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Unglück von Herborn Der Tag, an dem ein Tanklaster eine hessische Kleinstadt in Brand setzte

Blick auf die zerstörten Häuser in Herborn, wo ein mit 32000 Litern beladener Tanklastzug in eine Eisdiele gerast war.
Blick auf die zerstörten Häuser in Herborn, wo der Tanklastzug in die Eisdiele gerast war
© Frank Kleefeldt/ / Picture Alliance
Am 7. Juli 1987 kommt es im hessischen Herborn zu einem folgenschweren Unfall. Ein mit mehr als 30.000 Litern beladener Tanklaster kommt wegen defekter Bremsen von der Straße ab und rast in eine Eisdiele. Bei der anschließenden Explosion sterben sechs Menschen, fast 40 werden verletzt.

Es ist ein lauwarmer Sommerabend, als die Katastrophe über das hessische Herborn hereinbricht. In der idyllischen Fachwerkstadt an der Dill herrscht am 7. Juli 1987 noch reges Treiben. Viele Menschen sitzen in der Eisdiele, als um kurz vor 21 Uhr der Tanklaster aus einer Rechtskurve fliegt und in das Gebäude kracht.

In einer Dokumentation vom Hessischen Rundfunk erinnert sich ein Augenzeuge, der damals mit seinen Freunden in dem Eiscafé saß: "Es gab einen riesigen Knall, alles war voller Glasscherben und sofort stand die ganze Eisdiele voller Flüssigkeit." Die Flüssigkeit – das sind 34.000 Liter Diesel und Benzin, die sich sofort überall verteilen. In Panik springt der junge Mann mit seinen zwei Freunden durch ein Fenster in den Toiletten-Räumen. Alle drei überleben schwer verletzt.

Ganze Straßenzüge in Herborn in Flammen

Auch der Fahrer des Tanklasters schafft es, aus der umgestürzten Zugmaschine zu entkommen, bevor es zur verheerenden Explosion kommt. Binnen Sekunden steht ein ganzes Viertel in Flammen, teilweise sind Menschen in ihren brennenden Häusern gefangen. Die Flammen und die Druckwelle der Explosion legen den ganzen Straßenzug in Schutt und Asche, neun Gebäude stürzen ein.

Die Flammen und die Druckwelle der Explosion legten den ganzen Straßenzug in Schutt und Asche, neun Gebäude stürzten ein
Die Flammen und die Druckwelle der Explosion legten den ganzen Straßenzug in Schutt und Asche, neun Gebäude stürzten ein
© Franz-Peter Tschauner/ / Picture Alliance

Plötzlich erinnert der Ort an einen Kriegsschauplatz: Verwundete liegen auf der Straße, andere versuchen panisch, sich vor dem Feuer und den umher fliegenden Trümmern zu retten.  

Mehr als 500 Feuerwehrleute sind in den kommenden Stunden und Tagen im Einsatz. Die Bergungsarbeiten verlaufen schleppend. Immer wieder lodern neue Feuer auf. Die Rettungskräfte müssen zudem schweres Gerät einsetzen, um die Trümmerteile auf der Suche nach Vermissten zur Seite zu schaffen. Auch Hunde werden eingesetzt. 

Brandkatastrophe von Herborn fordert sechs Menschenleben

Das Benzin läuft auch in die Kanalisation, entwickelt dort ein hochexplosives Gasgemisch. Verpuffungen im Abwassernetz schleudern Kanaldeckel noch in 700 Metern Entfernung hoch, auf dem nahe gelegenen Fluss Dill verteilt sich brennender Treibstoff.

Rettungskräfte stehen vor einem völlig abgebrannten Straßenzug.
Nach dem Unglück gleicht der beschauliche Ort einem Kriegsschauplatz
© Imago Images

Die Brandkatastrophe von Herborn fordert sechs Menschenleben, fast 40 werden verletzt. Doch sie hätte verhindert werden können. Denn schon der Werkstattleiter hat Sicherheitsbedenken, will den Lkw für die Fahrt von Koblenz zu einer Tankstelle im Sauerland nicht freigeben. Doch der Spediteur entscheidet anders. 

Herborn liegt am Ende einer neun Kilometer langen steilen Gefällstrecke, der sogenannten Westerwaldstraße. Kurz bevor der Fahrer auf die Autobahn auffahren will, versagen die Bremsen und die Schaltung blockiert. Um 20.43 Uhr schlägt der tonnenschwere Lkw in der Eisdiele ein.

Der Unglücksort in Herborn bei Tageslicht
Der Unglücksort in Herborn bei Tageslicht

Das Landgericht Limburg verurteilt den Fahrer drei Jahre später wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung, fahrlässiger Brandstiftung sowie fahrlässigen Herbeiführens einer Explosion zu eineinhalb Jahren mit Bewährung. Der Juniorchef der Koblenzer Spedition erhält eine zweieinhalbjährige Haftstrafe.

Risiko Zapfsäule: Autofahrer vergisst beim Tanken Zapfpistole im Wagen

Um ähnliche Unfälle zu vermeiden, richtet die Stadt 1989 eine Notfallspur neben der abschüssigen Westerwaldstraße ein. Doch 1992 rast ein mit Ziegelsteinen beladener Sattelzug an der Notfallspur vorbei direkt in die Innenstadt und verletzt drei Menschen. Später errichtet die Stadt eine ein Meter hohe Schikane aus Beton, um Laster, deren Bremsen auf der Gefällestrecke versagen, wirkungsvoller zu stoppen.

Das Mahnmal für die Tanklastzugkatastrophe von Herborn steht knapp 140 Kilometer weit vom Unglücksort entfernt. Das ausgebrannte und verrostete Wrack des Sattelzugs soll Besuchern der Deutschen Arbeitsschutzausstellung (DASA) in Dortmund die Risiken der Technik eindringlich vor Augen führen und zum verantwortungsvollen Umgang damit mahnen.

Quellen:  HR, DPA, Dasa Dortmund


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