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Ursachen für Einsturz: Die Wunde von Köln

Der Zusammenbruch des Historischen Archivs, bei dem vermutlich zwei junge Männer starben, traf das Herz der Stadt - und die Seele der Bewohner. Der U-Bahn-Bau soll schuld gewesen sein, das Prestigeobjekt des Kölner Klüngels.

Von Ulrike Posche

Niemand hatte auf den Ikarus geachtet. Auf die bronzene Figur jenes mythischen Knaben, der zu hoch geflogen war. Es war ein Menetekel, das da an der Stirnseite des Gymnasiums hing, genau vis-à-vis der U-Bahn-Baustelle. Eine Mahnung vielleicht: Fordert das Schicksal nicht heraus, ihr werdet fallen!

Aber die hatten einfach weitergebuddelt. Im Auftrag der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) hatten die Tiefbauer gebohrt und abgeteuft, Schlitzwände gesetzt und Bentonit gegossen. Am 3. März dann brach schließlich, worauf Ikarus rund 40 Jahre geblickt hatte, von einer Sekunde zur nächsten zusammen. Ein halber Straßenzug mit Wohnhäusern und dem Berühmten Historischen Stadtarchiv zerfiel zu Schutt und Staub, als nach einem unterirdischen Wassereinbruch vermutlich der Boden wegrutschte wie Sand in einer Stundenuhr. Zwei junge Männer riss der Trümmerregen aus ihren Wohnungen mit sich. Kostbare Dokumente, jahrhundertelang aufbewahrte Pergamente, "das Gedächtnis" der Stadt war nun unter Bruchstein vergraben.
Die Kölner Stadtoberen hatten das Schicksal offenbar zu sehr herausgefordert.

Kevin K. ist müde an diesem Dienstagvormittag. Der Siebzehnjährige macht eine Lehre in der Bäckerei Zimmermann. Er arbeitet seit fünfeinhalb Stunden im Keller der Backstube. Um halb neun hat er Feierabend und geht nach Hause in die Severinstraße 230, sechster Stock. Im Dachgeschoss liegt Kevins erste eigene Wohnung. Seit Oktober 2008 teilen sich Jugendamt und Bäckerei seine Miete. Türkisfarbene Fliesen im Bad, ein Schlafzimmer, alles winzig. Am Rosenmontag lädt er dorthin trotzdem ein paar Freunde ein. Sie leeren ein "Pittermännchen", ein kleines Fass Kölsch, denn durch die Severinstraße geht der "Zoch", weshalb die Wohnlage besonders bei jungen Leuten heiß begehrt ist.

Kevins zu kurzes Leben

An diesem Dienstagvormittag, um 10.57 Uhr, ruft Kevin zum letzten Mal seinen Freund Eddi vom Handy aus an: "Ich leg mich hin, lass uns später treffen." Die beiden verabreden sich für den Nachmittag. Er geht ins Bett. Um 13.58 Uhr stürzt das Haus ein. Und mit ihm der schlafende Bäckerlehrling.

Kevins Mutter stirbt an Krebs, als er gerade in der Pubertät ist. Sein Vater arbeitet bei der Post, geht um drei Uhr morgens aus dem Haus und ist mittags zurück. Kevin fliegt von der Hauptschule, kommt ins Jugendheim St. Gereon in Kalk. Manchmal knallt es zwischen ihm und seinem Vater. Kevin sperrt sich dann im Zimmer ein und wartet, bis Polizei und Jugendbetreuer kommen. Er trinkt, nimmt Drogen, prügelt sich. Manchmal fährt er zu seinen Großeltern nach Hessen auf den Bauernhof.

Im März 2008 beginnt er mit einem Praktikum beim Traditionsbäcker Zimmermann in der Kölner Altstadt. "Als er ankam, hatte er einen richtigen Nackenspoiler, so eine Vokuhila-Frisur", sagt Markus Zimmermann. Später trägt er die Haare kurz, mit blonden Strähnen und viel Gel. "Der hat von Anfang an richtig angepackt", sagt sein Chef, "Kevin wusste, dies ist die letzte Chance, um noch was aus seinem Leben zu machen." Im August 2008 stellt Zimmermann den Jungen als Lehrling ein. Kevin backt nun Blech- und Marmorkuchen und steht auf, wenn seine Freunde schlafen gehen.

