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Emanzitiert: Kinder machen aus Ihnen keine bessere Politikerin, Frau Petry

Es gibt zuhauf Gründe, sich gegen Kinder zu entscheiden. Angreifbar ist eine Frau dadurch genauso wenig wie ein Mann. Auch, wenn sie in der Politik arbeitet. Der Angriff Frauke Petrys auf Angela Merkel war ein unzulässiger Tiefschlag.

Von Sylvia Margret Steinitz

Frauke Petry mit ihrem jüngsten Sohn als Säugling auf dem Arm

Frauke Petry hat sich also fortgepflanzt. Eine bessere Politikerin ist sie dadurch ganz sicher nicht.

Ich hatte nicht vor, mich in politische Diskussionen einzumischen. Aber eine Bemerkung der AfD-Chefin Frauke Petry touchiert das Kernthema dieser Kolumne, die Anliegen der Frauen. Ich habe von Petry schon mehr als eine kritische Aussage gehört. Dass aber ausgerechnet sie, eine Frau, die sich in einer Männerdomäne durchgesetzt hat, die Mutterkarte gegen eine andere Frau zieht, hat mich dann doch überrascht. "Ich habe vier Kinder, Angela Merkel hat keine", sagte die AfD-Chefin zum stern, über die anfängliche Flüchtlingstrategie der Bundeskanzlerin. "Kinder veranlassen einen, über den eigenen Lebenshorizont hinaus zu sehen. Und das tut Merkel eben nicht."

hätte nun mehrere Möglichkeiten zu kontern. Sie könnte etwa a) klipp und klar sagen, dass sie sehr wohl in die Zukunft geschaut habe, als sie in der geschichtlichen Ausnahmesituation von 2015 sagte: "Wir schaffen das." Zu Sigmar Gabriel sagte die Bundeskanzlerin im August des Vorjahres nämlich außerdem: "Was sollen denn unsere Enkel über uns sagen?" Sie hat also sehr wohl über ihren eigenen Lebenshorizont hinaus geblickt - in die Zukunft ebenso wie in die Vergangenheit. Noch einmal eine Generation Deutscher, die ihre Großeltern fragen müssen: "Warum hast du damals zugesehen?", das wollte sie der Seele dieses Landes nicht antun (Dass sie sich in der Zusammensetzung der Neuankömmlinge und im Grad der Belastung für unser Land geirrt hat, ist eine andere Geschichte und bedarf einer eigenen Diskussion).

Wie sollte Angela Merkel auf den Angriff reagieren?

Merkel könnte in ihrer Reaktion auf Petrys Bemerkung aber auch eine andere Strategie wählen und zum Beispiel b) den Spruch "Kinder machen klüger/besser/wertvoller" als das entlarven, was er ist: ein strapazierter Mythos, ähnlich dem "Alle Mütter lieben ihre Kinder" und "Kinder machen immer glücklich". Die Wahrheit ist: Kinder zu haben macht uns nicht zu gescheiteren oder - um den Bogen zu Frauke Petrys Bemerkung zu beschreiben - zukunftsorientierteren Menschen. Kinder können aus Eltern nur herausholen, was bereits in ihnen steckt. Wäre es anders, gäbe es keine Vernachlässigung, keinen Missbrauch von Kindern, und auch - Stichwort Zukunft - keinen Raubbau an unserem Planeten, an dem Eltern ebenso beteiligt sind wie Nicht-Eltern.

Die Bundeskanzlerin könnte bei der Gelegenheit auch c) geschickt platzieren, warum Petrys Wortmeldung nicht nur falsch und platt, sondern auch niederträchtig ist. Denn sehen Sie, Angela Merkel gehört zu jener Generation Frauen, für die Karriere und Kinder mehrheitlich unvereinbar waren. Mutterschaft war schlicht nicht Teil einer Arbeitswelt, in der Frauen sich überhaupt einmal einen Platz erkämpfen mussten.

