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Gedenkfeier zur Loveparade-Katastrophe: Somewhere Over the Rainbow

Strömender Regen, bewegende Worte und 7000 Menschen in Trauer: Die Gedenkfeier zur Loveparade-Katastrophe vor einem Jahr erinnerte an die 21 Opfer, deren Leben durch Planungsfehler jäh beendet wurde.

Von Frank Gerstenberg

Der Himmel über Duisburg ist grau. Es regnet in Strömen. Niemand will hier sein an diesem 24. Juli 2011 in der Duisburger MSV-Arena. Doch alle rund 7000 Menschen müssen hier sein: Eltern, Freunde, Verwandte, Helfer. Sie sind es den 21 Menschen schuldig, die auf den Tag genau wenige hundert Meter entfernt in den Tod getreten, gerissen, gedrückt wurden.

Im Gegensatz zu heute war dieser 24. Juli 2010 ein strahlender, brüllend heißer Sommertag. Über 100.000 Menschen hatten sich aus allen Teilen der Republik und aus dem Ausland, sogar aus China, auf den Weg gemacht, um bei der Loveparade, dem größten Techno-Musik-Spektakel der Welt, dabei zu sein. Duisburg, das kleine, graue Duisburg, wollte das Mammut-Event stemmen. Einmal etwas ganz Großes machen, einmal nicht nur als graue Maus zwischen Schloten und Stahl wahrgenommen werden. Essen und Dortmund hatten es doch auch geschafft, 2007 und 2008. Na gut, Bochum hatte 2009 Bedenken, das Event sei zu groß, die Sicherheit könne nicht garantiert werden, warnte der damalige Polizeidirektor Thomas Wenner und musste sich wegen der Absage ein Jahr lang Häme und Kritik gefallen lassen. Duisburg würde es schaffen, wollte es schaffen, musste es schaffen, die Stadt zwischen Rhein und Ruhr mit knapp 500.000 Einwohnern und 13,5 Prozent Arbeitslosigkeit. Oberbürgermeister Adolf Sauerland, Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe, Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller, der Stadtplanungsdezernent: Sie alle redeten sich die Loveparade schön, obwohl ein schlüssiges Sicherheitskonzept fehlte und ließen hunderttausende Menschen durch einen dunklen Tunnel ziehen.

Die Menschen finden nicht mehr zurück in den Alltag

16 Beschuldigte sitzen demnächst auf der Anklagebank - vermutlich wegen fahrlässiger Tötung. Denn der Name Duisburg ist jetzt in der gesamten Welt bekannt, aber anders, als sich das OB Sauerland und die Festival-Planer gewünscht hatten. Duisburg ist bekannt als der Ort einer beispiellosen, unfassbaren Tragödie, die 21 Menschen das Leben und viele hundert die Gesundheit gekostet hat. Die das schöne, friedliche Leben vieler Familien von einer auf die andere Minute für immer zerstört hat. Die Menschen nicht mehr zurück in den Alltag finden lässt, weil sie die Todesangst und die Panik nicht vergessen, die Bilder der Toten und verzweifelt um ihr Leben Kämpfenden nicht mehr aus dem Kopf bekommen, oder weil sie sich Vorwürfe machen.

Christian Lüdke, Psychotherapeut aus Essen, betreut seit dem 24. Juli 2010 sieben Familien, deren Angehörige bei der Loveparade ums Leben kamen. Hinzu kommen Freunde dieser Familien. "Sie machen sich unendliche Vorwürfe, weil sie ihre Freunde teilweise überredet hatten, zur Loveparade zu gehen. Sie fühlen sich jetzt schuldig an ihrem Tod", berichtet Lüdke stern.de.

