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Nach Ausbruch des Stromboli: In Süditalien liegt das "gefährlichste Vulkangebiet der Welt"

Aschewolken, Feuerregen, Lavaströme – der Ausbruch des Stromboli hat gezeigt: Die Menschen in Süditalien leben vielerorts auf einem Pulverfass, mehrere Vulkane können jederzeit ausbrechen. Sollte es soweit kommen, droht eine "globale Katastrophe".

dpa

Es war strahlend schön und gleißend hell an diesem Mittwoch. Ein sizilianischer Wanderer nutzte das gute Wetter, um mit einem Bergführer zum Rand des Vulkans Stromboli hochzusteigen. Womit keiner rechnete: Der Vulkan brach plötzlich aus, Asche und Gesteinsbrocken regneten auf die gleichnamige Insel herab. Der Wanderer wurde getroffen und starb, der Bergführer überlebte.

Das Unglück zeigt die massive Gewalt, die unter den Füßen der Menschen auf Stromboli schlummert. Die Insel rund 100 Kilometer nördlich der sizilianischen Küste besteht fast nur aus dem Vulkan, der kegelförmig vom Meer rund 900 Meter in den Himmel steigt. Lediglich an zwei Orten haben sich Menschen angesiedelt – im Hauptort der Insel, der ebenfalls Stromboli heißt, und auf der gegenüberliegenden Seite in Ginostra. Wenige hundert Menschen leben ganzjährig auf Stromboli. Ab Mai, wenn die Touristen kommen, steigt die Einwohnerzahl auf mehrere Tausend an. Sie reisen aus aller Welt an, um die pechschwarzen Lavastrände anzuschauen, an der Promenade ein Eis zu essen und sich dabei ein bisschen vor dem Vulkan im Hintergrund zu gruseln.

Zwei Kilometer hoch schleuderte der Stromboli Asche, Gestein und Rauch in die Luft

Zwei Kilometer hoch schleuderte der Stromboli Asche, Gestein und Rauch in die Luft

DPA

Geophysikerin: "Stromboli ist spektakulär"

Mitten in diesen Urlaubsrummel krachten am Mittwochnachmittag zwei laute Explosionen; wie Kanonendonner hallten sie vom Berg herab. Eine zwei Kilometer lange Aschesäule stieg in den Himmel, bevor Rauch die Insel und das Meer verdunkelte. Glühende Lavabrocken fielen wie Feuerregen zu Boden, erzählten Augenzeugen. Medien berichteten, dass Menschen aus Angst ins Meer gesprungen seien. "Der Ausbruch war in etwa so stark wie 2002 und 1930", sagt Eleonora Rivalta, Geophysikerin am Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam, zum stern.

Die beiden Explosionen gelten als die stärksten in der jüngeren Geschichte des Stromboli. Beide Male wälzten sich große Massen Lava die Hänge hinab, setzten Büsche und Bäume in Brand. Rauch und Asche verdunkelten den Himmel. Große Gesteinsbrocken brachen vom Vulkankegel ab, stürzten ins Meer und lösten Tsunamis aus. Diese waren mehrere Meter hoch und trafen unter anderem die benachbarten Inseln. 

2002 seien glücklicherweise keine Menschen ums Leben gekommen, 1930 schon, berichtet die Expertin. 

Unmittelbar angedeutet habe sich der Ausbruch dieses Mal nicht, so Rivalta. Zwar sei der Vulkan schon einige Wochen "unruhig" gewesen, aber solche Phasen seien zwischendurch durchaus normal. "Der Stromboli ist ein aktiver Vulkan", erklärt Rivalta, "er ist also ständig in Bewegung." Das sei auch der Grund, warum so viele Touristen auf die Insel kommen: "Stromboli ist spektakulär, es gibt immer etwas zu sehen."

Viel Rauch am Vulkan deutet auf Vulkanausbruch hin.

Gestein rutscht über "Feuerrutsche" ins Meer

Mit "etwas" sind Asche, Gestein, Rauch und Gaswolken gemeint. Sie werden regelmäßig aus dem Krater ausgestoßen, "etwa alle sechs bis acht Minuten tut sich da was", sagt Rivalta. Deshalb dürfen sich Touristen nur in Begleitung erfahrener Bergführer zum Gipfel aufmachen. "Die meisten wollen ja schon einmal reinschauen in die Caldera". Unter normalen Umständen sei das auch kein Problem, weil das ausgespuckte Gestein über die "Sciara del Fuoco" ("Feuerrutsche") an der Norwestseite des Vulkans ins Meer rutsche. Und immer, wenn der Stromboli wieder etwas aktiver werde, verkürzten die Touranbieter die Zeit, die Gruppen direkt am Kraterrand verbringen dürfen, erklärt Rivalta. 

Der Ausbruch vom Mittwoch sei jedoch "ganz plötzlich" geschehen, so die Geophysikerin. Glücklicherweise sei gerade keine Gruppe direkt am Krater gewesen. Der getötete Wanderer habe sich zusammen mit dem Bergführer auf einer ausgewiesenen Route aufgehalten, als die Gesteinsbrocken ihn getroffen und erschlagen hätten. 

