Als Welt- und Europameister hat er sich auf ewig in die Herzen der deutschen Fußball-Fans gedribbelt. Ex-Mittelfeld-Star Thomas Häßler feiert heute seinen 60. Geburtstag. Auf dem Fußballfeld kannte der gebürtige Berliner mit dem Spitznamen „Icke“ immer seinen Platz und wusste, wo seine Aufgaben und Ziele liegen. Was ihm im Fußball gelang, bereitete ihm im wahren Leben so manches Mal Schwierigkeiten. Private Schicksalsschläge kamen hinzu. Gesundheitliche Probleme ließen seine Fans in den vergangenen Jahren um ihr Idol bangen. Wie geht es dem sympathischen Berliner heute?
Häßler lässt lieber die Füße sprechen
Thomas Häßler ist ein Gefühlsmensch. Seit seiner Kindheit verlässt er sich auf und außerhalb des Platzes auf seine Intuition. 1966 im Berliner Arbeiterbezirk Wedding geboren, sieht ein Freund des Clubs Meteor 06 den vierjährigen Steppke mit seinem Vater und seinem älteren Bruder Andreas auf der Schillerwiese kicken. Mit Erlaubnis der Eltern spielt er bald für den Verein – der Grundstein für eine große Fußball-Karriere. In einem Interview mit der „taz“ beschreibt er seine Ursprünge so: „Wir sind Straßenfußballer, wir hatten nichts außer Fußball.“ Dafür lässt er auch so manche Schulstunde sausen. Der mit 1,66 Metern eher kleine Häßler findet auf dem Fußballplatz die Möglichkeit, sich mit Dribblings und Schüssen statt mit Worten auszudrücken: „Meine Herausforderung war, es den Großen auf dem Feld zu zeigen.“ Auch später noch wäre es ihm vermutlich manches Mal lieber, er könnte den Ball am Fuß für sich sprechen lassen, statt sich vor Mikrofonen rechtfertigen zu müssen.
Ohne Häßler-Tor kein WM-Titel 1990
Häßlers Fußball-Karriere verläuft zunächst steil bergauf. 1984 wechselt er von Berlin zum 1. FC Köln. Dort spielt er noch zwei Jahre mit einem anderen gebürtigen Berliner zusammen, der den Sprung aus der damaligen Mauerstadt Berlin in die Domstadt geschafft hat: Pierre Littbarski (66). Beide wirbeln fortan im Kölner Mittelfeld die Bundesliga durcheinander und werden 1990 gemeinsam in Rom Weltmeister. Littbarski verdankt er auch seinen Spitznamen „Icke“.
Beim WM-Turnier in Italien heißen die deutschen Stars Lothar Matthäus (65), Jürgen Klinsmann (61) oder Rudi Völler (66). Deren Weltkarrieren - auch nach dem Fußball - hat Thomas Häßler aber in entscheidendem Maße ermöglicht. Denn: Ohne ihn hätte Deutschland gar nicht am Turnier 1990 teilgenommen. Im letzten Qualifikationsspiel gegen Wales am 15. November 1989 benötigt Deutschland unbedingt einen Sieg. Das Siegtor zum 2:1, das die Fahrkarte nach Italien bedeutet, erzielt eine Woche nach dem Fall der Mauer ausgerechnet der Berliner Thomas Häßler.
Karriere à la Matthäus bleibt ihm verwehrt
Nach dem WM-Titel 1990 steht „Icke“ die Welt offen. Er wechselt zu Juventus Turin, dann zum AS Rom, ehe er 1994 in die Bundesliga zurückkehrt. 1996 folgt der Europameistertitel. Mit 101 A-Länderspielen gehört Häßler zu den wenigen Nationalspielern im 100er-Club. 2004 beendet er seine Spieler-Laufbahn. Nur auf Grundlage seiner sportlichen Erfolge hätte Häßler eine Karriere nach dem aktiven Sport hinlegen können, wie es andere 1990er-Weltmeister wie Matthäus, Klinsmann, Völler, Reuter oder Köpke gelingt. Doch entlang seiner Fußball-Laufbahn ereilen den sensiblen Mittelfeldstar immer wieder private Schicksalsschläge, die ihn innerlich schwer verwundet haben müssen.
Leben wie im Abenteuer-Roman
Seine großen Erfolge erlebt sein wichtigster Bolzplatz-Verbündeter nicht mehr mit. Schon 1980, noch ehe Thomas' Karriere so richtig Fahrt aufnimmt, stirbt sein älterer Bruder Andreas an Leukämie.
