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Erdbeben in Sumatra: "Als ob jemand eine Atombombe abgeworfen hätte"

Selbst erfahrene Rettungshelfer sind schockiert über die verheerenden Ausmaße der Erdstöße im Pazifik. UN-Beobachter sprechen inzwischen von 1100 Opfern - Tendenz weiter steigend. In der Küstenstadt Padang spielen sich beinahe an jeder Straßenecke regelrechte Dramen ab.

Trümmer und Tote, so weit das Auge reicht: Das schwere Erdbeben vor der indonesischen Insel Sumatra hat wahrscheinlich tausende Menschenleben gefordert. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen kamen mindestens 1100 Menschen ums Leben. UN-Nothilfekoordinator John Holmes sagte am Donnerstag in New York, es sei zu befürchten, dass die Zahl der Opfer noch weiter steige. Mindestens 500 Gebäude seien eingestürzt. Die Behörden in Indonesien gaben die Zahl der Toten 24 Stunden nach dem Beben der Stärke 7,6 mit mehr als 500 an. Mehr als 2000 Menschen wurden verletzt. Hunderte, vielleicht tausende wurden aber allein in der 900.000-Einwohner-Stadt Padang noch unter den Trümmern vermutet. Armee und Polizei waren mit Baggern und Presslufthämmern im Einsatz, um Schutt beiseite zu räumen. Helfer gruben mit bloßen Händen nach Überlebenden.

18 Millionen Euro Soforthilfe

"Es sieht aus, als hätte jemand eine Atombombe hinter den Bergen abgeworfen" - so beschrieb es ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes, der das Erdbebengebiet am Donnerstag in einem Helikopter überflog. "Das Gebiet ist riesig, einige Gegenden sind völlig abgelegen", berichtete Bob McKerrow, der Delegationschef der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften in Indonesien. "Leichen liegen auf dem Boden, und Menschen laufen orientierungslos herum. Es sind die schlimmsten Zerstörungen, die unsere Mitarbeiter in den vergangenen 15 Jahren in Indonesien gesehen haben."

Gesundheitsministerin Siti Fadilah Supari schloss nicht aus, dass die Folgen schlimmer sein könnten als beim Beben vor drei Jahren auf Java. Damals waren in Yogyakarta 5800 Menschen umgekommen und 150.000 Häuser zerstört worden. Präsident Susilo Bambang Yudhoyono machte sich in Padang selbst ein Bild von der Zerstörung. "Wir dürfen das Desaster nicht unterschätzen", sagte er. Zehntausende Menschen wurden durch das Beben obdachlos. Die Regierung stellte zunächst etwa 26 Millionen Dollar (etwa 18 Millionen Euro) für erste Hilfsmaßnahmen zur Verfügung.

Panik nach einem heftigen Nachbeben

Die Infrastruktur sei schwer beschädigt, berichteten Augenzeugen: Zufahrtsstraßen wurden durch Erdrutsche verschüttet und sind unpassierbar, Brücken beschädigt und Abwasserkanäle und Wasserleitungen kaputt. Tausende Menschen verbrachten die Nacht im Freien, aus Angst vor Nachbeben. Eines erschütterte die Region am Donnerstagmorgen. Die Erdbebenwarte registrierte die Stärke 7. Das Epizentrum lag aber weiter südlich und hat keine weiteren Schäden verursacht. "Es brach Panik aus, aber das gestrige Beben war stärker", sagte Romi Suwanto, Sprecher der Verwaltung in Kerinci.

In Padang liefen die Rettungsarbeiten auf Hochtouren. Hunderte Soldaten und Polizisten waren im Einsatz, hunderte Häuser zerstört. Aus einem dreistöckigen Schulgebäude zogen sie mehrere Leichen. Der Sender TV One zeigte ein anderes eingestürztes Schulgebäude. In den Räumen wurden bis zu 60 Schüler vermutet, hieß es. Davor standen schockierte Eltern: "Ich bleibe hier, bis sie meine Tochter gefunden haben", sagte eine Frau weinend.