Nicht reden, nur Trost finden

Auch sie sind heute in der MSV-Arena, diesem schönen neuen Stadion mit den leuchtend blauen Sitzplätzen und dem saftig grünen Rasen. Genau wie Ewa Kozok, 47. Sie verlor bei der Loveparade ihre Tochter Anna. Die Mutter ihres fünfjährigen Enkelkindes Justin war am 24. Juli 2010 ins Koma gefallen und nicht mehr aufgewacht. Ewa Kozok berichtete stern.de exklusiv, wie es ihr und ihrem Mann Andreas, 48, sowie Annas Bruder Lukas, 25, ein Jahr später geht. Heute, am Jahrestag des "verfluchten 24. Juli 2010", wie Andreas Kozok die Loveparade 2010 inzwischen nennt, will sie nicht reden. Sie will allein gelassen werden, Trost finden, weinen. So wie alle 7000 Angehörigen, Freunde, Duisburger, die ins Stadion gekommen sind. Es ist ein schrecklicher, ein bedrückender, erschütternder Tag für Duisburg.

Wolfgang Wilgers und der Junge Chor Beckhausen singen zu Beginn gemeinsam mit den Gästen den Klassiker "Somewhere Over the Rainbow". Der Landespfarrer für die Notfallseelsorger der Evangelischen Kirche im Rheinland, Uwe Rieske, erinnert zu Beginn an das "unermessliche Leid", das die Loveparade über viele Familien gebracht hat und bittet darum, auf Beifall für die Musiker zu verzichten. Die Stellvertretende Bischöfin der Evangelischen Kirche im Rheinland, Petra Bosse-Huber, spricht gleich zu Beginn mit einem kurzen Gebet vielen Menschen aus dem Herzen: "Einige sagen: Die Zeit heilt Wunden! Aber: Die Narben bleiben und brennen. Von wo kommt Trost? Wir suchen Gott." Kaum ein Lied dürfte besser zu diesem trüben Tag in Duisburg passen, könnte ihn besser einleiten als "Tears in Heaven".

Chaos und Urflut, Panik auf einem fröhlichen Fest

Stille im Stadion, als der Essener Weihbischof Franz Grave die Angehörigen und Verletzten fragt: "Was kann ein Weihbischof sagen, welche Worte können trösten? Erklärungsversuche versagen, jede Frage nach dem Warum verhallt und kann den Seelenschmerz nicht lindern." Grave zitiert das Bibelwort aus Genesis 1,1, nach dem "Gott der Schöpfer von Himmel und Erde" sei. Die Menschen bei der Loveparade 2010 hätten jedoch das genaue Gegenteil erlebt: "Aus einem fröhlichen Fest brachen Chaos und Urflut, Panik und Schrecken hervor; aus der Freude entstand Trauer, aus der Gemeinschaft die Einsamkeit des Todes." Die "Ka-tastrophe jenes Events, das Liebe zum Motto wählte, ist zu einem Symbol des Schreckens geworden".

Ob man die Lage, in denen sich verwaiste Eltern und Geschwister befinden, beschreiben kann, ist fraglich. Fest steht jedoch, dass viele der Menschen, die heute nach Duisburg gekommen sind, vielleicht nie mehr ihre Lebens-freude zurückgewinnen. "Eltern, die ihre Kinder verloren haben, sind oft ein Leben lang untröstlich", sagt der Essener Psychotherapeut Christian Lüdke im Gespräch mit stern.de.

"Stirb, stirb doch endlich!"

Aber mitunter nicht nur sie. Rettungskräfte sind in das Stadion an der Margaretenstraße gekommen, 4000 waren es seinerzeit am Karl-Lehr-Tunnel, etwa 100 von ihnen sind heute da. Sie sitzen in ihren roten Jacken zwischen den Besuchern. Einigen gehen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Denise Drewes berichtet stern.de, dass sie bewusstlos zwischen Leichen lag, mit einem rotem Bändchen am Arm für akute Lebensgefahr. Ein Sanitäter habe sie gerettet. Als er um ihr Leben rang, tanzten betrunkene Raver um die Toten und um sie herum und grölten: "Stirb, stirb doch endlich!"

Vereinzelte Randgeschichten, deren Zahl aber in die Zehntausende geht. Eine davon geht auch so: Während seinerzeit begeisterte Techno-Fans vor den Floats tanzten, starben hinter ihrem Rücken Menschen, ohne dass die Raver zunächst etwas bemerkten. Auch für sie, die nicht im Hexenkessel an der Rampe und an der "Todestreppe" standen, ein Schock. Ebenso wie für die Menschen in Duisburg, die sich schämen für ihre Stadt, die doch im Aufwind war: "Die Arbeit von Jahrzehnten wurde mit einem Schlag zerstört", sagt Wigbart Trost, der 40 Jahre lang im Dienste Duisburgs stand. Viel schlimmer aber für ihn: "Wenn ich an die Familien und Freunde der getöteten Menschen denke, dann ist es nur noch grausam."

