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Aufräumarbeiter aus Tschernobyl: Der Strahlenkrieger

Die Aufgabe, vor der die Arbeiter in Fukushima stehen, hat Mikola Isajew vor 25 Jahren in Tschernobyl erledigt: Aufräumen nach dem Super-GAU. stern.de hat den Liquidator getroffen.

Von Niels Kruse, Kiew

Kurz nachdem Mikola Isajew wie jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit gekommen war, erbrach sich sein Schichtleiter. Zuvor hatte Isajew gesehen, dass dem Reaktor 4 das Dach fehlte. Dass für einen Samstagmorgen ungewöhnlich viele Arbeiter unterwegs waren. Und verdammt viel Militär. Er hatte gehört, wie die Kollegen absurd hohe Radioaktivität gemessen haben wollen und dass er noch dachte, sie machen Scherze. Auch waren die sonst üblichen Geigerzähler von den Arbeitsoveralls verschwunden. Um 7.45 Uhr dann, am Morgen des 26. April 1986, wurde seinem Vorgesetzten schlecht - ein typisches Symptom der Strahlenkrankheit. Er habe wohl etwas Falsches gegessen, meinte der nur lapidar.

"Ich hatte kein gutes Gefühl", sagt Isajew heute, "doch man versicherte uns, dass nichts Schlimmes passiert sei, Dampfdruck habe ein paar Platten weggesprengt - und wir haben unseren Chefs natürlich geglaubt." Also versah er zusammen mit den anderen aus der 6-Uhr-Schicht wie üblich seinen Dienst - nur wenige Meter entfernt vom Zentrum des schlimmsten Atomunfalls aller Zeiten. Als der junge Ingenieur später nach Hause kam, waren Tausende von Soldaten in Strahlenschutzanzügen dabei, die Straßen mit Waschpulver zu säubern. "Und aus unserem Fenster sahen wir, wie der Reaktor qualmte." Erst einen Tag später wurde dem damals 30-Jährigen das ganze Ausmaß der Havarie klar.

GAU-Ursache war ein missglücktes Experiment

Bis heute, 25 Jahre nach dem GAU, sind noch immer nicht alle Details des Unglücks geklärt. Sicher ist: Um 1.23 Uhr riss eine gewaltige Explosion den Block 4 des Lenin-Atomkraftwerks in der Nähe des Örtchens Tschernobyl auseinander. Vorausgegangen war ein auf die lange Bank geschobenes Experiment, bei dem die Atomphysiker simulieren wollten, wie lange die Turbinen nach einem Stromausfall noch Energie für die Kühlung lieferten. Die wegen Wochenende und dem anstehenden 1.Mai-Feiertag dezimierte Mannschaft im Kontrollraum leistete sich offenbar einige Bedienfehler, hinzu kam ein Konstruktionsfehler des Kraftwerks: Die Steuerungsstäbe hatten Graphitspitzen - die die Kettenreaktion eindämmen sollten. Doch stattdessen heizten sie sie für einen kurzen Augenblick so stark an, dass es zu einer sogenannten nuklearen Leistungsexkursion kam - in deren Folge die mehr als 1000 Tonnen schwere Decke des Blocks weggesprengt wurde.

Mikola Isajew erfuhr von all dem erst am Nachmittag des 27. April - der Werksbus hielt kurz am Unglücksreaktor. "Er sah aus wie ein aufgeplatzter Koffer, dessen Inhalt überall hin verstreut war." Ein 80 Tonnen schwerer Trommelseparator etwa sei einfach durch die Luft geschleudert worden. "Mein erster Gedanke war: So, jetzt ist es aus." Zurück in seiner Wohnung in Pripjat legte er für seine vierjährige Tochter Elena und den vier Monate alten Sohn Sergej ein Fotoalbum an. Ihm war klar, dass niemand anders außer ihm und seinen Kollegen in der Lage war, die Havarie zu beheben. Doch das bedeutete, sich extrem hoher Strahlung auszusetzen und damit sein Leben zu riskieren - seine Kinder aber sollten ihn in guter Erinnerung behalten.

Dosimeter waren nicht für die Strahlung ausgelegt

"Fast eine Woche nach dem Unfall kannten wir immer noch nicht die genaue Strahlung, weil unsere Dosimeter für dieses Ausmaß an Radioaktivität nicht ausgelegt waren", sagt Isajew. Letztlich hatte er in diesen wenigen Tagen die damals pro Jahr zulässige Strahlungsdosis von 50 MilliSievert (siehe Kasten auf Seite 2) abbekommen. Sein Körper reagierte schnell auf die enorme Belastung: Am 1. Mai maß der Atomphysiker bei sich 35 Grad Temperatur, sie normalisierte sich erst ein halbes Jahr später - zu der Zeit, als er das erste Mal wieder seine Kinder in die Arme schließen konnte.

