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ICE-Unglück: Polizei ermittelt gegen Schäfer

Nach dem ICE-Unglück in einem Tunnel bei Fulda wird gegen den Besitzer der Schafherde ermittelt - ihm wird ein fahrlässiger Eingriff in den Bahnverkehr vorgeworfen. Untersuchungen laufen auch gegen einen Lokführer des Tunnel-Rettungszuges. Er soll betrunken gewesen sein.

Nach dem Zusammenstoß eines ICE mit einer Schafherde in Deutschlands längstem Eisenbahntunnel bei Fulda ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Halter der Tiere. Dabei gehe es um den Verdacht des fahrlässigen Eingriffs in den Bahnverkehr, sagte ein Sprecher der Behörde am Montag in Fulda. Bei dem Unglück, bei dem der ICE von Hamburg nach München mit Tempo 220 in die Schafherde gerast und entgleist war, wurden am Samstagabend 19 Menschen verletzt.

Die Ermittlungen konzentrierten sich auf die Frage, wie und warum die Schafherde auf die Gleise gekommen sei, berichtete eine Sprecherin der Bundespolizeidirektion in Koblenz. Bahnchef Hartmut Mehdorn kündigte unterdessen an, die Tunneleingangssicherungen, die an sich sicher seien, würden noch einmal angesehen. Nach Einschätzung des Bundesverkehrsministeriums wäre eine allgemeine Einzäunung der Zuggleise zur Verhinderung von Bahnunfällen "nicht sinnvoll".

Der Landwirt hat sich nach Ansicht des Schafzüchterverbands Hessen nichts vorzuwerfen. "Irgendjemand muss die Tiere von der Weide hoch zur Bahnlinie getrieben haben", sagte Landeschef Reinhard Heintz. Die Schafweide, aus der die Tiere ausgebrochen sind, liegt etwa 500 Meter unterhalb der Bahnlinie und wird von Elektrozäunen und einen Bach eingegrenzt. "Es war alles richtig abgesichert. Das ist ein vorbildlicher Betrieb für Hessen. Alles nach Vorschrift." Heintz appellierte an die Bahn, mit Zäunen für mehr Sicherheit an dem fast elf Kilometer langen Landrückentunnel zu sorgen. Der Schäfer, von dessen Herde bei dem Unfall mindestens 20 Tiere getötet wurden, habe dies schon vor zehn Jahren beantragt, sagte Rothhämel. Dies sei aber aus Kostengründen abgelehnt worden.

Bahn-Chef Mehdorn sagte in Berlin: "Es darf nie wieder passieren, und dafür werden wir sorgen." Das Unfall-Management am Ort habe funktioniert, auch wenn ein "verrückter" Vorfall wie eine Schafherde im Tunnel eigentlich kaum zu erwarten gewesen sei. "Gott sei Dank ist niemand schwer zu Schaden gekommen." Die Tunnel und die Bahn seien grundsätzlich sicher.

"Es hat immer wieder Überlegungen gegeben, Hochgeschwindigkeitsstrecken einzuzäunen", sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums. Davon habe man aber abgesehen - "nicht nur weil dann mehr als 10 000 Kilometer Strecke für IC- und ICE-Züge abgeriegelt werden müssten", sagte der Sprecher. Vielmehr könnten sich solche Zäune im Falle eines Unglücks als sehr hinderlich erweisen, wenn zum Beispiel nach einem Zugunfall auf der freien Strecke die Rettungskräfte vor einer etwaigen Evakuierung von Fahrgästen zunächst erst die Zäune beseitigen müssten.

Der Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel forderte eine bessere Sicherung von Eisenbahntunneln. Der Ingenieur und Professor aus Kassel, betonte in einem Gespräch mit der Deutschen Presse- Agentur dpa: "Genauso wie Weichen oder Brückenpfeiler sind Tunnel neuralgische Punkte. Und entsprechend muss man sie auch sichern, besser als bisher."

Bei den Ermittlungen, an denen auch das Eisenbahnbundesamt beteiligt ist, werde auch routinemäßig untersucht, ob die Weiche im Tunnel oder ein Signal Einfluss auf den Unfallhergang hatten, berichtete die Bundespolizei. Vor dem Unglück ist nach Aussagen von Zeugen bereits ein Zug aus Süden mit einem Schaf kollidiert. Diese Hinweise würden genauso überprüft wie die Frage, ob der Lokführer des ICE noch hätte gewarnt werden können.

Am Unfallort waren unterdessen Arbeiter der Bahn damit beschäftigt, mit Kranwagen die demolierten Waggons zu bergen. Am Abend sollte damit begonnen werden, den hinteren Triebkopf aus der Röhre zu ziehen. Der Sachschaden betrage "viele Millionen Euro". Die Strecke bleibt auch in den nächsten Tagen für die Bergungs- und Reparaturarbeiten gesperrt. Die Fahrgäste müssten bei der Fahrt zwischen Hamburg und München mit rund 30 Minuten Verspätung rechnen.

Vier der 19 Verletzten befanden sich am Montag noch zur Behandlung in Fuldaer Krankenhäusern, wie das Landratsamt mitteilte. Einer der beiden Lokführer des Würzburger Tunnel-Rettungszuges soll während des Einsatzes bei dem ICE-Unglück nahe Fulda betrunken gewesen sein. Die Bundespolizei ermittle wegen des Verdachts der Gefährdung des Bahnverkehrs, sagte Bundespolizeisprecher Winfried Felbinger in Würzburg und bestätigte damit einen Bericht der "Main-Post".

AP/DPA / AP / DPA