"Wir spüren Wut"

Wenn Joachim Stobbe, 74, im Urlaub sagt, dass er aus Duisburg kommt, blickt er in betretene Gesichter, erzählt er. Er setzte seine Unterschrift auf die Liste der Initiative "Neuanfang für Duisburg", durch die Oberbürgermeister Adolf Sauerland abgewählt werden soll. Wie Stobbe geben die Duisburger ihm zwar nicht die alleinige Schuld an dem Desaster, wollen ihn aber zur Verantwortung ziehen. Bischöfin Bosse-Huber lobt die Duisburger für ihre "Wut und ihr Engagement", zeige es doch, wie sehr die Bewohner der Stadt "mitleiden".

Nadia Zanacchi aus Italien, die am 24. Juli 2010 ihre 21-jährige Tochter Giulia verloren hat, spricht als Vertreterin der Angehörigen beeindruckende Worte: "Wir spüren Wut. Wut für das, was passiert ist, wie es passiert ist, warum es passiert ist. Ihr wolltet Spaß haben, Musik hören, teilnehmen – aber ihr habt euch an einem baufälligen, dunklen, engen, grauenvollen und gefährlichen Ort wiedergefunden. Ich habe immer meine Tochter vor Augen, glücklich, fröhlich, mit einem strahlenden Lächeln und leuchtenden Augen, die sich liebevoll, aber mit etwas Eile, aus Angst, den Flug zu verpassen, von mir verabschiedet. Mit aller Kraft würde ich gerne zu diesem Augenblick zurückgehen und ihr sagen: "Nein, gehe nicht!" Mit fragendem Blick hätte sie mich angeguckt: "Wieso? Ich gehe doch nur zu einem Konzert, das ist doch genehmigt und beworben. Das ist doch keine Raver-Party. Niemand hat uns gesagt, warum eine Jugendliche, die aus Italien in eine deutsche Stadt gekommen ist, um dort bei einem in der ganzen Welt beworbenen Event teilzunehmen, einem Symbol der Freiheit, nicht mehr nach Hause gekommen ist. Wir können nur daran erinnern, dass 21 Jugendliche nicht mehr da sind. Ihr Lächeln, das Lächeln aller Jugendlichen, ist für immer erloschen."

Adagio aus dem Streichquartett Opus 11

Betretene Stille im Stadion, Schweigen, der Wind ist zu hören und es regnet. Alle Namen der Jugendlichen und jungen Menschen, die am 24. Juli 2010 den Tod fanden, werden verlesen. 21 Namen, 21 Mahnungen. 21 Tote vielleicht als Wegbereiter für ein "neues Denken", das Duisburgs Ex-OB Josef Krings, 85, bei der Einweihung des Mahnmals für die Opfer am Karl-Lehr-Tunnel anmahnte. Zum Adagio aus dem Streichquartett op. 11 legen Rettungskräfte 21 Sonnenblumen in ein großes Herz aus grün-weißen Blumen. Vor der Bühne brennen zwei Kerzen. Alle Menschen im Stadion erheben sich von ihren Plätzen. Ergreifend die Rede von Ella Seifer, die das Unglück schwer verletzt überlebt hat. Mit tränenerstickter Stimme sagt sie: "Es ist so furchtbar und grausam zu wissen, dass es 21 Menschen gibt, die nur durch Fehler in einer Veranstaltungsplanung nicht mehr schätzen können, was das Leben lebenswert macht." Landespfarrer Uwe Rieske umarmt sie, wie auch den Rettungssanitäter Daniel Otto, der von Helfern berichtet, die "völlig am Ende ihrer Kräfte waren".

Es bleiben 21 Sonnenblumen an einem tristen Tag, der Hoffnung geben soll. Am Ende der anderthalbstündigen Gedenkfeier gehen die Angehörigen und überlebenden Opfer der Loveparade 2010 zum Tunnel. Es regnet.