Sein Handy ist nach dem Einsturz noch lange auf Empfang. Fassungslose Freunde sprechen auf die Mailbox. "Aber irgendwann war die voll", sagt einer. Kurz nach dem Unglück orten Polizisten das Handy im Trümmerberg. Erst fünf Tage nach dem Unglück kann Kevins Leiche geborgen werden.

Flucht in letzter Sekunde

Adem Karakaya, 39, hat vor fünf Jahren in der Severinstraße 212 eine Pizzeria gekauft. Es ist eine Filiale der "Hallo Pizza!"-Kette. Der Laden läuft gut, denn schräg gegenüber liegt das Friedrich-Wilhelm- Gymnasium. Mit dem Pausenklingeln und bei Schulschluss klingelt automatisch auch bei ihm die Kasse. Margherita, Pizzabrötchen, Kräuterbaguette - 200 Schüler knubbeln sich jeden Mittag um halb zwei vor seinem Laden. Dann kommen die Busse, und um zehn vor zwei ist der Bürgersteig wieder leergefegt.

Genauso ist es auch an jenem 3. März, als Karakaya seine Tochter Pinar nahm und beim Bäcker nebenan Kaffee für sich und seine Mitarbeiter holen wollte. Pinar hört ein Geräusch und schreit, da sieht er schon die Staubwolke auf sich zukommen und rennt mit ihr um sein Leben. Als er an der ersten sicheren Straßenecke ankommt, hat er noch die vollen Kaffeebecher in der Hand. Viele haben sich dort versammelt. Karakaya drückt seiner Frau den Kaffee in die Hand und rennt zurück, um nach den Kollegen aus der Bäckerei zu sehen. Aber die Bäckerei steht nicht mehr. Das Haus ist einfach weg. Die Angestellten haben sich retten können und sitzen gegenüber auf dem Bürgersteig, weinend, zitternd wie all die anderen, die in letzter Sekunde aus dem Archiv geflohen sind, aus der Schule oder sich aus ihren Wohnungen haben retten können. Acht Bauarbeiter, die gerade noch in der Grube zugange waren, und der Hausmeister des Archivs haben im letzten Moment gewarnt. "Was ist hier los?", schreit Karakaya fassungslos, "was zum Teufel ist hier los?"

Die Stadt Köln hat den Zweiten Weltkrieg überstanden mit Zerstörung und Bombenhagel. Sie hat Invasionen hingenommen und Hochwasser, Römer und Franzosen. Sie hat den Unwägbarkeiten des Lebens immer getrotzt - mit Dom, Kölsch und Karneval. Doch nun ist ihrem unerschütterlichen Glauben an das gute Ende zum ersten Mal für wenige Tage das Fundament entzogen. Was in anderen Städten schlimmstenfalls der Terrorismus anrichtet, erledigten in Köln die KVB mit ihrem U-Bahn-Bau. Einige Geschäftsleute stellen sofort Kerzen und Fotos der verschütteten Nachbarn in ihre Schaufenster. Adem Karakaya läuft unruhig durch die Straße. Er weiß nicht, wann er seine Pizzeria wieder öffnen darf. "Wir haben Angst!", zitiert die Boulevardzeitung "Express" in ihrer Schlagzeile die Anwohner.

Folgenschwerer Entschluss

Noch eine Woche zuvor standen an der Stelle, die nun Grab und Trümmerfeld zugleich ist, die Tribünen der Karnevalsgesellschaften. 99 Euro kostete ein Platz, Schnittchen und Bier inklusive. 12.000 Kostümierte ritten, schritten und fuhren hier vorbei. Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, Fußballtrainer Christoph Daum und Bestsellerautor Frank Schätzing grüßten von den Prunkwagen. Paradies und Tod haben in Köln schon immer nah beieinandergelegen.

Nur so ist zu erklären, warum die Bewohner der viertgrößten Stadt Deutschlands es hinnahmen, dass ihnen die Stadt eine U-Bahn verordnete. Eine U-Bahn, die unter der von Römern erbauten Severinstraße entlanglaufen würde. Durch Sandbänke und antike Gräber, durch einen der größten römischen Friedhöfe außerhalb des antiken Roms. Mehr als 450 Gräber wurden von Archäologen bisher freigelegt. Veteranen wollten hier vor 2000 Jahren mit glanzvollen Grabinschriften ihren Ruhm auch für die Nachwelt erhalten.

