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Drogenhandel in Mittelamerika: Sisyphos im Drogenkrieg: Warum sich der Schmuggel nicht stoppen lässt

Trotz spektakulärer Drogenfunde seitens der Sicherheitsbehörden: Eine neue Studie zeigt, dass das Beschlagnahmen von Rauschgift kaum etwas bringt. Die Menschen in der Region sind die Leidtragenden in den Drogenkriegen.

Drogen werden verbrannt

Aktion der Behörden: Beschlagnahmte Drogen werden verbrannt

DPA

Brusthoch stapeln sich die schwarzen Plastiksäcke an Deck der "USCGC Tampa". Insgesamt zwölf Tonnen Kokain hat die US-Küstenwache in den ersten drei Monaten des Jahres vor den Küsten von Mexiko, Mittelamerika und Südamerika beschlagnahmt. Jetzt wird in Miami die Ladung gelöscht. "Wenn wir die Drogen tonnenweise auf dem Meer beschlagnahmen können, müssen wir sie nicht kiloweise auf den Straßen von Miami suchen", sagt Vizeadmiral Daniel Abel. Polizisten und Drogenschmuggler liefern sich in Mittelamerika seit Jahrzehnten ein Katz-und-Maus-Spiel. 

Immer wieder beschlagnahmen die Sicherheitsbehörden große Kokainlieferungen, doch laut einer neuen US-Studie in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften ("PNAS") sei das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. "Unsere Arbeit zeigt, dass angebotsorientierte Anti-Drogen-Strategien allein bestenfalls ineffektiv sind und schlimmstenfalls das Problem des Drogenhandels sogar noch verschärfen", sagt Studienleiter Nicholas Magliocca von der Universität von Alabama laut einer Mitteilung. 

Neue Schmuggelrouten entstehen schnell

Gemeinsam mit Kollegen hat er das Computermodell NarcoLogic entwickelt. Es zeigt, dass Verbrechersyndikate nach dem Abfangen von Drogenlieferungen schnell reagieren und ihre Schmuggelrouten ändern. Dadurch vergrößern sich die für den Drogenschmuggel genutzten Gebiete, was wiederum das Aufspüren und Beschlagnahmen weiterer Lieferungen schwieriger macht. 

Am Beispiel Panama machen die Wissenschaftler deutlich, dass die Kokainlieferungen aus Kolumbien früher durch relativ wenige Knotenpunkte abgewickelt wurden. Als die Polizei dort immer mehr Rauschgift beschlagnahmte, wichen die Drogenhändler auf neue Routen aus. Durch jeden einzelnen Knotenpunkt läuft nun weniger Kokain, die Gesamtmenge bleibt allerdings gleich. "Wir müssen diese Anpassungsfähigkeit der Drogenhändler verstehen, um über die auf Beschlagnahmungen konzentrierte Anti-Drogen-Strategie hinwegzukommen", sagt Magliocca. 

Mehr Kokain, trotz mehr Gegenmaßnahmen

Die Beschlagnahmung von Rauschgift ist einer der wichtigsten Pfeiler der US-Drogenpolitik. Mit 4,7 Milliarden Dollar flossen zuletzt 18 Prozent der Gesamtausgaben für Anti-Drogen-Maßnahmen in diesen Bereich. Der Versuch, den Schmuggel durch Razzien oder Beschlagnahmungen in Mittelamerika zu stoppen, kann trotzdem als gescheitert angesehenen werden, denn immer mehr Kokain gelangt in die USA.

Verstärkt wird das Problem dadurch, dass immer mehr Kokain produziert wird. Die Anbaufläche von Koka-Pflanzen in den Haupterzeugerländern Kolumbien, Peru und Bolivien stieg laut den letzten verfügbaren Daten des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNDOC) 2016 gegenüber dem Vorjahr um 36 Prozent auf 213 000 Hektar. Die Zunahme dürfte unter anderem damit zu tun haben, dass in Kolumbien die Behörden nach einer Gerichtsentscheidung Kokafelder nicht mehr mit Pflanzenvernichtungsmitteln zerstören dürfen.             

Menschen in den Regionen leiden unter Drogenkonflikt

Die weltweite Kokainproduktion stieg um 25 Prozent auf 1410 Tonnen pures Kokain. Beschlagnahmt wurden 1129 Tonnen Kokain, allerdings in gestreckter Form. Die beiden Zahlen lassen sich deshalb nicht miteinander vergleichen. Wie viel Kokain wirklich auf dem Schwarzmarkt in den USA und Europa landet, ist unklar.

Nur elf Prozent des weltweit beschlagnahmten Kokains wird in Mittelamerika gefunden. Durch die in der Studie beschriebenen Ausweicheffekte dürfte es in der Zukunft noch schwieriger werden, spektakuläre Funde zu erzielen. Denn je größer das Gebiet ist, desto schwieriger die ist auch Überwachung.  

Wenn die Polizeieinsätze an den Schmuggelrouten dazu führen, dass die Drogenhändler ihr Operationsgebiet weiter ausweiten, leiden zudem immer mehr Menschen in den betroffenen Gebieten unter den Begleiterscheinungen der illegalen Geschäfte. "Diese Ausdehnung führt zu einer ganzen Reihe von Kollateral-Schäden", heißt es in der Studie. "Wo Drogen geschmuggelt werden, kommt es oft zu Gewalt und Korruption, Enteignung von Ländereien und Umweltzerstörung."

Solange es eine Nachfrage nach Kokain gibt und der Rauschgifthandel enorme Gewinne abwirft, werden die Kartelle weiterhin ein Weg finden, den Stoff zu den Konsumenten zu bringen. Das Modell NarcoLogic könnte dabei helfen, künftig Personal und Ressourcen im Kampf gegen den Drogenschmuggel effizienter einzusetzen. Magliocca und sein Team schreiben: "Wir bieten ein Werkzeug an, um verschiedene Politikansätze zu testen sowie deren mögliche Auswirkungen auf das Verhalten der Drogenhändler und die Kollateral-Schäden des militärischen Anti-Drogen-Kriegs vorauszusagen."

Denis Düttmann / rw / DPA