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Salah Abdeslam: Der Attentäter, vor dem sich Brüssel fürchtet

Seit dem Wochenende ist Brüssel in Alarmbereitschaft. Salah Abdeslam, Mittäter der Anschläge in Paris, könnte nun in Belgien ein Blutbad anrichten. Wer ist der junge Mann, der häufiger in Schwulenkneipen gesehen worden sein soll?

Von Kuno Kruse und Andrea Ritter

Fahndungsbild von Salah Abdeslam

Das erste Fahndungsbild von Salah Abdeslam

Fast jeder hier um das Eck der Rue des Begines in Molenbeek kann von Salah Abdeslam erzählen, dem Mann, der mit seinen Sprengstoffreserven fast ganz Brüssel lahmlegt. Und von Ibrahim, seinem Bruder, der sich vor dem Stadion bei Paris in die Luft sprengte. Die belgischen Brüder marokkanischer Abstammung betrieben in dem zweistöckigen Haus aus alten Ziegeln ein Café.

Es gab dort Bier und Haschisch, auf Nachfrage auch Amphetamine und Anabolika zum Muskelaufbau. "Ich habe aus Salahs Mund nie irgendetwas Religiöses gehört", sagt ein alter Kumpel, der früher häufig in dem Café herumhing. Auch Ibrahim hätte sicher nicht eine Sure des Koran rezitieren können.

Auch andere Gleichaltrige versichern, sie hätten keinen der beiden Brüder jemals in irgendeiner der 22 Moscheen in Molenbeek gesehen. Vor allem Salah Abdeslam sei es immer nur um Mode und Markenkleidung gegangen. Er ist 26 und wollte einfach schick sein, nie trugen trugen sein Bruder oder er einen Dschallabija, und auch niemals einen Bart.

Abdeslams Lokal war mehr Räuberhöhle als Café

Das Lokal, das Salah und Ibrahim Abdeslam 2013 übernommen hatten, galt eher als Räuberhöhle denn als Café, in dem Passanten mal einen marokkanischen Pfefferminztee tranken. In allen Gesprächen fällt das Wort von den "Voyou", die sich dort trafen, den kleinen Gaunern. Auch Salah und Ibrahim Abdeslam hatten früher geklaut, waren in Häuser eingebrochen, sie waren Hehler und hatten auch schon mal Waffen im Angebot. Junge Gangster eben, die - nach heiligen Versprechungen sich zu bessern - mit Bewährungsstrafen oder Arbeitsauflagen davongekommen waren. Seit mehr als zehn Jahren waren sie der Polizei bekannt, allerdings nicht als Islamisten.

Ob es Abdelhamid Abaaoud war - den Salah Abdeslam seit der Kindheit kannte, und mit dem er später manches Ding gedreht hatte -, der sie so schnell zum Glauben bekehrte? Als die Brüder Abdeslam das Café eröffneten, schloss der sich in Syrien dem Islamischen Staat an.

Abdelhamid Abaaoud, der am vergangenen Mittwoch in St. Denis bei Paris erschossen wurde, gilt als Organisator der Attentate. Er sei klüger gewesen als die Brüder. Seine Eltern, die in Molenbeek eine Mode-Boutique besaßen, hatten ihn auf eine bessere Schule geschickt, in einem vornehmen Brüsseler Viertel.

Merkwürdig: Kaum jemand hätte vor den Attentaten etwas auf die beiden freundlichen Brüder kommen lassen. Nicht auf Salah, schon gar nicht auf Ibrahim, der doch einmal zwei Kinder aus dem brennenden Haus gerettet hätte. Der immer locker war und gerne einen Wodka trank. Vor Kurzem hätte er noch heiraten wollen, erzählt einer der jungen Männer, die gegenüber vor einem kleinen Laden stehen. Er sei deshalb zusammen mit seiner Mutter zu der Verlobten nach Marokko gefahren. Aber irgendwie hätte es dort nicht geklappt. Genaues wüsste er nicht. Bei genauer Nachfrage scheinen alle Angaben der Kumpel hier ohne Gewähr. Sicher wissen sie nur, dass er davor schon einmal verheiratet war.

Salah Abdeslam dagegen soll noch vor wenigen Wochen in Brüsseler Schwulen-Kneipen getrunken und gekifft haben. Das berichten Inhaber mehrerer Lokale der Online-Ausgabe des französischen Magazins "Paris Match". Auch im britischen Boulevardblatt "Sunday Times" wird ein Barkeeper zitiert, der Salah Abdeslam auf Fotos wiedererkannt hatte. Er sei dort häufiger zu Gast gewesen, und hätte auffällig geflirtet. Der Barkeeper hielt ihn für einen Stricher.

Eine Beobachtung, die sich, wenn es sich nicht um eine Verwechslung handeln sollte, nicht recht mit der religiösen Erleuchtung und dem neuen Lebenswandel des Flüchtigen in Einklang bringen ließe. Auch keiner seiner alten Bekannten hatte in den Gesprächen über Salah Abdeslam erwähnt, dass er schwul sei.