1999 heuert Häßler beim traditionsreichen TSV 1860 München an. Anfang 2000 wird die Trennung von Ehefrau Angela bekannt, mit der er zehn Jahre verheiratet war und die drei Kinder Fabio, Jasmin und Jordi hat. Doch damit nicht genug. Es wird publik, dass Angela Häßler eine Affäre mit Vereinsmanager Edgar Geenen (1954 - 2007) hat. Der wird daraufhin kurzerhand gefeuert.
Häßlers Nach-Kicker-Karriere ab den 2000ern gleicht eher einem Abenteuer-Roman. So holt ihn Berti Vogts (79) 2007 als Co-Trainer zur nigerianischen Nationalelf. Häßler kündigt allerdings schon nach kurzer Zeit. 2014 unterschreibt er einen Vertrag als technischer Direktor eines Clubs im Iran. Das Engagement dauert immerhin ein Jahr.
Reality-Karriere offenbart neue Seiten
In den 2010er-Jahren taucht Thomas Häßler immer öfter auf TV-Bildschirmen auf. Zunächst nimmt er 2016 an der Vox-Show „Ewige Helden“ teil. Im selben Jahr schwingt er bei der RTL-Tanzshow „Let's Dance“ das Tanzbein und übersteht stolze vier Runden: „Ich habe Muskeln gemerkt, von denen ich dachte, die wären ausgewandert.“ Selbst seine 1990er-Weltmeister loben ihn: „Dass du da rumgehüpft bist, das fanden wir toll!“ Häßler kommt auf den Geschmack und ist 2017 Teil der Insassen des RTL-Dschungelcamps. Als Vierter überzeugt er auch dadurch, dass er sich emotional öffnet. Häßler ist seit 2004 mit seiner zweiten Frau Anke verheiratet. Als ihm seine Dschungel-Mitbewohner ihren Brief vorlesen, kämpft Häßler sichtbar mit den Tränen: „Ich bin sehr stolz auf dich. Ich liebe Dich.“ Häßler scheint privat wieder angekommen.
Gedächtnisverlust und Tinnitus als Warnzeichen
Beruflich wird „Icke“ Häßler auch in den vergangenen Jahren nicht glücklich. Mit Club Italia 80, dem BFC Preussen und dem FC Spandau 06 trainiert er unterklassige Vereine in Berlin. „Vom Weltstar in die achte Liga“, schreibt der „Spiegel“. Auf- und Abstiege, mysteriöse Entlassungen und freiwillige Rücktritte geben sich die Hand. Gravierender ist jedoch, dass sich bei ihm erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen einstellen. 2022 leidet er unter Tinnitus und Gedächtnisverlust, wie die „BZ“ damals berichtet. Häßler vergisst, was er seiner Mannschaft vor dem Spiel mit auf den Weg geben will. „Ich bin nicht todkrank“, beschwichtigt er zwar bei „Bild“. Doch so richtig kommt seine Trainer-Karriere nicht auf die Beine.
„Mein ganzes Leben ist eine Herausforderung“
Es ist ruhig geworden um den Berliner mit dem goldenen linken Fuß. Seine letzten öffentlichen Auftritte stammen aus dem März diesen Jahres. Damals hat der Kinofilm „Ein Sommer in Italien - WM 1990“ Premiere. Es ist ein dokumentarischer Rückblick auf den Sommer seines Lebens: „Ich glaube, dass diese Gruppe, die sich da gefunden hat, ein Spiegelbild der Gesellschaft war“, sagt Jürgen Klinsmann über die Weltmeister von 1990. „Das war wie eine große Familie“, schwärmt Häßler heute noch. Als es im Film um den verstorbenen Andreas Brehme (1960 - 2024) geht, wird Häßlers Stimme brüchig. Einmal Gefühlsmensch, immer Gefühlsmensch. „Mein ganzes Leben ist eine Herausforderung“, so Häßler, „das fängt mit der Größe an. Ich war zu klein, zu schmächtig.“ Er wollte sich von Beginn an gegen die „Großen“ behaupten. Das ist dem kleinen Jungen aus dem Berliner Arbeiterbezirk, der in die weite Welt zog, nicht immer gelungen. Aber er ist sich stets treu geblieben. Und das ist im Leben manchmal das Wichtigste.