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Winnemuth-Kolumne Schluss damit!


Die Ehe, der Job, der Urlaub – die Idee war ja gut. Doch wenn die Liebe vergeht, der Spaß verfliegt, nur Regen fällt, muss man eines können, meint unsere Kolumnistin: aufhören.
Von Meike Winnemuth

Es war mal eine gute Idee. Oder schien eine gute Idee zu sein. Irgendwann stellt sich heraus: nö. Doch nicht. Oder nicht mehr. Der gesunde Menschenverstand würde jetzt sagen: Dann hören wir einfach auf damit, dann lassen wir es ab sofort mit der inzwischen schlechten Idee bleiben.

Das "Es" kann alles Mögliche sein. Beziehungen, die ihre Sollbruchstelle erreicht haben. Die Sommerzeit, die sich schon knapp nach der Einführung als ökonomischer, energiepolitischer, medizinischer und auch sonstiger Schwachsinn entpuppt hat. Das Betreuungsgeld. Die Relegation in der Bundesliga. Ein- und Zwei-Cent-Münzen, deren Kosten für Herstellung, Lagerung und Transport ihren Nennwert übersteigen. Staatliche Förderung für ein Projekt zur "Langzeitstabilisierung von Bier in Bezug auf Geschmack und Klarheit".

Man könnte aufstehen, gehen, es einfach lassen

Oder, eine Nummer kleiner: der Kinofilm, in dem man sitzt und den man hasst, von Minute zu Minute mehr. Das Essen, das nicht schmeckt. Der Urlaub, der vergurkt ist. Man könnte aufstehen, man könnte gehen, man könnte es verdammt noch mal einfach lassen. Alles spricht dafür. Aber man zieht es mit zusammengebissenen Zähnen durch. Denn schließlich hat man dafür bezahlt, und vielleicht wird’s ja magischerweise doch noch gut, das Essen, der Film, das Wetter, die Liebe. Es.

Psychologen sprechen in solchen Fällen von der "sunk cost fallacy": der Tendenz, die in der Vergangenheit investierten Kosten und Mühen (und Gefühle) als Begründung für das Weitermachen zu benutzen, wie unsinnig auch immer das sei. Je tiefer eine Aktie sackt, desto verbissener wird an ihr festgehalten – alles, um sich den Verlust nicht einzugestehen, den Irrtum nicht zuzugeben. Doch der Irrtum besteht nicht in der einstigen Entscheidung, sondern im störrischen Weitermachen des eigentlich als sinnlos Erkannten.

Auf der großen Bühne führt derartig irrationaler Trotz zu weltpolitischen Katastrophen wie dem Vietnamkrieg oder finanziellen Desastern wie der Concorde, deren Flüge trotz gigantischer Verluste erst nach einem Absturz eingestellt wurden. Im Privaten führt er zu freudlosen Ehen und inneren Kündigungen im Job –lieber das bekannte Unglück als das unbekannte Glück. Sinnlosigkeit hat ein unglaubliches Beharrungsvermögen, das ist wie Giersch, praktisch unausrottbar. Auch wenn viele Unternehmen inzwischen Preise dafür ausloben, wenn Mitarbeiter Vorschläge für das Bleibenlassen von Sinnlosem machen – unnötige Sitzungen, unnötige Berichte, unnötige Arbeitsgänge –, umgesetzt werden die Ergebnisse selten.

Umso schöner, wenn sich die Kultur des Bleibenlassens, des Not-to-do, doch hier und da durchsetzt. Beim Elektroauto-Hersteller Tesla wird erwartet, dass man sofort ein Meeting verlässt, wenn man merkt, dass man nichts beizutragen hat und es folglich Zeitverschwendung ist. Die Händler im nordrhein-westfälischen Kleve machen es seit Februar den niederländischen Nachbarn nach und haben bei Barzahlung die Ein- und Zwei-Cent-Münzen abgeschafft, der Kaufpreis wird auf- oder abgerundet – ohne dass es zu den befürchteten Preissteigerungen gekommen ist.

Bleibenlassen ist nicht dasselbe wie Scheitern

Vielleicht machen wir uns das Bleibenlassen ja auch nur deshalb so schwer, weil es sofort mit dem Buhwort Scheitern belegt wird. Doch in den allermeisten Fällen war die Idee ja wirklich mal gut, die Beziehung mal glücklich, das Meeting sinnvoll, der Job befriedigend. Nichts, was 20 Jahre gut war und zwei Jahre schlecht, verdient, gescheitert genannt zu werden. Es war mal eine gute Idee, jetzt nicht mehr, also hören wir auf damit. Und hören auch auf damit, uns dafür zu schämen.


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