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Fischer in Thailand: "Habe schreckliches Leid gesehen"

Bundesaußenminister Fischer hat die zerstörte Urlaubsregion Khao Lak in Thailand besucht und sich erschüttert gezeigt angesichts des dort herrschenden Leids. In Berlin gedachten Spitzen von Staat und Gesellschaft während eines Gottesdienstes der Flutopfer.

Zwei Wochen nach der Flutkatastrophe hat sich Bundesaußenminister Joschka Fischer bei einem Besuch in Asien erschüttert gezeigt und gemeinsame Anstrengungen zum Wiederaufbau gefordert. "Was jetzt ansteht, ist Wiederaufbau. Dazu gehört auch der Tourismus", sagte Fischer in Thailand. Mit einem Trauergottesdienst im Berliner Dom gedachten Spitzen von Staat und Gesellschaft am Sonntag der Flutopfer. Finanzminister Hans Eichel (SPD) kritisierte Äußerungen des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) zur deutschen Fluthilfe als "schäbig und perfide".

Besuch in der Leichenhalle

Auf der ersten Etappe seiner viertägigen Reise lobte Fischer die Zusammenarbeit mit den Behörden und der Bevölkerung Thailands. Bei seinen Gesprächen mit Regierungsmitgliedern dankte der Minister zugleich Thailand für die Hilfe, die das Land deutschen und anderen ausländischen Opfern der Katastrophe geleistet hat. Im weißen Schutzanzug beobachtete Fischer Beamte des Bundeskriminalamtes, die in einem zur Leichenhalle umgewandelten buddhistischen Tempel dabei helfen, entstellte Leichen zu identifizieren.

Nach seinem Besuch im verwüsteten Gebiet von Khao Lak nördlich von Phuket sagte Fischer: "Ich habe schreckliches Leid gesehen, aber auch beeindruckende Solidarität." Den Angehörigen der deutschen Flutopfer sicherte er jede mögliche Unterstützung zu. "Wir werden alles tun, was in unserer Kraft steht, um Klarheit über das Schicksal der Vermissten zu schaffen."

Nach jüngsten Angaben sind immer noch mehr als 700 Deutsche in der Katastrophenregion vermisst. Rund 7000 Urlauber wurden inzwischen nach Deutschland zurückgebracht. Der Minister reiste am Sonntagabend (Ortszeit) nach Indonesien weiter. Danach wollte er Sri Lanka besuchen. Besonders dringlich sei nun "die große Frage eines Tsunami-Frühwarnsystems", an dessen Aufbau Deutschland eine führende Rolle übernehmen will.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn beauftragte das Potsdamer Geoforschungszentrum (GFZ), ein Konzept für ein Frühwarnsystem im Indischen Ozean zu entwickeln. Bundeskanzler Gerhard Schröder will sich am Donnerstag in Potsdam darüber informieren. Für das Projekt stünden 40 Millionen Euro bereit, hieß es. Ein Seebeben vor Sumatra hatte die tödlichen Flutwellen im Indischen Ozean ausgelöst. Viele der Opfer starben, weil es keine Warnung gab.

Spannungen auf Sri Lanka

Unterdessen kam es auf Sri Lanka, wo Fischer am Montag hinreisen wollte, zu neuen Spannungen zwischen Regierung und Rebellen. Medienberichten zufolge hatte die Regierung Sri Lankas aus Sicherheitsgründen UN-Generalsekretär Kofi Annan verwehrt, die von Rebellen kontrollierten Katastrophengebiete im Norden zu besuchen. Die "Befreiungstiger von Tamil Eelam" (LTTE) drohten Berichten zufolge mit ernsten Konsequenzen wegen dieses Vorgehens. Vor seinem Weiterflug auf die Malediven betonte Annan am Sonntag, er wolle wiederkommen und alle Gebiete Sri Lankas besuchen.

Kritik an der Kritik

Finanzminister Eichel kritisierte am Sonntag Stoiber. Der bayerische Ministerpräsident hatte Ende der Woche zur deutschen Hilfe in Höhe von 500 Millionen Euro dem Sender RTL gesagt: "Ich möchte gerne wissen, wie wir das finanzieren." 500 Millionen seien ein großer Betrag. Eichel bezeichnete diese Äußerungen als "schäbig und perfide". Die Summe mache "nur zwei Promille des Bundesetats aus" und sei zudem auf mehrere Jahre angelegt, sagte er der "Welt am Sonntag".

Ökumenischer Gedenkgottesdienst

An einem ökumenischen Gedenk-Gottesdienst im Berliner Dom nahmen am Sonntag Bundespräsident Horst Köhler, Kanzler Schröder, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sowie zahlreiche Mitglieder des Kabinetts und die Spitzen der Opposition teil. Auch Angehörige von Opfern waren anwesend. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, würdigte vor allem die Leistung der Helfer.

Gefahr einer Hungersnot offenbar gebannt

Zwei Wochen nach der Flutkatastrophe in Asien ist die Gefahr einer Hungersnot offenkundig gebannt. Die Vereinten Nationen zeigten sich "optimistisch", dass keiner der Überlebenden verhungern müsse. Der Direktor des UN- Welternährungsprogramms (WFP), James Morris, sagte dem britischen Sender BBC, mit Hilfe von Partnerorganisationen "haben wir Wege gefunden, um jeden Bedürftigen zu ernähren".

Fast 160.000 Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen bei der Flutkatastrophe ums Leben gekommen. Als vermisst gelten knapp 18.000 Menschen, 1,1 Millionen Menschen sind obdach- oder heimatlos, teilte das UN-Amt für die Koordination humanitärer Hilfe (OCHA) in Genf mit. Dort findet am Dienstag eine internationale Geberkonferenz statt.

In Deutschland ist die Spendenbereitschaft ungebrochen. Bei einer bundesweiten Aktion des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in 800 Orten kamen am Samstag 1,56 Millionen Euro zusammen. Auch Minister Eichel und mehrere Prominente baten mit der DRK-Spendenbüchse um Hilfe für die Flutopfer.

DPA / DPA