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Flugzeugabsturz in Madrid: Ursache gibt Rätsel auf

Bisher haben Augenzeugen behauptet, dass ein Triebwerk des Unglücksflugzeugs von Madrid vor dem Absturz gebrannt hatte. Ein neues Video zeigt, dass das wahrscheinlich nicht der Fall war. Den Luftfahrtexperten Jan-Arwed Richter verwundert das nicht: Augenzeugen könne man selten trauen, sagt er.

Bei der Suche nach den Ursachen der Madrider Flugzeug-Katastrophe sind neue Fragen aufgetaucht. Entgegen den bisherigen Annahmen ist beim Start der Unglücksmaschine der spanischen Fluggesellschaft Spanair offenbar kein Triebwerk in Brand geraten. Ein Video der staatlichen Flughafenbehörde AENA zeigt der spanischen Zeitung "El Pais" zufolge keinen Hinweis auf die Explosion eines Triebwerks, wie Überlebende dies berichtet hatten. Auf dem Film sei weder ein Feuer noch eine Explosion in einem Triebwerk zu erkennen. Die zweistrahlige Maschine vom Typ MD-82 sei erst in Flammen aufgegangen, als sie auf die Erde aufschlug und zerschellte.

Der Hamburger Luftfahrtexperte Jan-Arwed Richter ist nicht überrascht, dass die Augenzeugen-Berichte nicht stimmen: "Augenzeugen sagen bei solchen Unglücken fast immer, dass sie Feuer und Flammen beobachtet hätten. In den seltensten Fällen stimmt das mit den späteren Untersuchungsergebnissen überein", sagte der Betreiber des Flugunfallbüros Jacdec im Gespräch mit stern.de. "Die Wahrnehmung der Augenzeugen ist getrübt, alles geht sehr schnell und sie stehen unter Schock."

Bisher hatte es als ziemlich sicher gegolten, dass beim Start der Maschine am Mittwoch ein Triebwerk Feuer fing. Dieser Brand, so war vermutet worden, könnte eine Kettenreaktion ausgelöst haben, die zum Absturz der zweistrahligen Maschine führte. Zahlreiche Experten, darunter auch der Leiter der spanischen Zivilluftfahrtbehörde, hatten jedoch darauf hingewiesen, dass dies nicht allein die Ursache der Katastrophe gewesen sein könne. Die Maschine hatte nach Gran Canaria fliegen sollen, war aber nach dem Start nur etwa 50 Meter abgehoben, in ein ausgetrocknetes Flusstal gestürzt und in Flammen aufgegangen.

Vorwürfe wegen Einsparungen

Nach dem Unglück sind schwere Vorwürfe gegen die Fluggesellschaft Spanair laut geworden, das Personal sei überlastet gewesen, das Unternehmen habe am falschen Ende gespart und Druck ausgeübt, damit Crew und Wartungspersonal Regeln missachteten. Wie die spanische Zeitung "El Mundo" in ihrer Onlineausgabe schreibt, sollen die Zustände bereits seit längerem chaotisch gewesen sein und die Sicherheit gefährdet haben. Piloten der Airline hatten sich deswegen seit über einem Jahr mehrfach, unter anderen auch per Mail an den Generaldirektor Lars Nygaard und die Geschäftsführung von Spanair gewandt.

Die schlechte Führung hätte einen Einfluss auf die Performance, heißt es in dem Medienbericht: Die Zahl der gecancelten Flüge soll angestiegen sein, gerade auch diejenigen, die wegen technischer Probleme nicht starten durften. Luftfahrtexperte Richter kann sich allerdings nicht vorstellen, dass die Einsparungen zu weniger Sicherheit für Passagiere geführt haben: "Europäische Fluglinien haben so strenge behördliche Auflagen, die auch ständig kontrolliert werden. Sollte da nur einmal auffallen, dass irgendeine Regel nicht beachtet wurde, ist sofort die Betriebsgenehmigung entzogen. Das riskiert keine Airline in Europa", sagte Richter.

MD-82 in den Schlagzeilen

Der Pilot der Unglücksmaschine hatte vor dem Absturz einen ersten Start wegen "technischer Probleme" abgebrochen. Das bestätigte Verkehrsministerin Magdalena Alvarez. Sie ließ jedoch unklar, worin die Probleme bestanden. Nach Überprüfung der Maschine gaben Techniker das Flugzeug für den Start frei. Spanair teilte mit, die Piloten hätten eine "Überhitzung in der Luftzufuhr" festgestellt. Dieser Defekt sei von den Technikern behoben worden. Danach hatte die mit 172 Insassen besetzte Maschine zu einem zweiten Startversuch angesetzt - der für 153 Menschen tödlich endete.

Die Spanair-Maschine war 15 Jahr alt, eigentlich gelten Flugzeuge des Typs MD-82 als zuverlässig. Allerdings war dieser Flugzeugtyp bereits im April diesen Jahres in den Schlagzeilen: Nachdem in einer MD-82 eine Panne bei der Verkabelung zwischen Fahrwerk und Kabine festgestellt worden war, musste die US-Fluggesellschaft American Airlines ihre fast 300 MD-82-Maschinen auf Druck der US-Flugaufsichtsbehörde FAA am Boden lassen und jedes Flugzeug kontrollieren. Erst nach bestandenen Tests durften sie wieder eingesetzt werden, was zu erheblichen Ausfällen auf inneramerikanischen Flugstrecken geführt hatte. Bei diesem Fehler in der Verkabelung handelte es sich nach Einschätzung von Richter allerdings nicht um eine Sicherheitspanne, die tödlich enden kann. "Das hat mit dem Absturz in der Spanair-Maschine nichts zu tun, dadurch kann so eine Katastrophe nicht ausgelöst werden."

ukl und and mit DPA