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Myanmar: Hungernde Menschen stürmen Läden

24 Millionen Menschen leiden in Myanmar unter den Folgen des Zyklons "Nargis". Hungrige stürmten die wenigen Läden, die erstmals wieder öffneten. Katastrophale Zustände sollen vor allem im Irawadi-Flussdelta herrschen. Unterdessen kursieren Horrorzahlen von 100.000 Toten.

In Myanmar kämpfen die Menschen nach dem Zyklon "Nargis" verzweifelt ums Überleben. Im überfluteten Irawadi-Delta wurden die wenigen Läden gestürmt, die jetzt zum ersten Mal wieder öffneten. Augenzeugen berichteten von Schlägereien.

In der Millionenstadt Rangun schossen die Preise für Lebensmittel in die Höhe. Hilfsorganisationen beklagten massive Behinderungen ihrer Arbeit. Ein Vertreter der Vereinten Nationen sprach von einer "großen, großen Katastrophe". Praktisch alle tiefer gelegenen Gebiete des Irawadi-Deltas stünden unter Wasser, sagte der Sprecher des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Hilfe, Richard Horsey, in Bangkok. Die Zahl der Toten sei wahrscheinlich sehr viel höher als die offiziell bestätigten 22.464.

Der Zyklon könnte nach Einschätzung eines US-Diplomaten 100.000 Menschen das Leben gekostet haben. 95 Prozent der Gebäude in den betroffenen Gebieten seien zerstört. Ein Erkundungsteam der Hilfsorganisation ADRA geht dagegen von etwa 50.000 Toten aus. In der Region Piensalu hätten ursprünglich etwa 150.000 Einwohner gelebt, teilte die "Aktion Deutschland Hilft" in Bonn mit. Die Militärregierung Myanmars spricht bislang von knapp 23 000 Toten. Das ADRA-Team hatte vor dem Unwetter an Wiederaufbauprojekten nach dem Tsunami von 2004 teilgenommen. Nach Angaben von ADRA-Direktor Marcel Wagner ist das Ausmaß der Schäden dort noch gravierender als beim Tsunami.

"Es ist ganz klar, Millionen Menschen sind obdachlos. Wir wissen nur noch nicht, wie viele Millionen", berichtete der für Birma zuständige Vertreter der Organisation "Save the Children", Andrew Kirkwood, telefonisch aus Rangun. "Save the Children" ist eine der wenigen Organisationen, die das Militärregime bisher in das Land gelassen hat. Kirkwood klagte über die mangelnde Kooperation der Junta. Obwohl dringend Nachschub an Hilfskräften und Hilfe benötigt werde, warteten die Helfer weiter in Bangkok auf ihre Visa.

Kirkwood berichtete von katastrophalen Zuständen vor allem im Irawadi-Flussdelta, der am schwersten betroffenen Region. In einer der abgelegenen Orte habe sein Team tausende Tote gesehen - "Berge von Leichen", die auf der Straße verrotteten.

In der Katastrophenregion würden Tabletten zur Wasserreinigung, Moskitonetze, Plastikplanen und Medikamente verteilt. Allerdings seien weite Gebiete nur mit dem Boot zu erreichen, sagte Horsey. Nicht einmal per Hubschrauber könnten Hilfsgüter dorthin gebracht werden.

Hungrige stürmen Läden

Der Wirbelsturm, der am Samstag über Birma hinweggerast war, hat nach UN-Schätzungen bis zu eine Million Menschen obdachlos gemacht. Laut Augenzeugen versuchten verzweifelte Überlebende, sich mit provisorischen Booten aus den überfluteten Gegenden in Sicherheit zu bringen. Decken müssten dabei als Segel herhalten.

Mittlerweile öffneten einige Läden im Delta wieder. Sie wurden sofort von Hungrigen gestürmt, wie ein Sprecher des Welternährungsprogramms (WFP) in Bangkok unter Berufung auf Mitarbeiter vor Ort sagte. "Am dringendsten werden Wasser und Essen benötigt", sagte Andrew Kirkwood von der Hilfsorganisation "Save the Children" in Rangun. "Viele Leute werden krank. Alles steht unter Salzwasser, und es gibt nichts zu trinken."

Lebensmittel unbezahlbar

Auf den Märkten in Rangun verdoppelte sich am Mittwoch der Preis für Reis, Speiseöl und Trinkwasser. Auf einem Markt in Kyimyindaing, einem Vorort der Großstadt, mussten für einen Sack Reis umgerechnet 25 Euro bezahlt werden - ein astronomischer Preis in einem Land, wo die meisten Menschen mit weniger als zwei Dollar (1,30 Euro) pro Tag auskommen müssen.

Dessen ungeachtet beteuerte ein Vertreter der Militärjunta im staatlichen Fernsehen, die Situation normalisiere sich mittlerweile wieder. In einigen Vierteln Ranguns gab es wieder Elektrizität, die meisten Einwohner waren jedoch nach wie vor von der Stromversorgung abgeschnitten und konnten damit auch ihre elektrischen Wasserpumpen nicht benutzen.

Deutschland und Frankreich appellierten eindringlich an die Regierung in Rangun, ausländische Helfer und Hilfsgüter ins Land zu lassen. Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul sprach von der "schlimmsten Katastrophe seit dem Tsunami". Der französische Außenminister Bernard Kouchner teilte mit, Myanmar habe grünes Licht für zwei UN-Maschinen mit Hilfsgütern gegeben. Die französische Marine habe auch mehrere Schiffe mit Ausrüstung und Lebensmitteln an Bord vor der Küste des Landes. "Nur verweigert die Regierung von Myanmar die Autorisierung, um den Menschen zu helfen", sagte Kouchner. Auch in Bangkok sitzt noch ein Team der Vereinten Nationen fest, das auf Visa für die Einreise Birma wartet, wie UN-Sprecherin Elisabeth Byrs sagte.

Liebe Leser, wie Ihnen sicher schon aufgefallen ist, gibt es für das südostasiatische Land verschiedene Begriffe: Birma, Burma, Myanmar. In vielen deutschen Medien wird es Birma genannt, vereinzelt auch Burma, wie im englischen Sprachraum üblich. Seit 1989 heißt es offiziell Union Myanmar. So wird es von den Vereinten Nationen und von der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet. Einige Länder sind aus Protest gegen das dort herrschende Militärregime bei Birma/Burma geblieben, wie etwa die USA und Australien. stern.de hat sich entschieden, das Land Myanmar zu nennen.


Die Redaktion

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