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Nach Video-Analyse: Absturz im Iran: Welche Indizien die Experten von einem Abschuss überzeugten

Hinweisen zufolge wird ein Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine über dem Iran immer wahrscheinlicher. Ein Video soll den Abschuss des Flugzeugs zeigen und wird von Experten als authentisch bewertet. Wie die Fachleute zu dieser Einschätzung kamen.

Neue Aufnahmen zeigen offenbar den Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine nahe Teheran.

Nach dem Absturz eines ukrainischen Passagierflugzeugs nahe Teheran verdichten sich die Anzeichen auf einen versehentlichen Raketenbeschuss der Maschine durch den Iran. Dass ihnen entsprechende Hinweise vorlägen, hatten am Donnerstag bereits die Regierungen von Kanada und Großbritannien recht deutlich geäußert. US-Präsident Donald Trump indes hielt sich zunächst zurück und sprach lediglich von einem "Verdacht", dass "jemand auf der anderen Seite einen Fehler gemacht haben (könnte)". Er betonte allerdings auch, er halte ein technisches Problem am Flugzeug als Absturzursache für ausgeschlossen. Offiziell wird die Ursache für den Absturz noch untersucht, Iran bestreitet einen Abschuss und führt diesen auf einen technischen Defekt zurück.

Ebenfalls am Donnerstagabend veröffentlichten dann die "New York Times" und die Recherche-Plattform "Bellingcat" ein Video, das den Abschuss des Flugzeugs zeigen soll. Die Aufnahme hatte sich zuvor im Netz, konkret in einem öffentlichen Telegram-Channel, verbreitet, nachdem sie dort von einem Journalisten hochgeladen worden war, der eigenen Angaben nach jedoch nicht der Urheber des Videos ist. Er selbst postete die Aufnahme später auch auf seinem Twitter-Kanal.

In dem Video ist eine kurze Explosion, der angebliche Einschlag der Rakete, zu sehen und wie das Flugzeug anschließend nicht explodiert, sondern nach dem Treffer nach rechts abdreht und weiterfliegt (in Richtung späterer Absturzstelle). Die Verifizierungsexperten beider Medien sind von der Echtheit der Aufnahme überzeugt. Doch worauf stützen sie ihre Einschätzung?

Experten stützen sich auf visuelle und auditive Hinweise im Video

Ein erstes Indiz für die Authentizität des Videos dürften die Experten zunächst durch eine einfache Rückwärtssuche des Materials erhalten haben. Diese ermöglicht es, Bilder oder auch Videos auf eine vorherige Veröffentlichung zu überprüfen. Wäre dabei herausgekommen, dass das Video erstmals schon vor dem 8. Januar, dem Absturztag, im Netz auftaucht, hätte dies einen Zusammenhang mit dem Vorfall sofort ausgeschlossen. Dies war offensichtlich nicht der Fall. 

Also machten sich die Fachleute daran, den exakten Aufnahmeort des Videos zu lokalisieren, was ihnen letztlich auch gelang. Laut "New York Times" stützen die Experten ihre Einschätzung auf im Video enthaltene visuelle und auditive Hinweise, die mit der dokumentierten Flugroute der Maschine sowie Satellitenbildern des Gebietes rund um das Absturzgebiet übereinstimmen. Wie geht das?

Markante Details auch auf Satellitenbild zu sehen

Für eine Lokalisation ist es erforderlich, möglichst jedes Detail (zum Beispiel Häuser, Bäume, Straßenlaternen, Schilder etc.) des Videos zu erfassen, um bestätigende oder – durchaus auch immer möglich – ausschließende Anhaltspunkte zu erhalten. In dem Video ist unter anderem ein markantes, fünfstöckiges Gebäude und so etwas wie eine Baustelle zu sehen. Die "New York Times" besorgte sich für die Überprüfung tagesaktuelle Satellitenbilder eines Raumfahrtunternehmens, die sie mit denen im Video zu sehenden Details verglich.

Das Ergebnis: Sowohl das fünfstöckige Gebäude, die Baustelle wie auch Straßenlaternen lassen sich auf den Satellitenbildern wiederfinden. Hier ein vom stern mit Markierungen zur Verdeutlichung versehenes Bild des Aufnahmeortes (hier ist der genaue Ort auf Google Maps und ohne die Markierungen zu finden):

Details, die auch im Video zu sehen sind: fünfstöckiges Gebäude im Hintergrund (grün); Baustelle links vom Filmenden (lila) und im Video am rechten Bildrand zu sehende Straßenlaternen (orange). Der rote Punkt markiert die Position, aus der das Video gedreht wurde.

Details, die auch im Video zu sehen sind: fünfstöckiges Gebäude im Hintergrund (grün); Baustelle links vom Filmenden (lila) und im Video am rechten Bildrand zu sehende Straßenlaternen (orange). Der rote Punkt markiert die Position, aus der das Video gedreht wurde.

Unter diesen Links können Sie weitere Anhaltspunkte zur Video-Echtheit von "New York Times" und "Bellingcat" nachvollziehen.

Auch Verzögerung zwischen Explosion und Knallgeräusch im Video wird erklärt

Für die Echtheit des Materials spricht beiden Berichten zufolge auch die Tonspur der Aufnahme. So ist der Knall der Explosion im Video erst mit etwa zehnsekündiger Verspätung zu hören. Sowohl "New York Times" wie auch "Bellingcat" führen die Verzögerung auf die Dauer zurück, die der Schall benötige, um die Entfernung zwischen der berechneten Flugroute und dem Aufnahmeort des Videos zurückzulegen. Demnach schätze "Bellingcat" den Abstand zwischen Flugzeug und Filmendem auf etwa 3,3 Kilometer. 

Auch eine mögliche Erklärung, warum der Filmende ausgerechnet im Moment der Explosion beziehungsweise ab kurz davor mit der Kamera in den Nachthimmel über Parand (nahe des Flughafens von Teheran gelegen) hielt, liefert die "New York Times" mit. Dem Bericht zufolge filmte die Person, nachdem sie zuvor "eine Art Schuss" gehört hatte. Dies würde sich mit Angaben des US-Senders CBS decken, der unter Berufung auf nicht genannte Quellen der US-Geheimdienste berichtete, diese hätten Signale von einem Radar empfangen, das eingeschaltet worden sei. US-Satelliten hätten außerdem den Start von zwei Boden-Luft-Raketen kurz vor der Explosion des Flugzeugs entdeckt. Den Abschuss dieser Raketen könnte der Urheber gehört haben und daher spontan gefilmt haben – womöglich mit dem Wissen im Hinterkopf, dass Iran selbst kurz zuvor mehrere Raketen abgeschossen hatte.

Quellen: "New York Times" / "Bellingcat"

mod / mit DPA und AFP