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Grubenunglück in Österreich: Vor 20 Jahren sackt ein Haus in ein Bergwerk - so erlebte Bergmann Hainzl das "Wunder von Lassing"

Vor 20 Jahren ereignete sich die größte Bergwerkskatastrophe Österreichs. Beim Grubenunglück von Lassing starben zehn Bergleute, die den verschütteten Bergmann Georg Hainzl retten wollten. Er selbst überlebte. Der stern sprach seinerzeit exklusiv mit dem damals 24-Jährigen.

Unglück von Lassing: Georg Hainzl überlebte tagelang - und sprach exklusiv mit dem stern

Unglück von Lassing: Georg Hainzl überlebte tagelang - und sprach exklusiv mit dem stern

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Im Juli 1998 wird der 24-jährige Bergmann Georg Hainzl beim Grubenunglück in der obersteirischen Gemeinde Lassing in Österreich verschüttet. Rettungsteams machen sich auf, den Bergmann zu retten - mit dramatischem Ausgang. Die Grube stützte weiter ein, nachdem Schlamm eingebrochen war. Alle Mitglieder des zehnköpfigen Rettungstrupps starben. Nach neun Tagen gelang die Rettung des verschütteten und tot geglaubten Bergmanns Hainzl.

Mit stern-Reporter Andreas Albes sprach er seinerzeit exklusiv über sein Leben nach der Katastrophe. Anlässlich des 20. Jahrestags des Grubenunglücks veröffentlichen wir den Artikel vom 10. September 1998 noch einmal unverändert.


Georg Hainzl hockt auf der Treppe vor dem elterlichen Bauernhaus und starrt seine Füße an. Er zieht einen Faden aus der rechten graublauen Socke. "Jetzt laß das", mahnt Freundin Susi. Er reißt den Faden ab und zündet sich eine "Memphis" an. "Ja, das mit den Füßen ist am schlimmsten. Die sind taub. So wie bei Erfrierungen halt."

stern

So berichtete der stern im September 1998

220 Stunden hatte Georg Hainzl bei 13 Grad Kälte und totaler Finsternis in einer Jausenkammer des Lassinger Talk-Bergwerks gekauert, bis er am 26. Juli gerettet wurde. Als Folge der Unterkühlung leidet er heute noch an Absterbungserscheinungen in den Füßen. "Das wird wieder", ist sein Arzt sicher.

Momentan aber sind die tauben Füße das, was Georg Hainzl, 24, am meisten nervt. "Weil ich nicht Auto fahren darf. Da würde bei einem Unfall ja keine Versicherung zahlen." Also läßt er sich in seinem roten Golf mit dem riesigen Heckspoiler von Freundin Susi chauffieren. Je einmal die Woche zur Barbara-Kapelle, um eine Kerze für seine toten Kumpel anzuzünden, zur Krankengymnastik nach Graz und zum Psychologen.

Grubenunglück macht Lassing zur Attraktion

Die Therapiegespräche, bei denen Susi, 21, meistens dabei ist, dauern den ganzen Nachmittag. Deren Sinn kann Georg Hainzl nur schwer erkennen, wenn danach nicht einmal die durchwachten Nächte ein Ende nehmen. "Ich schlafe fast nur am Tag. Wenn's dunkel ist, liege ich nur da. Manchmal nehme ich auch Schlaftabletten."

Er wird Susi heiraten. "Im Februar kommt das Kind. Wir möchten auf jeden Fall in Lassing bleiben und ein Haus bauen. Das Geld werde ich verdienen. Arbeit kann ich immer haben." Will er wieder in die Grube? "Ich weiß nicht. Vielleicht."