Vor laufenden Fernsehkameras zogen Helfer andernorts eine schwer verletzte Frau unter einem Betonpfeiler hervor. Im eingestürzten Ambacang-Hotel wurden nach Angaben eines Hilfsdienstes noch bis zu 200 verschüttete Gäste vermutet. Glück hatte ein singapurischer Tourist. Er konnte lebend aus den Überresten seines Hotels in Padang geborgen werden, nachdem Rettungskräfte seine Hilferufe gehört hatten. 25 Stunden war er unter den Trümmern mit einem gebrochenen Bein verschüttet gewesen.

Krisenteam des Technischen Hilfswerks macht sich bereit

Auch Krankenhäuser waren schwer beschädigt. In der größten Klinik waren obere Stockwerke eingestürzt. Die Ärzte mussten Verletzte in notdürftig aufgebauten Zelten versorgen. Auf deren Böden lagen blutige Lappen, gebrauchte Spritzen und immer wieder Schlamm vom heftigen Regen draußen.

Die Zentralregierung schickte zwei Transportflugzeuge mit Zelten, Medikamenten und Hilfspaketen aus Jakarta. Auch zahlreiche Hilfsorganisationen engagierten sich. Das Rote Kreuz hat mehrere hundert Mitarbeiter mobilisiert. Zahlreiche Mitgliedsorganisationen der "Aktion Deutschland Hilft" sind unterwegs ins Katastrophengebiet. Die deutsche Bundesregierung stellte eine Million Euro Soforthilfe für die Opfer zur Verfügung. Das Geld soll nach Angaben des Auswärtigen Amtes für Notunterkünfte, Nahrungsmittel und Trinkwasser verwendet werden. Nach Absprache mit dem Innenministerium soll auch ein Krisenteam des Technischen Hilfswerks (THW) in das Gebiet entsandt werden.

Opferzahl auf Samoa steigt auf 150

Auch auf den von einem Tsunami getroffenen Samoa-Inseln trafen die ersten Hilfslieferungen ein. Militärmaschinen brachten neben Lebensmitteln, Medikamenten und Wasser auch Ärzteteams auf die Inseln. Gerichtsmediziner aus Neuseeland sollen bei der Identifizierung von Toten helfen. Die Zahl der Todesopfer stieg am Donnerstag auf mindestens 150, zahlreiche Bewohner werden nach der von einem Seebeben der Stärke 8,0 bis 8,3 ausgelösten Flutwelle noch vermisst. Es könne ein bis drei Wochen dauern, bis eine abschließende Bilanz gezogen werden könne, sagte Polizeichef Lilo Maiava. Der Ministerpräsident von Samoa, Tuilaepa Sailele, sagte: "In einigen Dörfern ist kein Haus stehen geblieben." Auch sein eigenes Heimatdorf Lesa sei weggespült worden.

Schockiert suchten Überlebende am Donnerstag nach den Resten ihrer Häuser. "Für mich war das wie ein Monster", sagte der Behördenangestellte Luana Tavala in Amerikanisch-Samoa. "Schwarzes Wasser kam direkt auf uns zu."

Zahlreihe deutsche Hilfsorganisationen riefen zu Spenden auf. "Es gilt, jetzt keine Minute zu verlieren", sagte der Hauptgeschäftsführer von Care, Anton Markmiller. Die Überlebenden bräuchten dringend Trinkwasser, damit sich keine Seuchen ausbreiteten. Zudem fehlt es nach Angaben der Hilfsorganisationen an Nahrung, Notunterkünften und medizinischer Versorgung.

Philippinen erwarten Taifun "Parma"

Die Bevölkerung der Philippinen blickte unterdessen mit Sorge dem Taifun "Parma" entgegen, der sich mit Windgeschwindigkeiten von 210 Kilometern in der Stunde auf den Inselstaat zubewegt. In der Hauptstadt Manila kündigte sich die Front am Donnerstag mit Dauerregen an. Dabei erholen sich die Philippinen erst von den Folgen des Taifuns "Ketsana", der am Samstag über Manila hinwegzog und anschließend auch in Vietnam und Kambodscha schwere Schäden anrichtete. In den drei Ländern kamen 386 Menschen ums Leben. Der philippinische Chefmeteorologe Nathaniel Cruz sagte, "Parma" könne noch stärker werden als "Ketsana".

DPA/AP / AP / DPA