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Refugium für Sexarbeiterinnen: Jahrelang verkauften sie ihren Körper. Jetzt sind sie alt und bekommen, wonach sie sich sehnten

Diese Frauen arbeiteten fast ihr ganzes Leben als Prostituierte. In einem Kolonialgebäude in Mexiko City bekommen sie endlich geschenkt, was sie sich immer gewünscht haben: ein gutes Leben.

Mexiko: Ein Besuch im weltweit ersten Altenheim für Prostituierte

Norma Sánchez hat seit ihrem 15. Lebensjahr als Prostituierte in Mexiko gearbeitet. Heute, mit 66, freut sie sich im Refugium für Sexarbeiterinnen über ihren Geburtstagskuchen.

Wenn Norma Sánchez auf ihr Leben zurückblickt, auf mehr als fünf Jahrzehnte in Stripclubs und Bordellen, in ranzigen Hotels und schließlich auf dem Straßenstrich, dann hat sie heute, mit 66, zum ersten Mal wahre Liebe gefunden.

Es ist keine Liebe zu einem Mann, die sahen sie immer nur als Objekt – alle etwa 8000 Freier, wie sie schätzt. Auch keine Liebe zu ihren Kindern, die sie alle vier hat abgeben müssen. Es ist eine späte Liebe zum Leben an sich, zu sich selbst und ihren Kumpaninnen im Altenheim für Prostituierte im Zentrum von Mexico City.

"Ich liebe mich", sagt sie. "Und meine Schwestern hier. Spät – aber immerhin."

"Danke, Süße."

Es ist morgens um neun, die Luft dünn hier auf 2300 Meter Höhe, Norma Sánchez schleppt sich am Gehstock von ihrem Zimmer in den Innenhof des Heims "Casa Xochiquetzal", benannt nach der aztekischen Göttin der Schönheit und Sexualität. Es handelt sich um ein gelb getünchtes Kolonialgebäude, auf einer Tafel am Eingang steht: "Refugium für Sexarbeiterinnen des dritten Lebensabschnitts".

Normas Haar ist grau und kurz, am Körper trägt sie die Narben eines Lebens am Limit, auf dem Oberarm das verblichene Tattoo der Frau, die sie einmal war: mit langen Haaren, aufgeknöpfter Bluse und prallen Brüsten. Neben sie an die langen Tische setzen sich ihre "Schwestern" – Kameradinnen, mit denen sie einst um jeden Freier gekämpft hat: Raquel, 82, die 60 Jahre lang Sexarbeiterin war. Und Canela, 77, die immer noch aktiv ist, allerdings nur für einen Stammfreier, um sich mal Tacos leisten zu können oder ein Parfüm.

Angie, 54, singt in ihrem Zimmer im "Casa Xochiquetzal". Sie lebt seit fünf Jahren hier: "Ich will nie auf die Straße zurück. Man verliert dort seine Würde".

Angie, 54, singt in ihrem Zimmer im "Casa Xochiquetzal". Sie lebt seit fünf Jahren hier: "Ich will nie auf die Straße zurück. Man verliert dort seine Würde".

"Um nicht aus der Übung zu kommen", sagt Canela trocken.

Die anderen Frauen kichern. Sie kommen aus dem Kichern nicht heraus. Sie ziehen Canela mit Sprüchen auf, die nicht jugendfrei sind.

Das warme Licht des Wintermorgens fällt in den Innenhof. Bald sitzen 15 Frauen zusammen. Zu mexikanischer Volksmusik sticken sie Bilder mit Blumen und einer idyllischen Berglandschaft, wie sie sie in natura nie gesehen haben. Es herrscht eine angenehme Stille, die sie ihren späten Frieden nennen.

"Reich mir mal den Stoffballen, Liebste", sagt Norma zärtlich zu Canela.

"Gerne, Normita-Baby."

"Danke, Süße."

Es ist ein Konzert der Kosenamen. Gespräche, von denen Norma glaubt, dass all die Zärtlichkeit in ihnen liegt, die ihnen 66 Jahre entgangen ist.

"Als Huren haben wir alle am Abgrund gelebt", sagt sie. "Mit 20 läuft es noch. Aber dann wirst du 30, und die Freier werden weniger. Mit 40 fliegst du aus dem Puff. Mit 50 verlierst du dein Hotelzimmer. Mit 60 lebst du auf der Straße und betest darum, wenigstens einen Freier pro Tag abzukriegen, 80 Pesos, vier Dollar."