Die Katastrophe vom 17. Juli hat Lassing berühmt gemacht und den Krater, "die Pinge", zum Wahrzeichen des Ortes. Schaulustige kommen, und ein Kärntner Busunternehmen will jetzt auch noch Touren nach Lassing organisieren. Krater gucken, Kirche gucken, Mittagessen - für 148 Schilling, rund 20 Mark. "Die spinnen doch, die Leut'", sagt Georg Hainzl. "Die kommen sogar aus Deutschland. Ich hätt' mir die Bilder von meiner Bergung ja auch im Fernsehen angeschaut, aber ich würd' doch nicht anschließend herreisen."

Das Bergwerk war von jeher die größte Attraktion des Ortes. Schon in einer Wanderkarte von 1905 ist es als Sehenswürdigkeit ausgewiesen, und bis zur Katastrophe wurden auf besonderen Wunsch auch Touristen in den heute verschütteten Renee-Schacht hinabgelassen. Dort konnten sie dann besichtigen, wie das weiße Gold von Lassing abgebaut wurde. Der Talk - er dient zur Herstellung von Autoreifen bis hin zu Babypuder - gehört zum reinsten der Welt.

Ermittlungen wegen "fahrlässiger Gemeingefährdung"

Das weiß auch die Gemeinde und hatte bislang alles für die Naintsch Mineralwerke getan, die seit 1977 zu einem französischen Konzern gehören. Ja, sogar ein Gasthaus und ein Mehrfamilienhaus auf dem Abbaugebiet habe man umgesiedelt, sagt Bürgermeister Bernhard Zeiser, 61. "Aber wenn die jetzt dichtmachen, ist's mir auch egal." Daß die Werksleitung Schuld ist am Tod der verschütteten Gemeindemitglieder, steht für Zeiser fest. "Die Bergleute haben vor der Katastrophe wochenlang Schlamm beseitigen müssen. Davon ist ja nichts nach außen gedrungen." Vermutlich waren diese Schlammeinbrüche Vorboten der Katastrophe, die aber keiner ernst nahm.

Die wirkliche Ursache des Unglücks wird erst jetzt deutlich: Zwischen Erdoberfläche und Stollensystem gibt es einen zweiten Grundwasserspiegel, der an den Seiten von unterirdischem Felsgestein begrenzt ist. Wie in einer Wanne sammelte sich Wasser, das nicht abfließen konnte. Es entstand Überdruck, der sich, ausgelöst durch schwache Erdbeben, explosionsartig nach unten entlud - quasi wie bei einer auf den Kopf gestellten Sektflasche.

Bislang wurde der Werksleitung immer vorgeworfen, die Erdbebengefahr unterschätzt zu haben. Viel gravierender dürfte jedoch gewesen sein, daß die Ingenieure die Lage des zweiten Grundwasserbeckens nicht genau kannten. Kernbohrungen, die zur Erforschung nötig sind, werden gerade erst gemacht. Die Ergebnisse bekommt der Staatsanwalt aus Leoben. Er ermittelt wegen "fahrlässiger Gemeingefährdung" und besucht das Werk fast täglich.

Die Liste der Fehleinschätzungen nährt die Wut der Lassinger. Inzwischen werden sogar Werksangestellte angefeindet. Sekretärin Monika Resch verlor am 17. Juli den Bruder und steht trotzdem zu ihrem Arbeitgeber. Dafür wurde sie als "blöde Sau" beschimpft, "die den eigenen Bruder in der Grube verrecken läßt".

"Sie wollten das Bergwerk retten, nicht Hainzl"

Die Naintsch-Werke zahlen gut, und so hören es die Angestellten nicht gerne, daß der Bürgermeister dem Unternehmen "keine Träne nachweinen würde". Der Konzern will erst nach Bergung der Toten entscheiden, ob in der Grube weiter abgebaut wird. Die Mühle zur Aufbereitung des Talks bleibt auf jeden Fall in Betrieb. Sie läuft wieder mit voller Kapazität und wird von anderen Bergwerken beliefert.

