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Riskanter Grenzübertritt: Vor 40 Jahren flohen zwei Familien im Heißluftballon aus der DDR in die Freiheit

1979 flohen zwei befreundete Ehepaare mit ihren vier Kindern aus der DDR. Und das ziemlich spektakulär: Sie schwebten mit einem selbstgebastelten Heißluftballon über die innerdeutsche Grenze in die Freiheit. 

Familie Strelzyk und Wetzel mit ihrem Ballon

Mitten in der Nacht heben die Strelzyks und die Wetzels aus dem thüringischen Pößneck gen Westen ab - in einem aus Hunderten Metern volkseigener Kunstseide selbstgenähten Heißluftballon

stern

Es ist eine irre Geschichte: Zwei befreundete Familien wollen gemeinsam aus der DDR fliehen. Dazu nähen sie sich einen riesigen Heißluftballon, brechen mitten in der Nacht mit ihren insgesamt vier Kindern auf und lassen sich vom Wind in die Freiheit treiben. Nach 28 Minuten geht ihnen in 2000 Meter Höhe der Gasvorrat aus und sie sinken in der fränkischen Kleinstadt Naila zu Boden. Vierzig Jahre liegt die spektakuläre Flucht von Familie Strelzyk und Familie Wetzel aus dem thüringischen Pößneck zurück. Ein Fall, der damals international für Aufsehen sorgte und über den sogar die "New York Times" berichtete.

Tatsächlich war der Plan, mit einem selbstgenähten Heißluftballon über die Grenze zu schweben, ein lebensgefährliches Unterfangen. Zehn Jahre später, im Frühjahr 1989, versuchte ein Ingenieur auf die gleiche Weise zu fliehen. Er stürzte ab und starb. Seine Frau hatte sich in letzter Sekunde dazu entschieden, nicht miteinzusteigen. Günter Wetzel hingegen waren die Gefahren damals gar nicht so bewusst, als die Familien in der Nacht vom 15. auf den 16. September 1979 mit ihren Kindern in den Korb kletterten. "Da hat man gar nicht viel nachgedacht. Man war nur damit beschäftigt, dass alles funktioniert", sagte er einmal in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa in München.

Ballon-Flucht als Filmvorlage

In der Tat waren es dramatische Momente für die beiden Ehepaare und die vier Kinder. Nach einem gescheiterten ersten Versuch hatten sie fieberhaft einen zweiten Ballon gebaut und stiegen nun endlich auf. Doch die Ballonseide fing Feuer und musste gelöscht werden. Und die DDR-Grenzbeamten leuchteten den Himmel mit Suchscheinwerfern aus. "Die haben uns schon gesehen. Dann war plötzlich die Flamme aus und es ging nur noch abwärts." 

Die Aufnahme zeigt das Ehepaar Stelzyk und Petra Wetzel mit Kindern kurz nach der Landung bei Naila

Aufnahme kurz nach der Landung bei Naila: Peter und Ehefrau Doris Strelzyk (hinten) mit den Söhnen Frank (15) und Andreas (11) sowie Petra Wetzel (vorne mit dem Rücken zur Kamera) und ihren Söhnen Peter (4) und Andreas (2) 

Am Ende jedoch ging zum Glück alles gut und die Familien Strelzyk und Wetzel aus Thüringen wurden als Helden gefeiert. Der stern widmete der Ballonfahrt im Oktober 1979 eine mehrteilige Serie und ein Buch, welches ein Jahr später unter dem Titel "Mit dem Wind nach Westen" veröffentlicht wurde. Sogar Hollywood war begeistert und drehte den gleichnamigen Film dazu.

Auch Michael Bully Herbig verfilmte im vergangenen Jahr das bewegende Stück Zeitgeschichte mit Friedrich Mücke, Karoline Schuch, David Kross und Alicia Rittberg in den Hauptrollen. Dafür wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Films ausgezeichnet.

Heute ist die Ballonhülle im Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg zu sehen, die Gondel im Berliner Mauermuseum am Checkpoint Charlie. Auf der Internetseite "ballonflucht.de" hat Günter Wetzel alle Einzelheiten über die damalige Flucht veröffentlicht. Darin beschreibt er, wie die Idee dazu entstanden ist, wie seine Schwägerin, die zu dem Zeitpunkt die DDR bereits verlassen hatte, ihm eine Zeitschrift mitbrachte, in der über das jährliche Ballonfahrertreffen in Albuquerque berichtet wurde und er daraufhin zusammen mit seinem Arbeitskollegen Peter Strelzyk den Plan zur gemeinsamen Flucht entwickelte. Wie ein erster Versucht scheiterte und ihn zwischendurch der Mut verließ. Und er beschreibt dort auch den dramatischen Moment, als plötzlich in 2000 Meter Höhe die Flamme des Brenners ausging.

Die Flüchtlingsfamilien Strelzyk und Wetzel 1979 bei einem Empfang durch den Bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß

Die Flüchtlingsfamilien Strelzyk und Wetzel 1979 bei einem Empfang durch den Bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß

AP / DPA / Picture Alliance

Darum hatten die Familien keinen Kontakt mehr

Auch über das spätere Verhältnis zur Familie Strelzyk äußert er sich. Während Peter Strelzyk 1993 in einem Interview mit dem stern noch erklärte, die zerbrochene Freundschaft sei eine Erfindung der Boulevardpresse, hat Günter Wetzel eine andere Erinnerung. Ein Muskelfasserris, den er sich bei der harten Landung zuzog, habe ihn damals daran gehindert, an Interviews teilzunehmen. Diesen Zustand habe Strelzyk "leider dazu genutzt, die gesamte Geschichte so darzustellen, dass die Idee zur Flucht von ihm kam und auch die Konstruktion und der Bau aller Komponenten seine Sache gewesen wäre". Lediglich das Nähen des Ballons habe er nach seinen Aussagen Wetzel überlassen.

Günter und Petra Wetzel im September 2018 im Berlin

Günter und Petra Wetzel im September 2018 bei der Premiere des Films Ballon 

Picture Alliance

Während sich die Wetzels eigenen Angaben zufolge im Januar 1980 aus den Medien zurückzogen, "um einen normalen Alltag einkehren zu lassen", hätten die Strelzyks in der Öffentlichkeit die Geschichte etwas verdreht. Dies und zwei weitere Fälle, die er ebenfalls auf der Internetseite näher erläutert, hätten dafür gesorgt, dass der Kontakt abbrach. 

Nach der Flucht fand Wetzel mit seiner Frau und den beiden Kindern in der Nähe der Stadt Hof eine neue Heimat und wurde Kfz-Meister. Strelzyks lebten in Unterfranken, zogen aber wenige Jahre nach dem Mauerfall in ihr altes Haus in Pößneck in Thüringen zurück, wo Peter Strelzyk 2017 mit 74 starb. 

Anlässlich des Mauerfall-Jubiläums kommt "Ballon" vom 4. bis zum 10. November noch einmal in die Kinos.

Quellen: DPA/Ballonflucht.de/stern

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jek