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Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl Die wichtigsten Fragen zum Super-GAU


25 Jahre Super-GAU von Tschernobyl: Welche Auswirkungen hatte die Katastrophe? Was passierte mit den Opfern? Wie hoch sind die Kosten? Wir beantworten die wichtigsten Fragen unserer Leser.

Wie hoch sind Strahlenbelastung und Krebsrate?

Cordula L. und Dorothee K. fragen, wie hoch die radioaktive Belastung in Tschernobyl noch ist. Zudem interessieren sie die Krebsrate im Sperrgebiet und welche Krankheiten die Angestellten des Reaktors haben.

Die Belastung im Sperrgebiet ist sehr unterschiedlich. In Tschernobyl selbst liegt sie bei rund 2 bis 3 MilliSievert im Jahr, was dem Zwei- bis Dreifachen der überall vorhandenen natürlichen Radioaktivität entspricht. Ein Daueraufenthalt dort ist für gesunde Erwachsene eher unbedenklich. Rund um den Reaktor selbst beträgt die Belastung das 100fache der normalen Strahlung. Der Rote Wald, in der Nähe des Blocks 4, ist die am meisten verstrahlte Gegend: Dort sind die Werte um das 5000fache erhöht.

Die Zahl der Krebsfälle ist bis heute ungeklärt - unter anderem, weil nicht jede Erkrankung sicher auf die Strahlung zurückgeführt werden kann. Die Russische Akademie der Wissenschaften geht von 270.000 zusätzlichen Krebsfällen aus, davon 90.000 mit tödlichem Ausgang. Insgesamt rangiert die Zahl der Opfer zwischen 26 Toten (laut eines geheimen Papiers der damaligen Sowjetführung), 35.000 verstorbenen Liquidatoren (laut der ukrainischen Strahlenschutzkommission), bis zu 600 Millionen Menschen, die bis heute in irgendeiner Form gesundheitlich betroffen sind, wie die Internationale Ärztekommission IPPNW jetzt ausgerechnet hat. Das ganze Ausmaß wird wohl nie ans Tageslicht kommen, weil sämtliche Zahlen auf Schätzungen und Hochrechnungen beruhen oder interessengeleitet ihren Weg in die Öffentlichkeit finden.

Die Bandbreite der Erkrankungen ist riesig: Sie reicht von Autoimmunerkrankungen und Allergien, über Schilddrüsenerkrankungen, Knochenwucherungen, Probleme mit Bronchien, der Galle und den Harnwegen bis hin zu Krebs. Oft treten Strahlenschäden auch erst in der zweiten oder dritten Generation auf. So wurden in den ersten Jahren nach der Katastrophe missgebildete Kinder geboren. Deren Zahl geht zwar wieder zurück, doch viele Babys kommen immer noch mit gesundheitlichen Schäden zur Welt.

Wurden die Opfer entschädigt?

Matthias W. will unter anderem wissen, wie der Ausfall des Kraftwerks kompensiert werden konnte, wie die Opfer entschädigt wurden und ob der Super-GAU kulturell in Filmen, Theatern und Bücher verarbeitet worden ist.

Die Ukraine war schon zur Sowjetzeit einer der Hauptenergielieferanten des ganzen Landes. Noch heute bezieht der mittlerweile unabhängige Staat 51 Prozent seines Stroms aus Atomkraftwerken, die über das ganze Land verteilt sind. Nach dem GAU wurde kurzfristig das AKW Tschernobyl heruntergefahren, das aus insgesamt vier Reaktorblöcken besteht. Zwei weitere waren damals im Bau, wurden aber niemals beendet. 1987 sind die unbeschädigten Blöcke 1,2 und 3 wieder ans Netz gegangen und haben bis ins Jahr 2000 Strom geliefert. Seitdem befinden sie sich im Rückbau.

Fünf Jahre nach dem Super-GAU wurde ein Gesetz verabschiedet, um die Tschernobyl-Opfer zu entschädigen. Doch die Ukraine senkt seit Jahren kontinuierlich die Zuwendungen - dagegen klagen viele Betroffene bis heute. Einige Liquidatoren bekommen eine Art monatliche Rente, die je nach Dauer und Arbeit umgerechnet zwischen 100 und 200 Euro liegt. Allerdings betragen die Kosten der medizinischen Behandlung oft über das Doppelte oder Dreifache der Rente. In den verstrahlten Gebieten erhalten die Bewohner Zuschüsse für den Kauf von unbedenklichen Lebensmitteln in Höhe von offiziell rund 40 Euro im Monat. Doch die tatsächlich ausgezahlten Summen liegen deutlich darunter.