Wie die toten Kumpel geborgen werden sollen, ist noch unklar. Sicher ist nur, daß sie geborgen werden. Dafür stehen zu viele Politiker im Wort. Bis November soll ein Gutachten über mögliche Methoden vorliegen. Die größte Unbekannte, so Projektleiter Hans Zepics, seien die Schlammassen im Einbruch-Schlot. Den muß er, "nach größter Wahrscheinlichkeit", bis in 60 Meter Tiefe mit einem Betonmantel versiegeln lassen, der dann ausgebaggert wird. Vorteil: Durch den entstandenen Schacht könnten nicht nur die Leichen an die Oberfläche gebracht werden, das Bergwerk hätte gleich einen neuen Zugang, um wieder in Betrieb zu gehen. Die Talk-Lagerstätten reichen noch rund 50 Jahre.

Wenn es für den französischen Luzenac-Konzern finanziell ganz schlimm kommt, muß der Bereich unter dem Krater mit flüssigem Stickstoff eingefroren werden, um einen Schlitz für den Betonmantel zu bohren. "Das wäre der Super-GAU", so Zepics. Rund zehn Millionen Mark im Monat würde dieses Verfahren kosten, das fast nur im U-Bahn-Bau angewandt wird.

Neid und Missgunst können aufkommen

Die Hoffnung auf eine schnelle und billige Bergung hat Zepics, "ehrlich gesagt", schon aufgegeben. Dazu hätten seine zehn Kollegen schon gemeinsam im Förderkorb sitzen müssen, der sich gerade aus 130 Metern in Bewegung gesetzt hatte, als die Grube einstürzte. Das wird kaum der Fall gewesen sein. Die Kumpel hatten sich in den Stollen verteilt. Sie waren in der Zeit zwischen den beiden Kratereinbrüchen permanent auf- und abgefahren: Pumpen überprüfen, Schäden feststellen.

Daß es im nachhinein so aussieht, als ob sie ihr Leben nur für Georg Hainzl ließen, macht Vizebürgermeister Fritz Stangl, 50, wütend: "Jeder weiß, daß es nicht notwendig war, die Leute runterzuschicken. Die haben nicht versucht, den Hainzl zu retten, sondern das Bergwerk."

Gerade deshalb fordern die Lassinger, daß der Luzenac-Konzern sich um die Zukunft der Angehörigen kümmert. 18 Kinder haben ihre Väter verloren. Über das Angebot, ihnen eine Hochschulausbildung zu finanzieren, kann Bürgermeister Zeiser nur lachen. "Wer den ländlichen Bereich kennt, weiß, daß hier kaum jemand studiert."

Doch auch ohne den Konzern dürfte die finanzielle Zukunft der Kinder gesichert sein. Eine Welle der Hilfsbereitschaft hat die Gemeinde überrollt. Staatliche Mittel inbegriffen, stehen jetzt 130 Millionen Schilling, rund 19 Millionen Mark, zur Verfügung. Davon müssen auch die verschütteten und einsturzgefährdeten Häuser ersetzt und neue Straßen gebaut werden.

"Hauptsache, die Füß' kommen in Ordnung"

Die Familien der Toten bekommen zunächst nur einen kleinen Teil ausbezahlt, je 210.000 Mark. "Das Geld aufzutreiben ist leichter, als es zu verteilen", sagt Vizebürgermeister Stangl. Er weiß, daß leicht Neid und Mißgunst aufkommen können. "Kleinere Reibereien" habe es bereits gegeben: Warum soll eine langjährige Lebensgefährtin, die ihren Partner verloren hat, weniger bekommen als eine frisch verheiratete Ehefrau?

Georg Hainzl starrt wieder auf seine Füße und steckt sich die fünfte "Memphis" in einer Stunde an. Wie das in Lassing jetzt weitergehen soll, wisse er auch nicht. "Hauptsache, die Füß' kommen wieder in Ordnung. Über alles andere mache ich mir jetzt wirklich keinen Kopf."

Andreas Albes/ wue