Es gibt ja so viele Gründe gegen Kinder

Die Gründe für Kinderlosigkeit (der Begriff an sich ist bereits Nonsens, wie auch der Begriff Nichtraucher) mögen im Einzelnen vielfältig sein - Angela Merkel etwa sagte einmal sinngemäß, es habe sich einfach nicht ergeben; es sei zwar nicht beabsichtigt gewesen, aber in Ordnung -, aber in Deutschland lebt eine ganze Generation von erfolgreichen Frauen zwischen Fünfzig und Siebzig, die auf Kinder verzichtete, weil beides eben früher nicht ging (und nicht zuletzt wegen der Einstellung manches Ehemanns). Dass sich vieles verändert hat, liegt auch an diesen Pionierinnen der Arbeitswelt. Man könnte es vereinfacht so ausdrücken: Die Generation Merkel hatte keine Kinder, damit die Generation Petry welche bekommen kann. Doch auf diesen Gedanken kommt die AfD-Chefin vielleicht gar nicht. Womit sie einmal mehr Punkt b) beweist.

Angela Merkel könnte auch eine denkbar einfache Lösung wählen und d) spontan ein paar Frauen nennen, die in ihrem Wirken besonderen Weitblick bewiesen und ebenfalls keine hatten. Da wäre etwa Elizabeth I. von England, unter deren Regentschaft das Land aufblühte und deren Entscheidungen über Jahrhunderte nachwirkten. Ein Beispiel aus unseren Tagen: Helen Clark, die ehemalige Premierministerin von Neuseeland, das unter ihrer Leitung zum Traumland für Auswanderer, besonders für Deutsche, wurde. Oder nehmen wir Hannah Arendt, eine der wichtigsten Denkerinnen der Weltgeschichte, die uns in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus "die Banalität des Bösen" verständlich und Meinungsführer weltweit für alle Zeit mit dem Instrumentarium ausstattete, die Anzeichen menschenverachtender Strömungen zu erkennen.

Simone de Beauvoir, die große französische Intellektuelle, deren Denken ebenso große Menschen prägte. Ein paar wahllos zusammengesuchte Künstlerinnen: Jane Austen. Frida Kahlo. Karen Blixen. Maria Callas. Helen Mirren. Ich könnte auch viele bedeutende aufzählen, die keine Kinder hatten, aber Bacon, Newton, Dostoyewski, Beethoven oder Da Vinci nebst dem Papst und dem Dalai Lama mussten sich mit diesem Blödsinn ja nie herumschlagen.

Ein kalkulierter Stich unterhalb der Gürtellinie

wird in ihrer Bedeutung niemals auch nur an eine der genannten Personen herankommen. Angela Merkel dagegen nahm ihren Platz in der Geschichte bereits vor dem Sommer 2015 ein. Sie ist eben eine Frau von Weltformat - und schenkt wohl auch deshalb Petrys Wortmeldung bisher keine Aufmerksamkeit.


Wahrscheinlich hat Frauke Petry dieses Argument nämlich d) in vollem Bewusstsein eingesetzt, um der Bundeskanzlerin einer emotionsfreien Antwortmöglichkeit zu berauben. Ein kalkulierter Stich unterhalb der Gürtellinie, der an deutschen Stammtischen immer noch als Killersatz herhält, ungeachtet der Stupidität seines Inhalts. Ein Satz, der viel zu viele patente, tüchtige, für die Gesellschaft wertvolle Frauen in ihrem Innersten trifft, weil die Reduktion auf biologische Funktionen immer noch eine Wirkung zeigt in dem Land, das den Begriff Rabenmutter erfunden hat und in dem Petrys eine steuerliche Mehrbelastung für Kinderlose fordert - eine Forderung, so abstrus und so wenig durchdacht, dass ich mich über Petrys aktuelle Wortmeldung eigentlich nicht wundern sollte.

Die Bemerkung der AfD-Chefin wird sich noch als Fehler erweisen. Die oben erwähnte Hannah Arendt hat unseren Blick für sowas geschärft: Keine reflektierte Frau, kein reflektierter Mann wird eine Partei wählen, die ein Weltbild entwirft, in dem der bloße Umstand des Kinderhabens den Wert eines Menschen für die Gesellschaft bestimmt. Aber um das zu erkennen, dazu hätte Petry über ihren eigenen Lebenshorizont hinausblicken müssen - in die Zukunft ebenso wie in die Vergangenheit.

Zum Shitstorm? Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur einen Post. 

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