Vertreter der Brüsseler Schwulenszene alarmiert

War es wirklich Teil eines vor den anderen versteckten Lebens? Schwer vorstellbar, dass er auf diese Weise Orte der Unzucht als Anschlagsziele ausspähte. Einer der Barkeeper könnte sich vorstellen, dass er dort einfach nur die Gelegenheit genutzt haben könnte, Pässe junger Männer zu stehlen. Vertreter der Brüsseler Schwulenszene zeigen sich in den Zeitungsberichten alarmiert.

Salah Abdeslams Mutter wohnt auf dem großen Marktplatz mit dem alten Kopfsteinpflaster, dem Rathaus direkt gegenüber. Ein anderer Bruder, Mohamed Abdeslam, arbeitet bei der Stadtverwaltung. Er versichert gegenüber Journalisten, dass er von der Radikalisierung seiner Brüder völlig schockiert sei. An der Haustür hängt ein Schild, auf dem am vergangenen Montag stand: "Wir wissen nicht, wo er jetzt gerade ist." Davor haben Journalisten ihre Kameras auf Stativen aufgebaut. Besucher kommen und gehen.

Ihm sei wohl aufgefallen, so Mohamed Abdeslam, dass seine beiden Brüder in den vergangenen sechs Monaten keinen Alkohol mehr getrunken, überhaupt gesünder gelebt und auch gebetet hätten. Doch das sah er "nicht direkt als ein Zeichen für Radikalisierung." Er forderte seinen flüchtigen Bruder Salah über den öffentlich-rechtlichen belgischen Fernsehsender RTBF öffentlich auf, sich endlich zu stellen. Er klammert sich an den Gedanken, dass Salah Abdeslam, der überlegter und klüger sei als sein Bruder Ibrahim, in Paris vielleicht in letzter Minute kehrt gemacht haben könnte.

Dafür aber spricht nur der Wunsch des Bruders. Salah Abdeslam mietete das Auto an, mit dem die Mörder zum Konzerthaus Bataclan fuhren. Und den beiden Freunden, von denen er sich in der Mordnacht von Paris abholen und nach Molenbeek bringen ließ, schien er ruhig, aber zornig. Er trug eine dicke Weste, in der die Freunde Sprengstoff vermuteten. Sie nahmen an, dass die Zündvorrichtung in Paris einfach nicht funktioniert hätte. Deshalb gilt in Belgien seit dem Wochenende die erhöhte Alarmstufe. Der Flüchtige könnte sie jetzt irgendwo in der Stadt wieder scharf gemacht haben. Dreimal, so berichtete die Rechtsanwältin eines der inzwischen verhafteten Freunde, seien sie auf der Fahrt von Paris nach Brüssel von der Polizei kontrolliert worden. Jedes Mal durften sie weiterfahren. Salah Abdeslam stand noch nicht im Fahndungscomputer.

Das Café der Brüder war erst am 17. August wegen des auffälligen Drogenumschlags von der Polizei geschlossen worden. Die zweiseitige Verfügung klebt noch außen am Lokal. Danach mussten die jungen Männer, die dort ein und aus gingen, erst leise klopfen, bevor sie in das verdunkelte Lokal gelassen wurden. Den Nachbarn fielen nun erst die größeren Autos auf, die davor parkten und die jungen Männer, die hinein- und hinausschlichen. Noch gegenüber hörten sie, wenn sie an dem Haus vorbeigingen, Gebete aus dem Café. Aus dem öffentlichen aber war ein geheimer Ort geworden. "Und der Bürgermeister von Molenbeek ging dort jeden Tag vorbei", sagt eine Nachbarin. Tatsächlich wohnt der Sozialist Philippe Moureaux, bis 2012 Bürgermeister des alten Arbeiterstadtteils, nur ein paar Häuser von dem Café entfernt. 

"Unauffällig", sagt die Nachbarin, "waren sie nicht"

Es seien ungefähr 30 Leute gewesen, erzählt die Nachbarin noch ganz aufgeregt, zwischen 16 und höchstens 30 Jahre alt, die in dem Café rumgehangen hätten, in Lederjacken und Adidas-Hosen. Sie seien mit den Autos die schmale Straße entlanggejagt, in die Bremsen gestiegen, dass die Reifen quietschten. Sie hätten Fußball gespielt und mit dem Ball auf die parkenden Wagen geschossen: "Unauffällig", sagt die Nachbarin, "waren sie nicht." Noch drei Wochen vor dem Anschlag sei die Polizei gekommen. Sie meint beobachtet zu haben, dass die Polizisten jemanden mitgenommen hätten.

In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, also zwei Tage vor dem Anschlag, seien gegen drei Uhr morgens vier oder fünf Männer in ein Auto gestiegen. Später sei noch einer aus dem Haus gekommen und in ein anderes Auto gestiegen. Danach hatte sie niemanden mehr in dem Café gesehen.

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