Sieben Rotlichtviertel in Mexiko City

Vor 17 Jahren kam ihrer Freundin Carmen Muñoz, die mehr als 40 Jahre als Prostituierte gearbeitet hatte, eine Idee. Sie sah immer mehr alte Kolleginnen hier in La Merced, einem von sieben Rotlichtvierteln in Mexico City: zusammengekauert unter Pappkartons, gezeichnet von Krankheiten wie Aids, Hepatitis und Alkoholismus.

Gleichzeitig sah sie die leer stehenden Häuser im Viertel, diesem prächtigen Kolonialensemble und Unesco-Weltkulturerbe. Und sie sah "die perfekte Gelegenheit", wie sie es nannte: López Obrador war gerade Bürgermeister, ein Linker, Sohn eines Krämers, mit einem Herz für die Schwachen und Ausgestoßenen. Tatsächlich gab er ihr mietfrei das ehemalige Boxmuseum, 700 Quadratmeter Wohnfläche.

Patricia Robles Orozco, 69, hält ein Foto von sich als 18-Jährige. Einst tanzte sie im Kabarett. Heute liebt sie es, im Innenhof Bilder auszumalen.

Patricia Robles Orozco, 69, hält ein Foto von sich als 18-Jährige. Einst tanzte sie im Kabarett. Heute liebt sie es, im Innenhof Bilder auszumalen.

Heute ist Obrador Mexikos Präsident.

So bekam Mexiko, sonst eher bekannt für Machismo und häusliche Gewalt, 2006 das weltweit erste Altenheim für Sexarbeiterinnen. Die Frauen erhalten hier gratis ein Zimmer, Essen, medizinische und psychologische Versorgung. Ein Stück Würde auf den letzten Metern des Lebens.

"Es ist wie in der Bibel", sagt Norma. "Da dürfen alle zu Jesus kommen. Es ist ein Wunder. Wir sind der Abschaum der Gesellschaft. Aber hier Prinzessinnen."

Nur 30 Meter weiter vor den dicken Mauern des Kolonialgebäudes herrscht das hitzige Treiben ihres Vorlebens, das wuselige Chaos dieser 20-Millionen-Metropole. Marktfrauen preisen schreiend Billigware aus China an, Passanten drängen sich schimpfend durch Menschenmassen, dazwischen bieten Frauen allen Alters ihren Körper an, und Männer inspizieren gierig das "Frischfleisch", wie sie es nennen.

Billighotel oder Suppe

Wer ein paar Tage mit den alten Frauen verbringt, spürt ihre Zerrissenheit. Die einen legen sich nach dem Mittagessen zur Ruhe, sie schauen stumm einen Film im Fernsehsaal; jeden Tag rotiert die Kontrolle über die Fernbedienung. Von ihrem früheren Job wollen sie nichts mehr wissen.

Andere aber machen sich wie Vicky mit Hüten und Federboa bereit für ihre Einsätze oder warten auf ihre Liebhaber wie Normas Freundin Canela, die Dienstälteste, eine kleine Frau aus Oaxaca, dem Süden Mexikos. "Ich habe endlich einen Mann fürs Leben gefunden", sagt sie, während Norma ihr hilft, den knallroten Lippenstift nachzuziehen. "Mit ins Heim darf ich ihn nicht bringen, aber zu ihm jederzeit."

Dann tänzelt sie los, am Gehstock, eine alte Dame in den Farben eines Pfaus.

"Dieses Haus hat mich gerettet", sagt Norma Sánchez, genannt Normita. Weil sie hier gelernt hat, sich selbst zu lieben.

"Dieses Haus hat mich gerettet", sagt Norma Sánchez, genannt Normita. Weil sie hier gelernt hat, sich selbst zu lieben.

"Als Canela zu uns kam, dachten wir, sie stirbt uns in sechs Monaten, so krank und schwach war sie", sagt Jesica Vargas, die Direktorin der Casa Xochiquetzal. "Inzwischen ist sie zwölf Jahre hier."

Vargas, eine noch junge Psychologin, leitet das Altenheim seit 2011. Mehr als 250 Frauen haben sie in elf Jahren aufgenommen. Derzeit leben 20 hier dauerhaft, im Alter zwischen 53 und 87. Kriegerinnen nennt sie sie, Überlebende, Beispiele für die Widerstandsfähigkeit von Menschen, eine jede Opfer von Missbrauch und Gewalt, Verlust und Krankheiten. "Früher auf der Straße mussten sie sich täglich entscheiden zwischen Billighotel oder Suppe. Manchmal ging beides nicht. Diese Sorge haben sie nicht mehr."

