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Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima: "Wir haben längst den Super-GAU"

Verzweifelt versucht die japanische Regierung die Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima herunterzuspielen. Dabei ist der Super-GAU nach Ansicht von Wissenschaftlern längst eingetreten.

Von Friederike Ott

Seit dem 11. März 2011, dem Tag der Katastrophe, ist Yukio Edano unzählige Male vor die Kameras getreten, oft mehrmals täglich. Manchmal berichtete der Sprecher der japanischen Regierung über Fortschritte, meist aber über Rückschläge im havarierten Atomkraftwerk Fukushima. Der Schlafmangel hat ihm tiefe Augenringe ins Gesicht gegraben.

Heute, an Tag 15 der Katastrophe, fordert er Zehntausende Bewohner auf, die Region um Fukushima zu verlassen. Und wie so oft wiegelt er ab: Es sei nicht aus Sicherheitsgründen, sondern um wachsende Probleme im Alltag zu vermeiden.

Tatsächlich aber hat sich die Lage im Atomkraftwerk Fukushima 1 dramatisch zugespitzt. Es gibt Alarmmeldungen über strahlendes Wasser, das 10.000 Mal radioaktiver ist als Wasser, das sich normalerweise in einem laufenden Reaktor befindet. Zwei Blöcke sind ohne Kühlung, die Arbeiter müssen ihren Einsatz unterbrechen. Am Tag zuvor mussten zwei verstrahlte Arbeiter in ein Spezialkrankenhaus eingeliefert werden, weil ihnen verseuchtes Wasser in die Schuhe gelaufen war.

Kan versucht, die Angst zu zerstreuen

Doch eine Ausweitung der Evakuierungszone rund um das Atomkraftwerk wird nicht angeordnet. "Die Regierung tut das Äußerste, um die Situation unter Kontrolle zu bringen", versichert Ministerpräsident Naoto Kan in einer seiner seltenen Fernsehansprachen und versucht, die Angst zu zerstreuen, es habe sich bereits ein Super-GAU ereignet.

Doch den hat es nach Ansicht von Edmund Lengfelder, Leiter des Otto Hug Strahleninstituts in München, längst gegeben. "Seit über einer Woche haben wir den Supergau", sagte er stern.de. "Die japanische Regierung spielt die Dramatik der Lage extrem herunter."

Nach Einschätzung des Strahlenexperten ist die Situation bereits jetzt - gemessen an der Radioaktivität - vergleichbar mit der Katastrophe im ukrainischen Kernkraftwerk bei Tschernobyl im Jahre 1986. Da jedoch in der Gegend um Fukushima herum sehr viel mehr Menschen leben, seien die Auswirkungen sogar schlimmer. "Es wird zu einer massiven Zunahme von Krebsfällen kommen, vor allem an Schilddrüse, Lunge und Brust", sagt der Strahlenexperte.

"In Reaktor 3 ist mit Sicherheit eine Kernschmelze eingetreten"

Die Strahlenbelastung könnte sogar stärker werden als in Tschernobyl, befürchtet Lengfelder: "In den Reaktoren in Fukushima befinden sich viel mehr radioaktive Stoffe." In Tschernobyl wurden die Brennelemente nur wenige Wochen bis Monate benutzt. In Japan sind jedoch drei bis fünf Jahre üblich. Deshalb sammeln sich dort auch viel mehr radioaktive Nuklide an.

In einer Entfernung von 50 Kilometern sind nach Auskunft von Lengfelder bereits 250 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden. Die Belastung ist demnach dort etwa so stark, als würde alle fünf Stunden die Wirbelsäule geröntgt. "Das Gebiet um das Kraftwerk müsste im Umkreis von mindestens 50 Kilometern evakuiert werden", fordert der Wissenschaftler. Bisher wurde die Gegend um das Kraftwerk in einem Umkreis von lediglich 20 Kilometern geräumt.

Besonders Reaktor 3 des havarierten Kernkraftwerks bereitet dem Strahlenexperten Sorgen. "Die Lage hat sich dramatisch verschlimmert. Dort ist mit Sicherheit eine Kernschmelze eingetreten." Die Radioaktivität rund um das AKW hat sich zuletzt stark erhöht. Die japanische Regierung hat bislang lediglich eine Beschädigung des Druckbehälters nicht ausgeschlossen. Das Problem: In Reaktor 3 befindet sich außer Uran auch Plutonium, ein hochradioaktives, extrem giftiges Schwermetall. Es gilt als eine der gefährlichsten Substanzen, die der Mensch hinterlässt.

"Bisher gab es nichts Vergleichbares"

Inzwischen fordert Greenpeace, die atomare Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima auf die höchste Stufe 7 der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines) einzuordnen. Auch wenn die Umweltschutzorganisation noch nicht von einem Super-GAU sprechen will, seien schon jetzt entsprechend große Mengen an Radioaktivität entwichen. Dies gehe aus einer Studie hervor, die Greenpeace bei dem Physiker Helmut Hirsch in Auftrag gegeben hat.

Ihm zufolge könne man sogar von insgesamt drei Katastrophen der Stufe 7 reden, wenn man jeden Reaktor einzeln betrachte. "Die Lage ist in allen vier beschädigten Reaktoren dramatisch", sagt Greenpeace-Experte Karsten Smid zu stern.de. "Es sind mehrere Katastrophen, die gleichzeitig stattfinden. Bisher gab es nichts Vergleichbares."

Die japanischen Behörden ordnen die Atomkatastrophe derzeit der Stufe 5 zu.

mit Agenturen
  • Friederike Ott