Mittlerweile ist Isajew 55 Jahre alt - noch immer ein Mann von stattlicher Figur und festem Gang. Doch auf seinem Gesicht zeichnen sich rötlich die Strapazen des jahrelangen Kampfs gegen die ungeheuren Naturkräfte ab. Bis 1988 war er mitverantwortlich für den Sarkophag. Das Betonmonstrum wurde unter schwierigsten Umständen in nur einem halben Jahr um die Atomruine herumgestülpt. 100.000 Mann täglich, vor allem Soldaten, wurden abkommandiert - wer sich weigerte, landete im Gefängnis. Die Arbeit war mühselig und lebensgefährlich.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Auch die Experten hatten keine Ahnung, wie man den Brand löschen soll

Insgesamt wurden mehr als 800.000 Aufräumarbeiter, die sogenannten Liquidatoren gebraucht, um die Folgen des GAUs halbwegs zu beseitigen. Menschenmaterial, über das wohl nur Diktaturen wie die Sowjetunion verfügen können. Japan, das für den vergleichbaren Unfall im Kraftwerk Fukushima ebenfalls vor dem gleichen Problem steht, hat gerade einmal wenige Hundert "Freiwillige" für die Aufräumarbeiten eingesetzt. Mit zentnerschweren Bleiwesten am Körper räumten Russen und Ukrainer damals Trümmerteile weg, hoben verseuchte Erde aus, säuberten Straßen und Dächer, verscharrten Strahlenmüll, holzten belastete Wälder ab und rissen Dörfer nieder. Der giftige Schutt wurde notdürftig in der Sperrzone rund um den Reaktor verbuddelt und mit Beton versiegelt. Auf diese Weise entstanden in der Umgebung von Tschernobyl 800 Atommüllgruben - die mangels Alternativen de facto auch Endlager sind.

Isajew leidet unter Hepatitis, Allergien und Blutleere

Das größte Problem in den ersten Tagen war, den nuklearen Brand zu löschen: "Selbst unsere Experten wussten damals nicht, wie man das hinkriegen soll", sagt Isajew. In ihrer Not ließen die Ingenieure Sand, Chemikalien und Blei in den Block werfen. Doch erst nach zehn Tagen wurde das Feuer gelöscht - in dieser Zeit entwich so viel Radioaktivität, dass 40 Prozent der Fläche Europas verseucht wurden. Mehr als 90.000 TeraBecquerel wurden damals in die Atmosphäre geschleudert - ein Unfall der höchsten Ines-Stufe, auf die nun auch der GAU in Fukushima gehoben wurde. Bis heute ist das Strahlenerbe in einigen, mitunter weit entfernten Gegenden wie etwa Südbayern messbar.

Isajews Aufgabe war es zunächst, Proben von den Brennstäben im Block 4 zu nehmen. "Das Militär hatte zwar Dutzende von Fahrzeuge um den Block postiert, aber reingegangen sind sie nicht - das mussten wir machen." Ein Jahr später bekam er erstmals Hepatitis und musste zur Behandlung ins Strahlenzentrum nach Kiew. Bis heute leidet er unter der enormen Radioaktivität, der er damals ausgesetzt war. Ihn plagen Probleme mit der Galle, er hat, wie seine Familie auch, Allergien entwickelt, leidet unter Diabetes, Asthma und Blutleere. Der Krebs hat den 55-Jährigen bislang nicht ereilt, was aber nichts heißen muss, denn bis die Krankheit ausbricht, können gut und gerne 30, 40 Jahre vergehen.

Vater Mikola gilt mittlerweile als Held - wie alle Liquidatoren, die unter Einsatz ihres Lebens am Atomkraftwerk von Tschernobyl gearbeitet haben und von denen viele schon kurz nach der Explosion gestorben sind. Auf seiner Brust prangen zwei Orden. Besonders stolz ist er immer noch auf den, der ihm von der Sowjetunion verliehen wurde und ihn als Aufräumarbeiter ausweist. Angst hatte er damals nicht, als er seinen Dienst in der Strahlenhölle des Block 4 verrichtete: "Wir waren voll mit Adrenalin, wir haben schlecht geschlafen, sind aber trotzdem jeden Tag zur Arbeit gefahren - wir mussten es einfach tun". Es war vor allem die sozialistische Erziehung, die ihn antrieb. Man habe ihnen immer beigebracht, dass die Allgemeinheit alles, und der Einzelne nichts sei, sagt er. Es war das Pflichtgefühl, das ihn zum Helden machte. Bis heute. Seine Augen blitzen wenn er sagt: "Es war wie Krieg gegen einen unsichtbaren Gegner. Und ich musste einfach meine Heimat retten."

nik