Die Campi Flegrei sind ein "Supervulkan"

Stromboli ist nur einer von mehreren Vulkanen in Süditalien. Viele von ihnen sind hochgefährlich, darunter zum Beispiel die sogenannten Campi Flegrei, die Phlegräischen ("brennenden") Felder. Sie liegen etwa 280 Kilometer nördlich von Stromboli, in der Nähe von Neapel, und sind das oberirdische Überbleibsel eines riesigen, weitgehend unterirdisch liegenden Vulkans. Das etwa 150 Quadratkilometer große Gebiet gilt als "Supervulkan", weil darunter eine riesige Magma-Kammer liegt. "Vom Volumen her ist die etwa 50 bis 100 Mal so groß wie damals in Pompeji", erklärt Rivalta. Sollten sie ausbrechen, drohe eine "globale Katastrophe". 

Was macht die Campi Flegrei so gefährlich? Einmal die riesige Menge an Magma, erklärt Rivalta. Zum anderen sei das Gebiet extrem aktiv. "Die Erde atmet dort", so die Expertin. Immer wieder steige Magma auf, bahne sich seinen Weg nach oben und bilde dabei große Gasblasen, die den Boden anheben. Sobald der Boden aufgebrochen und das Gas entwichen sei, sinke die Erde wieder ab, erklärt die Geophysikerin.

Seit 2012 beobachten die Forscher dort "immer mehr Aktivität", sagt Rivalta. "Das muss nichts heißen", aber der letzte Ausbruch sei in der Tat schon länger her, 1538 war das. Acht Tage lang spuckte der Vulkan Asche, Lava und Gestein. Seitdem gab es keine größere Eruption mehr, "daher kann keiner sagen, wie das aussieht, wenn die Campi Flegrei ausbrechen". Unklar sei auch, wie heftig die Explosion sein werde. Sicher ist nur, dass er ausbricht. "Man muss damit rechnen: Es kann jederzeit passieren." 

Hinzu kommt: In der unmittelbaren Umgebung liegt mit Neapel eine Stadt mit knapp einer Millionen Einwohner. Im Großraum Neapel leben noch einmal doppelt so vielen Menschen. Das Gebiet ist extrem dicht besiedelt, weil auf den fruchtbaren Böden viel wächst. Auch der Tourismus spielt in der Region eine große Rolle. 

Die Kombination aus "Möglichkeit eines Ausbruchs" und "viele Menschen" mache die Campi Flegrei zum "gefährlichsten Vulkangebiet der Welt", sagt Rivalta.

Vesuv: Warum der "schlafende Vulkan" so gefährlich ist

Rund 30 Kilometer östlich davon liegt der Vesuv. Auch er gilt als gefährlich – und ein Ausbruch sogar als wahrscheinlicher als bei den Campi Flegrei. Der Grund: Der Vesuv ist ebenfalls ein aktiver Vulkan, allerdings "schläft" er seit mehreren Jahrzehnten. 1944 war der letzte Ausbruch, mitten im Krieg. Seitdem staut sich die Energie unter dem Vulkan an – entweicht jedoch nicht. 

Die Magma-Kammer unter dem Vesuv ist zwar kleiner als bei den Phlegräischen Feldern, was einen Ausbruch womöglich weniger katastrophal machen würde. Allerdings besteht auch hier die Problematik mit der dichten Besiedelung. Und: mehrere Forscher behaupten, die beiden Magma-Kammern hängen unterirdisch zusammen, was im schlimmsten Fall zu einer Verstärkung des Ausbruchs führen könnte.

Beim letzten riesigen Ausbruch des Vesuv kamen tausende Menschen ums Leben. Die Folgen sind heute immer noch erlebbar, beim Besuch der damals verschütteten Stadt Pompeji am Fuße des Vulkans.

Das sind die Folgen eines Vulkanausbruchs

Kommt es zu einer größeren Eruption in Süditalien, drohen mehrere Gefahren, erklärt Rivalta. Zum einen Feuer, das durch die Lavaströme verursacht wird. Zum anderen Gesteinsbrocken, die vom Himmel fallen und Tsunamiwellen, die durch Felsabbrüche entstehen können. Asche und Rauch verdunkeln den Himmel und legen sich auf Gebäude, Pflanzen und Tiere. Diese unmittelbaren Folgen betreffen bei einem Ausbruch wohl – je nach Heftigkeit – mehrere hundert Kilometer rund um den Vulkan. Hier ist mit zahlreichen Todesopfern zu rechnen.

Darüber hinaus ist eine Eruption aber auch für den Rest Europas gefährlich, was vor allem an den Gasen liegt, die bei einem Ausbruch in die Atmosphäre geraten: Sie können durch den Wind weit getragen werden und überall in Europa für Vergiftungen sorgen, erklärt Rivalta. 

Italienische Vulkane werden gut überwacht

Wann es soweit sei, könne zwar niemand ganz genau vorhersagen, sagt Rivalta. Aber die Vulkane in Italien seien alle sehr gut überwacht. Deshalb hoffen die Forscher, dass sie auch erste Anzeichen eines größeren, drohenden Ausbruchs rechtzeitig erkennen.

Daher sei es derzeit auch kein Problem, weiter in Italien Urlaub zu machen. Vorher sollte man sich aber gut informieren, wenn man in eins der vulkanischen Gebiete reist, empfiehlt Rivalta. Und natürlich vor Ort die Lage beobachten und auf die Behörden hören.

DPA / AFP