Hier ausgerechnet wollten nun die derzeitigen Stadtveteranen ihrerseits für Nachruhm sorgen. Und hatten sie nicht selbst in Athen, Rom und Kairo eine U-Bahn hingekriegt? Norbert Burger, bis 1999 SPD-Bürgermeister der Stadt, war nicht mehr im Amt, als der Entschluss fiel zu bauen. Aber: "Hätten sie mir damals gesagt, es ist schwierig, aber es geht, - ich hätte genauso entschieden wie meine Nachfolger." Die Stadt war ein Stau- und Einbahnstraßenchaos. Das musste geändert werden.

Die Bauplanung

Es hieß, man benötige künftig nur sechs Minuten vom Hauptbahnhof in den Süden der Stadt - acht Minuten weniger als mit dem Bus. Planungsbüros errechneten, wie sehr sich der innerstädtische Verkehr durch die neue "Nord-Süd-Bahn" reduzieren ließe, wie die Anbindung den Gewerbetreibenden zugute käme; wie dann täglich 124.000 Personen statt bisher 14.000 auf der rund vier Kilometer langen Strecke pendelten, ausstiegen, einkauften. Sachverständige zogen nun durch die Severinstraße, die an ihrer schmalsten Stelle 8,60 Meter breit ist. Sie vermaßen Häuser, die aus Trümmerziegeln des Zweiten Weltkriegs erbaut waren oder lange davor; setzten Gipsmarken, verfassten Beweissicherungs-Feststellungsprotokolle.

Als drei Schildvortriebsmaschinen eintreffen, um die Tunnelröhren zu bohren, lässt eine PR-Agentur nach Namen suchen. Ein passender Karnevalsschlager der Band De Höhner findet sich schnell: "Dicke Mädchen haben schöne Namen, heißen Tosca, Rosa oder Carmen." So heißen dann auch die Riesenbohrer. Bei feierlichen "Brotzeiten" übernehmen die Gattinnen des Oberbürgermeisters und des Ministerpräsidenten die Patenschaften für die Tunnel.

Bis dahin ist die Severinstraße vor allem eines - gemütlich. Studenten wohnen hier für neun Euro pro Quadratmeter, und echt kölsche Witwen, die zum "Verzäll" nicht die Straßenseite wechseln. Sie rufen sich einfach zu, was sie an Neuem gehört haben. Beim "Schmitze Lang", einer der vielen alten Kneipen, traf sich früher die "Emma"-Redaktion und treffen sich heute der Trude-Herr-Fanclub und die "Cologne Falcons". Im "Cölner Hofbräu Früh em Veedel" kostet der Flönzsalat mit Bratkartoffeln 7,30. Und das ist schon teuer für die Studenten - und für die Blutwurst. Die Welt im "Vringsveedel" ist in Ordnung - bis 2004.

Frühe Warnungen werden überhört

Als erste Anlieger Alarm melden, weil sie Setzrisse in ihren Kellern feststellen, beruhigen die KVB noch über ihre Gutachter. Vier Millimeter - das sei normal. Ein Kölner Bauunternehmer, der nicht namentlich genannt werden möchte, sagt heute zum stern: "Die KVB hat alle Leute, die auf Risse und Risiken aufmerksam gemacht haben, wie Idioten behandelt." Den Hauseigentümern bietet Bauherr KVB für die "Inanspruchnahme des Grundstücks" kleine Entschädigungen. Andernfalls: Prozess am Hals. Und Enteignung.

Risse? "Der Laie weiß ja nicht, welche Bedeutung ein Riss hat", sagt KVB-Sprecher Joachim Berger dem stern. Er habe in seiner Doppelhaushälfte auch mal Risse gehabt. "Da muss man dann eben statt Raufaser eine Glasfasertapete kleben. Die geht mit." Es gebe immer ein Restrisiko, erklärt Berger nach dem Unglück. Man könne sich nicht vor allen theoretischen Gefahren schützen. "In der Eifel ist auch mal der Laacher Vulkan ausgebrochen, und trotzdem bauen die Menschen dort Häuser."

Im September 2004 kippt dann der erste Kirchturm. Gerade noch kann er gehalten und stabilisiert werden. In der romanischen Kirche Sankt Maria im Kapitol bricht die hölzerne Kassettendecke, im Rathausturm rutscht der Boden des Standesamtes ab.