Kulturell ist die Katastrophe ist in allen erdenklichen Formen verarbeitet worden. Zum 25. Jahrestag ist erneut eine Reihe von Büchern veröffentlicht worden. Die Literatur über den GAU umfasst Zeitzeugen, die ihre Geschichte erzählen, zeichnet den Unfall detailgetreu nach und zeigt die Konsequenzen für Menschen, Umwelt und Atomkraft auf. Daneben gibt es zahllose Bildbände aus der Sperrzone. Derzeit sind auch eine Reihe von Ausstellungen zu sehen, die sich mit dem Thema beschäftigen, unter anderem im Berliner Willy-Brandt-Haus. Vor einigen Jahren wurden Graffiti-Künstler in die Stadt Pripjat eingeladen, um als Mahnung die dortigen Ruinen zu besprayen. Die Katastrophe ist auch in einem Computerspiel verewigt worden: Der Ego-Shooter "S.T.A.L.K.E.R." spielt in der Geisterstadt.

Wie hoch sind die Kosten des Unglücks?

Thorben W. fragt: Stimmt es, dass die Instandhaltung des Sarkophags fünf Prozent des ukrainischen Bruttosozialprodukts verschlingt?

Diese Zahl wird oft genannt, doch leider lassen sich die Schäden und Folgekosten nicht so leicht beziffern. Die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO) etwa hat errechnet, dass die volkswirtschaftlichen Kosten allein für den Zeitraum von 20 Jahren nach dem Unglück rund 85 Milliarden Euro betragen. Andere Quellen gehen von rund 200 Milliarden Euro für 30 Jahre aus. Da die ukrainische Wirtschaftsleistung zudem sehr schwankt, lassen sich keine verlässlichen Prozentzahlen nennen. Zuletzt lag das Bruttoinlandsprodukt der Ukraine bei knapp 250 Milliarden Euro.

Die Instandhaltung des Sarkophags ist dabei allerdings nur ein Teil der anfallenden Kosten. Die neue Betonhülle soll bis zu 1,6 Milliarden Euro verschlingen, ein Betrag, den der Staat alleine nicht stemmen kann. Jüngst wurde deswegen eine Geberkonferenz veranstaltet, auf der eine halbe Milliarde Euro für den Neubau zusammengesammelt wurde. Dazu fallen Kosten für die Rente der Aufräumarbeiter und Bewohner verseuchter Gebiete an sowie Zuschüsse für unbedenklich Lebensmittel und die medizinische Versorgung von Strahlenkranken. Der ukrainische Staat kommt allerdings seinen selbstauferlegten finanziellen Verpflichtungen nicht immer nach.

Wie hat sich die Tierwelt entwickelt?

Sue W. interessiert, wie es um die Tiere in der Sperrzone steht.

Die ukrainische Regierung hatte die Sperrzone vor ein paar Jahren zum "Naturschutzgebiet mit artenreichem Tierbestand" erklärt, um die Folgen für Flora und Fauna herunterzuspielen. Doch Wissenschaftler haben in zahlreichen Studien herausgefunden, dass die Tierwelt deutlich unter der Strahlung leidet. So sind französische Biologen vor einigen Jahren bei einer Insekten- und Spinnenzählung zu dem Schluss gekommen, dass die Zahl der Tiere deutlich dezimiert ist im Vergleich zur Zeit vor dem Unglück. Ähnlich das Ergebnis bei einer Untersuchung von Vögeln: Je höher Strahlung, desto weniger Nachwuchs erblickte das Licht der Welt.

Gibt es Plünderungen in der Geisterstadt Pripjat?

Emil Seebär fragt nach der Geisterstadt Pripjat: Ob sie wirklich geplündert worden sei.

Tatsächlich sind in Pripjat immer noch Plünderer unterwegs - auch wenn dort bis auf sehr persönliche Sachen wie Fotoalben kaum noch etwas zu holen ist. Die Polizei patrouilliert regelmäßig in den Ruinen. Grund: Das Diebesgut ist stark verstrahlt und wird auf Märkten außerhalb der Sperrzone verkauft. Dadurch wird Radioaktivität im ganzen Land verteilt.

Zwei stern.de-Reportagen über die Sperrzone, die Geisterstadt und die Evakuierung finden sie hier: "Willkommen zu Dead Chernobyl" und "Der Reiz der Ruinen"

Was denken die Ukrainer über Atomkraft?

Frank S. will wissen, wie die Menschen in der Ukraine jetzt über die Kernenergie denken und wie der Staat zur Atomkraft steht.

Die Ukraine gehört weltweit zu den größten Energieverbrauchern. Das liegt auch an der Ineffizienz der Kraftwerke und Leitungen. Die gewaltigen Strommengen werden zu 51 Prozent aus Atomkraftwerken gedeckt. Und als Ersatz für AKW Tschernobyl, dessen Reaktoren im Jahr 2000 vom Netz gegangen sind, plant die Regierung zwei weitere Kernkraftwerke. Aufgrund des knappen Staatshaushalts wurden die AKW bislang noch nicht fertig gestellt. Nach dem Super-GAU in Japan hat die Regierung in Kiew angekündigt, ihren Kurs in Sachen Atomkraft zu überdenken. In der Bevölkerung steht man dem Thema beinahe gleichgültig gegenüber - zwar gibt es immer wieder Proteste gegen die Nutzung der Nukleartechnik, aber eine nennenswerte Anti-Atomkraftbewegung existiert nicht.

Niels Kruse

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