HOME

Strom-Chaos: Kreuzfahrtriese schuld an Netzausfall?

Eine Panne im Stromnetz hat am Samstagabend bei Millionen Menschen in Westeuropa die Lichter ausgehen lassen. Mitschuld trägt offenbar die kurzzeitige Abschaltung eines Stromkabels über der Ems. Dort sollte ein Kreuzfahrtschiff der Meyer-Werft passieren.

Eine Stromabschaltung für die Durchfahrt eines Kreuzfahrtschiffes auf der Ems könnte zumindest eine der Ursachen für den Netzausfall vom Samstagabend in Westeuropa sein. Eine halbe Stunde vor dem Stromausfall sei eine Höchstspannungsleitung über der Ems nördlich von Papenburg ausgeschaltet worden, um die "Norwegian Pearl" passieren zu lassen, sagte der Sprecher der E.ON-Netz, Christian Schneller, am Sonntag in München. Die Abschaltung sei eine reine Routinemaßnahme gewesen. "Hier kann es möglicherweise einen Zusammenhang geben", sagte Schneller. Ferner habe eine Panne bei der Einspeisung von Strom aus Windkraft ins Netz nach Darstellung des nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministeriums den Stromausfall mit verursacht. Die genaue Ursache für den großflächigen Stromausfall war bis zum Sonntagabend unklar.

Die Überführung des Kreuzfahrtschiffs "Norwegian Pearl" auf der Ems wurde zunächst abgebrochen und dann komplett abgesagt, weil E.ON die Hochspannungsleitung über der Ems bei Weener wieder in Betrieb nehmen musste. "Es wäre für das Schiff zu riskant gewesen, unter einer nicht abgeschalteten Hochspannungsleitung zu fahren", sagte Werft-Sprecher Peter Hackmann.

Stromausfall in Westeuropa

"Es war zu wenig Kraftwerksleistung im Netz", erklärte ein Sprecher von RWE Rhein Ruhr die Panne, die sich wie eine Kettenreaktion über ganz Europa ausbreitete. Da die Versorgung über ein Verbundnetz laufe, habe sich der Ausfall auf weitere Netze übertragen. Kurz nach 22 Uhr gingen in Teilen des Kontinents die Lichter aus. In Deutschland saßen weit über eine Million Menschen in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen im Dunkeln. In Frankreich hatten fünf Millionen Bürger nach Medienberichten keinen Strom. Der Energieausfall dauerte meist nicht länger als eine Stunde, legte aber in Deutschland und Belgien den Zugverkehr streckenweise lahm.

Hundert Züge standen still

Von dem Stromausfall waren laut der Bahn bundesweit mehr als 100 Züge mit mehr als 1000 Fahrgästen betroffen. Die größten Probleme habe es in der Region Berlin-Brandenburg sowie in Hessen und Nordrhein-Westfalen gegeben. "Die Auswirkungen waren aber in ganz Deutschland deutlich zu spüren", sagte Bahn-Sprecher Achim Strauß in Berlin. In den betroffenen Nahverkehrszügen mussten die Fahrgäste etwa 30 Minuten Verspätung in Kauf nehmen, bei einigen Fernverkehrszügen waren es sogar bis zu zwei Stunden. "Wir hatten Glück im Unglück, weil der Samstagabend bei der Bahn der verkehrsschwächste Tag der Woche ist", sagte Strauß.

Der Stromausfall führte im europäischen Ausland zu einer Kettenreaktion. In Frankreich war es nach Angaben der für die Energiebranche zuständigen Gewerkschaft CGT der größte Stromausfall seit 30 Jahren. Nach Informationen der ARD waren dort fünf Millionen Menschen ohne Strom. Das Innenministerium in Paris teilte mit, es seien vor allem der Osten aber auch Teile von Paris von den Ausfällen betroffen gewesen. In Belgien waren nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Belga Gemeinden in Wallonien fast zwei Stunden ohne Strom. Italiens Ministerpräsident Romano Prodi sagte, der Stromausfall zeige, wie nötig eine europäische Energiepolitik und -behörde sei.

DPA/AP / AP / DPA