"Hier wurde fahrlässig geplant und immer wieder verharmlost", klagt Konrad Adenauer, 64, ältester Enkel des ersten Kanzlers. Der Notar ist Vorsitzender des Kölnischen Geschichtsvereins, Schatzmeister der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde und Unterstützer des Archivs an der Severinstraße. Viele Unterlagen seines Großvaters waren dort verwahrt, allein 70 Regalmeter Akten und Korrespondenz aus seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister. Es habe im Verlauf der Bauarbeiten immer wieder Beschwerden und Beeinträchtigungen gegeben, berichtet Adenauer dem stern. Einmal seien sogar Risse im 5000 Liter fassenden CO2-Gastank im Keller des Archivs festgestellt worden. Das Kohlendioxyd hätte bei einem Feuer den Brand ersticken sollen. "Ich kann nicht verstehen, dass man nicht spätestens damals misstrauisch geworden ist."

Viele Mieter zogen vorher weg

Ja, wie denn? Der Bau tief unter der Straße war doch bereits in vollem Gange! Die Kosten steuerten auf die Milliarde zu. Gut 300 Millionen mehr als veranschlagt. Da war Misstrauen das falsche Gefühl.

Nach dem Schrecken mit dem schiefen Kirchturm zogen jedenfalls die ersten Mieter weg. Der Lärm, der Staub - nicht auszuhalten. Diejenigen, die blieben, minderten die Miete. Karakaya zahlte nun für seine Pizzeria 1179 statt 1400 Euro. Gemüsehändler und Handwerksbetriebe gaben auf. Dafür kamen unempfindlichere Spielhallen und Resterampen. Billigfriseure boten für zehn Euro den "Cut to go" an, und dort, wo früher ein Elektroladen war, bot nun die "Butique Sur-preis" Anzüge für die Beschneidungsfeier. Eines Tages, so trösteten sich diejenigen, die blieben, würde hier eine blühende Einkaufslandschaft entstehen. Alles werde gut.

Auch CDU-Oberbürgermeister Fritz Schramma, 61, glaubte fest daran. Als er sich neulich nach Österreich verabschiedete, sagte er seinen Leuten: "Wenn ich im Urlaub bin, dann ruft mich nicht wegen jeder Kleinigkeit an. Nur dann, wenn der Dom wackelt." Als sich am vergangenen Dienstag um 13.58 Uhr der Boden auftat und einen halben Straßenzug mit Menschen, Wohnhäusern und dem weltberühmten Historischen Archiv verschluckte, klingelte bei Schramma das Telefon. Seither wirkt der Stadtobere, als sei auch ihm sein unerschütterliches Fundament weggebrochen. Hilflos fordert er einmal den Stopp des gesamten Baus und anderntags das genaue Gegenteil. KVB-Vertreter sprechen nun von "Kommunikations-Spagat" und "Anwohner-Management". Seit Sonntag sprechen sie gar nicht mehr, "mit Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen". Es geht jetzt vor allem um die Schuldfrage. Und die klären TÜV und Staatsanwalt.

"Wiederkehr des Paradieses"

Inzwischen sind die Leichen geborgen. Der kostbare Archivschutt wird peu à peu in eine Halle btransportiert. Mindestens 6000 Container fülle der Trümmerberg, so haben Experten errechnet. Vor Tagen haben Bauarbeiter den bronzenen Ikarus von der Fassade des Gymnasiums abmontiert. Es gibt für ihn nichts mehr zu sehen. Das Leben geht weiter. In den Läden hängen die ersten roten T-Shirts für Lukas-Podolski-Fans im Schaufenster - "De Prinz kütt". Im Sommer kommt der Stürmer, den sie "Prinz Poldi" nennen, aus dem Münchner Exil zurück zum 1. FC Köln.

"Der Kölner weiß um die Vergänglichkeit der menschlichen Glücksbemühungen", schreibt der Psychologe Stephan Grünewald in seiner Analyse "Köln auf der Couch". Tod, Verlust und Unwiederbringlichkeit gehören hier zur Daseinserfahrung. Doch wie in keiner anderen Stadt glauben die Söhne und Töchter der Colonia Claudia Ara Agrippinensium fest "an die Wiederkehr des Paradieses". Das ist traurig und kölsch zugleich.

Schon deshalb wird der Rosenmontagszug wieder durch die Severinstraße ziehen. Und dort, wo Kevin K. in den Tod stürzte, werden dann Kamelle fliegen.

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