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San Francisco Steigender Meeresspiegel: Städte der Bay Area wollen der Golden Gate einen Riegel vorschieben

Wellen in der Bucht von San Franciso mit der Golden Gate Bridge im Hintergrund
Wellen in der Bucht von San Francisco vor der Golden Gate Bridge. Die Städte der Bay Area denken darüber nach, als Schutz gegen den steigenden Meeresspiegel vor der Golden Gate eine Barriere zu errichten.
© Rolf Schulten / Picture Alliance
Die Städte entlang der Bucht von San Francisco wappnen sich gegen den steigenden Meeresspiegel. Diskutiert wird auch ein Mega-Projekt, das alle Städte auf einmal schützen könnte: eine Barriere vor der Golden Gate, der einzigen natürlichen Zufahrt zur Bay Area.

Die Szenerie ist weltbekannt. Majestätisch überspannt die Golden Gate Bridge die Einfahrt in die Bucht von San Francisco und die sich dahinter bis weit ins Landesinnere erstreckende Bay Area. Unter den Städten, die an den Küsten der Region liegen, sind neben San Francisco auch Berkeley, Oakland und San José, die größte der Bay-Area-Städte. In der Metropolregion leben und arbeiten fast fünf Millionen Menschen. Auch das Silicon Valley zieht sich entlang der San-Francisco-Bucht. All' das ist zunehmend bedroht durch den Klimawandel.

Denn laut des California Ocean Protection Council werden die durchschnittlichen Gezeiten schon bis 2070 um mehr als einen halben Meter (knapp 61 Zentimeter) höher ausfallen als bisher. Bis Ende des Jahrhunderts sei gar mit mehr als 1,20 Meter zu rechnen, so die Prognose der staatlichen Behörde – Sturmfluten seien da noch gar nicht berücksichtigt. Ohne Gegenmaßnahmen dürften die Folgen für die Bay-Area-Städte verheerend sein. Strategien für einen Rückzug aus Bereichen, die in Zukunft nahezu sicher überflutet werden, seien in Arbeit, heißt es. Hohe Fluten würden zudem die Kläranlagen entlang der Küste überfordern, ungeklärte Abwasser würden dann in die Bucht fließen. Auch die Trinkwasserversorgung sei in Gefahr – durch zunehmend instabile Schneedecken in den nahen Bergen und häufigere Dürren (wie auch derzeit) aufgrund steigender Temperaturen, und durch den zu befürchtenden Salzwassereintrag ins Sacramento-San Joaquin-Delta, einer wichtigen Trinkwasserquelle, die dadurch unbrauchbar werden könnte.

Barriere an der Golden Gate: Fluten einfach aussperren

Eine enorme Herausforderung für die Städte der wirtschaftsstarken Region. So enorm, dass der Ruf nach einer großen Lösung lauter wird: eine Barriere, die die steigenden Fluten von vornherein aus der Bay Area aussperrt. "Ich kann nicht anders als mich zu fragen, warum wir unsere Energie nicht in eine Lösung stecken statt auf Dutzende von Lösungen", zitierte der "San Francisco Chronicle" (SFC) Sam Liccardo, den Bürgermeister von San José. Liccardo äußerte sich so vor Kurzem während eines Treffens von Vertretern der Bay-Area-Städte, bei dem Maßnahmen gegen die Folgen des Klimawandels in der Metropolregion diskutiert wurden. Liccardo weiter: "Es gibt einen Ort, an dem wir alle dem Anstieg des Meeresspiegels ausgesetzt sind, und das ist am Golden Gate."

Der Plan ist so einfach und verlockend, dass er nicht totzukriegen ist. Neu ist er allerdings nicht, und zudem umstritten. Schon seit etlichen Jahren wird über einen Damm, ein Fluttor oder eine andere Barriere an der Golden Gate nachgedacht. Doch Forscher sind aus Umweltschutzgründen dagegen. Und auch Ingenieure sind angeblich skeptisch, dass es realisierbar wäre, wenngleich es Vorbilder für monumentale Fluttore gibt – beispielsweise das kilometerlange Sturmflutwehr Oosterschelde an der niederländischen Nordseeküste.

Laut Analysen "undurchführbare Lösung"

Eine ähnliche Barriere, die wohl unterhalb der Golden Gate Bridge angesiedelt werden würde, müsste Gezeitenflüsse in beide Richtungen garantieren, hätte aber auch dann tiefgreifende ökologische Folgen – für Feuchtgebiete und im der Bay Area lebende Arten, Qualität und Salzgehalt des Wassers und auch mit Blick auf Ablagerungen. Der Reiz einer einzigen Lösung sei nachvollziehbar, schrieb die Chefin der Metropolitan Transportation Commission, Therese McMillan, in einer schriftlichen Stellungnahme. Doch Untersuchungen "haben es letztendlich als undurchführbare Lösung für die Bucht von San Francisco erachtet", beschied sie und stützte sich dabei auf eine Studie aus dem Jahr 2007. Die Auswirkungen seien einfach zu negativ, um einen solchen Plan weiter zu verfolgen, so McMillan.

Doch Sam Liccardo reicht das nicht. "Ich mache mir Sorgen, dass wir nicht groß genug denken", so San Josés Bürgermeister kürzlich. "Ich wäre gern sicher, dass wir, bevor wir einen Weg einschlagen, der 19 Milliarden US-Dollar an öffentlichen Investitionen verbrauchen wird [für Maßnahmen in den einzelnen Städten, Anm. d. Red.], deren Erfolg oder Misserfolg große Auswirkungen auf die Zukunft unserer Region haben wird, das strenger untersuchen."

Schmelzendes Eis in der Arktis gilt als einer der Kipppunkte im Klimasystem.

"Es könnte machbar sein"

Liccardo ist mit seiner Beharrlichkeit nicht allein. Unterstützung kommt von Jeffrey Heller, einem Architekten und Vorstandsmitglied des Bay Area Council, einer Interessenvertretung von in der Region von San Francisco ansässigen Unternehmen. Niemand mache sich Illusion, dass eine Golden Gate Barriere ein einfaches Unterfangen wäre. "Aber es könnte machbar sein", glaubt Heller. "Es muss zumindest eine Machbarkeitsstudie geben – ist die Idee verrückt oder kann sie funktionieren?" Sei die Barriere nicht möglich, werde man gezwungen sein, überall Deiche zu bauen, während der Meeresspiegel immer weiter ansteige.

Und tatsächlich scheint die rigorose Ablehnung einer Abschottung der Bay Area auf viel tönernen Füßen zu stehen als geglaubt. Denn laut dem "San Francisco Chronicle" meldete sich nun überraschend der frühere Leiter der Bay Commission zu Wort, die 2007 jene Machbarkeitsstudie für ein Fluttor vorlegte, auf die sich viele Skeptiker stützen. Der Mann, der schon seit Jahren im Ruhestand ist, gab demnach an, dass es sich bei damaligen Untersuchungen nur um einen schnellen Überblick gehandelt habe und nicht um eine vollwertige Studie. Es müsse noch "ein bisschen mehr Arbeit" geleistet werden, ehe man sich abschließend für oder gegen eine Golden Gate Barriere entscheiden könne. San Josés Bürgermeister Liccardo wird es gerne hören.

Quellen: "San Francisco Chronicle"; California Water BoardsBaykeeper; California Ocean Protection Council , Scientific American, National Park Services - Golden Gate


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