Eiserne Regeln für ihr neues Leben

Das Heim ist für Vargas nicht weniger als eine Revolution: "In einem katholischen Land. Mit viel Armut. Selbst in der Ersten Welt gibt es ein solches Haus für alte Sexarbeiterinnen nicht. Wir leben von Spenden, der Unterstützung von Feministinnen und Intellektuellen. Von der Stadt gibt's nichts mehr."

Die Regeln sind eisern und werden vertraglich festgesetzt: keine Drogen. Kein Alkohol. Keine Männerbesuche. Keine Faustkämpfe um die Fernbedienung. Jede Frau muss ihr Zimmer sauber halten und an Workshops teilnehmen. "Die Umstellung ist groß, sie mussten sich immer verteidigen. Sie waren frei wie der Wind, ohne Struktur", erklärt Vargas. "Ich habe ein weiches Herz – das Herz eines Huhns, wie wir sagen –, aber manche Dame muss ich rausschmeißen, so wie Marta, die ihre Revierkämpfe hier drinnen fortsetzte."

Maria Canela, 77, posiert für ein Porträt. Sie schlief unter Pappkartons direkt vor den Türen des Heimes, als dieses eröffnet wurde.

Maria Canela, 77, posiert für ein Porträt. Sie schlief unter Pappkartons direkt vor den Türen des Heimes, als dieses eröffnet wurde.

Zum ersten Mal in ihrem Leben haben die Frauen einen Stundenplan. Ihre Dienste stehen auf einem großen Zettel am Schwarzen Brett: Treppe putzen, Brot backen, waschen. Aber auch die Belohnungen: Kinoabend, Backkurs, Märchenstunde. Vargas beobachtet unter den Frauen einen großen Gerechtigkeitssinn, wie sie ihn unter ihren bürgerlichen Freunden nie erlebt hat: Wenn einer sie verbal angreift, verteidigen sie einander. Wenn eine krank wird, streiten sich die anderen darum, wer sie pflegen darf. "Sie sind – vielleicht zum ersten Mal im Leben – eine Familie."

Vargas hat viel erlebt in den Jahren: große Dramen und Happy Ends. Sie blättert durch ein Fotoalbum und erzählt zu jeder Heimbewohnerin Geschichten. Die größten Schmerzen verursache nicht das harte Leben auf der Straße, sondern dass die Familien sie verstoßen – zunächst die Eltern, später die eigenen Kinder. "Die beiden Töchter von Rebecca etwa wollten nichts mehr von ihrer Mutter wissen und blieben selbst der Beerdigung fern, obwohl Rebecca sie großgezogen hat. Die fünf Söhne von Consuelita rasierten ihr den Kopf, als sie erfuhren, dass sie immer noch Sex gegen Geld anbietet. Bei uns ließ sie ihre Haare bis zum Tod frei wachsen. Sie starb an Aids, aber eher an gebrochenem Herzen."

Höllenritt

Es gibt auch die anderen Geschichten, die guten. Guadalupe traf vor dem Altenheim die Liebe ihres Lebens und zog mit dem Mann nach Acapulco. Der Sohn von Carmelita besuchte sie plötzlich, nach Jahrzehnten ohne Kontakt. "Es fiel ihm schwer, eine betagte Hure als Mutter zu haben, aber jetzt sieht er sie regelmäßig. Beim Erdbeben 2017 kam er mit dem Fahrrad, um sie zu retten."

Keine vereint Drama und Happy End so wie Norma, die Frau mit dem grauen kurzen Haar, findet Vargas. Normita, wie sie sie nennt, trägt Tausende kleine Geschichten mit sich, die einem das Herz brechen, aber auch wieder kitten.

Norma erzählt diese Geschichten in Etappen, in ihrem Zimmer, einem 18 Quadratmeter großen Raum mit Bett und Schrank, der in seiner Schlichtheit an ein Kloster erinnert. Sie muss erst Vertrauen gewinnen, mit Männern tut sie sich schwer. "Johnny", sagt sie zum Reporter, weil jeder ausländische Mann für sie Johnny ist.

Norma Espinoza, 84, tanzt an ihrem Geburtstag mit einer Pflegerin des Hauses

Norma Espinoza, 84, tanzt an ihrem Geburtstag mit einer Pflegerin des Hauses

"Johnny, ich wurde vergewaltigt mit neun, verließ mein Zuhause mit 14, begann mein Leben als Hure mit 15, hatte mein erstes Kind mit 16, Maria Carmen, und gab es ab an meine Mutter."

