journalist Mario Sixtus erhielt eine Kettenmail, im Anhang befand sich das Audiofile einer Rede des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Und die liest sich so:

"Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten ohne daß Sie am Flughafen noch einchecken müssen dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen am am Hauptbahnhof in München starten Sie ihren Flug zehn Minuten schauen Sie sich mal die großen Flughäfen an wenn Sie in Heathrow in London oder sonstwo meine Charles de Gaulle in äh Frankreich oder in Rom wenn Sie sich mal die Entfernungen ansehen, wenn Sie Frankfurt sich ansehen dann …[es folgen weitere Satzbrocken]"

"Der Mann spricht so"

Da es aber noch sehr viel amüsanter ist, die Rede zu hören, stellte Sixtus das MP3 auf seine Homepage. Und dann gab es kein Halten mehr: Das File verbreitete sich mit viraler Geschwindigkeit durch die Blogosphäre. Sixtus erhielt in den nachfolgenden Wochen zahllose Anrufe von Journalisten, die den Fall für ihr Medium recherchieren wollten. Erste Vermutungen machten die Runde: Handelt es sich um eine Rede Stoibers auf dem Neujahrsempfang der Münchner CSU am 21.01. 2002 im alten Rathaus? Oder vielleicht doch seine Ansprache anlässlich der Eröffnung des Terminal 2 des Flughafen München am 27. Juni 2003? Nichts genaues weiß man nicht. "Eine bisweilen geäußerte Vermutung kann ich allerdings nach bestem Wissen und Gewissen ausschließen", schreibt Sixtus auf seiner Homepage: "Es handelt sich bei dem Sprecher definitiv nicht um einen Kabarettisten oder Stimmenimitator. Ich habe Stoiber live erleben dürfen und kann bezeugen: Der Mann spricht so."

Inzwischen gibt es von der Rede nicht nur einen Remix. Der MDR hat sie sogar in ein Video übersetzt, das im "Sendung-mit-der-Maus"-Stil daherkommt. Außerdem schleusten findige Menschen noch reichlich Audiofiles ins Netz, die Mitschnitte von weiteren Stoiber-Reden sein sollen. Auch dafür gibt es zwar keine offizielle Bestätigung, brüllend komisch sind sie dennoch (siehe Kasten).

Förmlicher Untergang

Dass sich Stoiber so dramatisch verhaspeln kann, dass er in Ähs, Wiederholungen und rätselhaften Andeutung förmlich untergeht, hält der Sprechtrainer und Coach Michael Rossié für das Resultat einer falschen Beratung. Stoiber wurde demnach derart intensiv eingetrichtert, sich mediengerecht zu verhalten, dass er unter einer ständigen, verkrampften Selbstbeobachtung steht. "Er ist nur zur Hälfte bei der Sache, zur anderen Hälfte ist er bei seien Handbewegungen, die genau einstudiert sind, und bei seinen Betonungen. Außerdem ist er in Gedanken immer schon im nächsten Satz." Privat, so Rossié, sei Stoiber dem Vernehmen nach ein lockerer, eloquenter Gesprächstpartner. "Aber wenn er auf der Bühne steht, will er die Jacke von Franz Josef Strauß anziehen. Aber die passt ihm nicht." Rossiés Rat: Stoiber sollte gar nicht erst versuchen, sich als kerniger Volkstribun zu inszenieren. Würde er so intellektuell sein dürfen, wie er nunmal ist, käme er wesentlich besser rüber.

Gleichwohl: Auch ein haspelnder Stoiber hat etwas für sich. Denn er beweist mit jeder verzockten Rede, dass ein medialer "Misfit" für die höchsten Ämter der Bundesrepublik kandidieren kann. Und das ist durchaus beruhigend.

Mitarbeit: Silke Haas