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Islamistischer Anschlag Wie die Lüge einer 13-Jährigen zum Tod von Samuel Paty führte

Demonstranten halten "Je Suis Prof"-Plakate während einer Anti-Terrorismus-Mahnwache auf dem Place de La Republique
Die Ermordung des 47-jährigen Lehrers Samuel Paty führte zu einer Welle von Gedenkfeiern und -märschen in ganz Frankreich
© Kiran Ridley / Getty Images
Laut einem Zeitungsbericht hat eine 13-jährige Schülerin zugegeben, eine Lüge über den Geschichtslehrer verbreitet zu haben. Damit setzte die Jugendliche eine unvorstellbare Tragödie in Gang: Zehn Tage später war Samuel Paty tot.

Die Ermordung des 47-jährigen Geschichtslehrers Samuel Paty im Oktober 2020 schockierte Menschen weit über die Grenzen Frankreichs hinaus. Ein 18-jähriger Islamist hatte Paty enthauptet, nachdem dieser Mohammed-Karikaturen in seinem Unterricht gezeigt hatte.

Einem Bericht der französischen Zeitung "Le Parisien" zufolge hat eine 13-jährige Schülerin nun gestanden, ihrem Vater eine Lüge über den Lehrer erzählt zu haben, die später Auslöser für dessen Ermordung war.

Schülerin wollte ihrem Vater Schul-Suspendierung verheimlichen

Dem Bericht zufolge wollte die Schülerin ihrem Vater verheimlichen, dass sie von der Schule suspendiert worden war, weil sie zu oft geschwänzt hatte. Sie erfand eine Lüge: Ihr Geschichtslehrer habe muslimische Schüler des Raums verweisen wollen, um den übrigen Teenagern ein Bild des nackten Propheten Mohammed zu zeigen. Weil sich die 13-Jährige geweigert habe, habe Paty sie zwei Tage vom Unterricht suspendiert.

Paty wurde am 16. Oktober ermordet. Der Täter, ein 18 Jahre alter Mann aus der Normandie, hatte ein Video in den sozialen Medien gesehen, in dem der Vater der 13-Jährigen den Lehrer der Diskriminierung beschuldigt hatte. Daraufhin fuhr der Radikale nach Conflans-Sainte-Honorine bei Paris, bezahlte zwei Schüler, um Paty zu identifizieren, und enthauptete den 47-Jährigen auf offener Straße. Der Täter wurde kurz nach der Tat von der Polizei erschossen.

Das Mädchen habe nun gestanden, dass sie ihrem Vater damals eine Lüge erzählt hatte: Weder saß sie zu besagter Zeit im Klassenraum, noch hatte Paty Muslime aus dem Zimmer haben wollen. Die Schülerin habe bis Sonntag an ihrer Geschichte festgehalten. Erst nachdem die Polizei ihr erklärt habe, dass mehrere ihrer Mitschüler bestätigt hatten, dass sie gar nicht anwesend war, sei sie eingeknickt. 

Paty hatte muslimische Schüler wegen der Karikatur vorgewarnt

Paty hatte seinen Schülern tatsächlich am 6. Oktober vergangenen Jahres eine Karikatur des Propheten gezeigt. Der Geographie- und Geschichtslehrer hielt eine Stunde zum Thema "Dilemmas". Dabei warf er die Frage "to be or not to be Charlie?" auf, mit der er sich auf den Hashtag #JeSuisCharlie bezog. Unter dem Hashtag hatten viele ihre Unterstützung für die zwölf ermordeten Menschen beim Terroranschlag auf das Zeitungsbüro 2015 erklärt.

Entgegen der Darstellung des Mädchens hatte Paty allerdings niemanden aus dem Klassenraum geschickt. Er soll muslimischen Schülern angeboten haben, ihre Augen zu schließen, bevor er das Bild zeigte – um sie nicht zu schockieren.

Anwalt: Schuld liegt nicht bei Schülerin

Berichten zufolge besteht Mbeko Tabula, der Anwalt der Teenagerin, darauf, die Schuld an den Geschehnissen nicht allein seiner Mandantin aufzuerlegen. "Es war das exzessive Verhalten des Vaters, der ein Video drehte und veröffentlichte, das den Lehrer belastete und zu dieser Spirale führte", habe Tabula gegenüber dem "Parisien" gesagt.

"Meine Mandantin hat gelogen. Aber selbst wenn es wahr gewesen wäre, war die Reaktion des Vaters unverhältnismäßig", so Tabula weiter. Der Vater, gegen den wegen "Komplizenschaft bei einer terroristischen Tötung" ermittelt werde, habe sich reumütig gezeigt: Es sei "idiotisch, dumm" gewesen, habe er der Polizei gesagt.

Er habe sich nie vorstellen können, dass sein Video von einem Terroristen gesehen werden würde, so der Vater des Mädchens. Er habe niemanden verletzen wollen. Gegen die beiden Schüler, die Paty dem Attentäter gegen Bezahlung identifizierten, werde ebenfalls ermittelt.

Hetz-Kampagne in Grenoble erinnert Ministerin an den Fall Paty

Laut "BBC" wies Frankreichs Ministerin für Gleichberechtigung, Marlène Schiappa, auf einen ähnlichen Fall von Falschbehauptung am politikwissenschaftlichen Institut der Universität in Grenoble hin. Dort seien zwei Professoren unter Polizeischutz gestellt worden, nachdem sie von Studenten der Islamophobie beschuldigt worden seien.

Auf Protestplakaten der Studenten habe es geheißen: "Faschisten in unseren Hörsälen, Islamophobie tötet". Die beiden Dozenten seien zudem namentlich genannt worden. "BBC" zufolge sehe Schiappa das Leben der Professoren in Gefahr. Die Aktion erinnere sie an die Kampagne gegen Samuel Paty.

Quellen: "The Guardian"; "BBC"; "The Independent"

yks

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