Es klingt wie der Einstieg zu einem Höllenritt.

Schon als Minderjährige bestach Norma Polizisten, um anschaffen zu dürfen. Die Puffmutter gab sie als Nichte aus, die nur beim Putzen helfe. Mit 20 hatte Norma ihr zweites Kind, Fabiola, das ihr von einer Frau geraubt und in die USA verkauft wurde. Sie bekam ein drittes Kind, Ricardo, und überließ es dem Erzeuger, einem Politiker. Sie hatte ein viertes, Guadalupe, und überließ es dem Freier, einem Kaufmann, dessen Frau kein Kind bekommen konnte.

"Heute habe ich nur zu einem Kind Kontakt, Ricardo. Er denkt, ich bin seine Tante. Ich wage nicht, ihm die Wahrheit zu sagen. Keines meiner Kinder weiß, dass ich hier bin. Vielleicht habe ich schon Urenkel?"

Das heftige Auf und Ab ihres Lebens

Über ihren Unterarm ziehen sich Narben – die Spuren von vier Suizidversuchen. Auf einem Auge ist sie blind – das Resultat eines Überfalls. Über ihrer Brust kreuzen sich die Narben einer Messerattacke durch einen Freier. Ihr Körper erzählt das Leben.

Nach dem letzten Selbstmordversuch 2010 strandete sie hier, sie war am Ende ihrer Kräfte. "Ich habe alles erlebt in dieser Welt, Johnny, aber am meisten schmerzt der Verkauf meiner Tochter", flüstert sie durch ihre letzten Zahnstümpfe. "Ich würde sie gern suchen."

Jetzt laufen Tränen, die sich bei ihr oft abwechseln mit einem bellenden Lachen, jenes heftige Auf und Ab, das die Ärztin des Heims für eine Störung hält – und Norma für das Leben.

Wie in allen Gesprächen in der Casa Xochiquetzal offenbart sich auch bei Norma eine Mischung aus Bedauern und Dankbarkeit, dass es Prostitution gibt. Die Arbeit gab ihnen, den Analphabetinnen und Ausgestoßenen, das Dach über dem Kopf und das Essen für die Kinder. Aber sie hätten es lieber anders gehabt.

Canela übt das Rechnen in einem der Workshops, die jede Bewohnerin besuchen muss

Canela übt das Rechnen in einem der Workshops, die jede Bewohnerin besuchen muss

Hier im Heim jedoch kann Norma so sein, wie sie ist – nach einem langen Leben der Lügen, Täuschungen, des Vorspielens und Verschweigens. Vor ihren Freundinnen muss sie sich nicht rechtfertigen. "Ich bin, was ich bin: eine Hure im Ruhestand."

"Oder fast", schiebt sie hinterher.

Der Abend senkt sich früh. Aus der Küche dringt der Duft frischer Zimtschnecken, das Werk eines Workshops. Draußen im größten Rotlichtdistrikt der Stadt, zwischen Häusern aus dem 16. Jahrhundert, beginnt nun wieder der zähe Kampf um die Freier.

Für Norma sollte es die Zeit für Brettspiele sein. Für einen Film. Einen ruhigen Abend. Aber sie geht los zum Park an der Metro-Station Hidalgo, zu ihrem "Büro". Hier trifft sie ausgewählte Herren, die sie respektvoll "Jefa" nennen, Chefin, für die "Aufbesserung ihrer Pension". Der Rücken schmerzt, sie greift nach dem Gehstock. "Keiner zwingt mich", sagt sie.

"Wir haben zur Prostitution keine Haltung", sagt Leiterin Vargas, als Norma geht. "Wenn die Frauen nebenbei arbeiten wollen, ist das ihnen überlassen."

Letzter Traum

Norma braucht das Geld für einen letzten Traum, eine kleine Hütte auf dem Land. Auf dem Streifen Erde im Staat Jalisco, wo ihre Mutter sie einst auf die Straße setzte. 200 Dollar hat sie zusammen. 4000 braucht sie. Sie will dort ein paar Tiere haben, einen Gemüsegarten mit Tomaten und Koriander, um Tacos zu machen mit Rinderleber und einer Sauce aus Chili und Sonnenblumenkernen.

Sie sagt: "Eins weiß ich. Ich werde mit einem Lächeln auf den Lippen sterben."

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