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Artenvielfalt Kollaps der Biodiversität: Das Massensterben beginnt

Kahle Bäume im Wald
Droht uns der totale Kollaps des Ökosystems?
© Getty Images
Schon jetzt sieht der Bericht des Weltbiodiversitätsrats dramatisch aus: 130 Tier- und Pflanzenarten sterben am Tag aus. In den nächsten Jahrzehnten könnte eine Million Arten aussterben. Wir haben mit Konstantin Kreiser, Leiter für globale & EU-Naturschutzpolitik des Nabu, über den Kollaps der Biodiversität gesprochen. 

Der Mensch rottet am Tag rund 139 Tier- und Pflanzenarten aus. An 365 Tagen im Jahr. Der Kollaps der Artenvielfalt und Biodiversität droht. Und das nicht erst in ferner Zukunft. Es ist noch möglich, das Ruder umzureißen, so Konstantin Kreiser Leiter für globale & EU-Naturschutzpolitik des NABU. Dafür müssen die Ausbeutung der Natur und der fortschreitende Klimawandel jetzt gestoppt werden. Denn nur, wenn wir unsere Arten erhalten und die Biodiversität schützen, haben wir eine Chance unser Ökosystem zu retten.

Konstantin Kreiser, Leiter für globale & EU-Naturschutzpolitik des NABU
Konstantin Kreiser, Leiter für globale & EU-Naturschutzpolitik des NABU
© NABU

Herr Kreiser, befinden wir uns bereits in einem Massensterben?

Es gab in der Erdgeschichte immer wieder Phasen des Massenaussterbens von Tieren und Pflanzen, bei dem in relativ kurzer Zeit ein großer Teil der Arten verschwand, mit dramatischen ökologischen Folgen. Aktuell befinden wir uns im sogenannten sechsten Massensterben der jüngeren Erdgeschichte. Man schätzt, dass derzeit 100 bis 1.000 Mal so viele Arten aussterben wie es „normal“ wäre. Das besondere an diesem Massensterben: Es wird durch eine einzige Art verursacht – den Menschen.

Wie schätzen Sie den aktuellen Status Quo der Artenvielfalt und Biodiversität ein?

Von den Mikroben im Boden, über Insekten auf den Feldern bis hin zu Weltmeeren und Regenwald, überall sinkt die Biodiversität. Unser Wohlstand, unsere Ernährung und unsere Gesundheit hängen von dieser Vielfalt und ihrem komplexen Zusammenspiel ab. Eine gesunde Natur liefert uns Nahrung, Klimaschutz und Medizin. Trockengelegte Moore und brennende Wälder stoßen dagegen Treibhausgase aus und schützen uns nicht mehr vor Hochwasser.

Ist es fünf vor zwölf für die Biodiversität?

Für etliche Arten ist es schon zu spät, das Aussterben lässt sich nicht rückgängig machen. Viele weitere werden wir wohl noch verlieren. Doch die meisten Fachleute sind sich einig – es ist noch möglich, die  Kurve zu kriegen, die Biodiversität soweit es geht wiederherzustellen und unsere Ökosysteme zu stabilisieren.  Das Zeitfenster hierfür schließt sich jedoch.

Wie sieht das Szenario aus, wenn die Biodiversität immer weiter in die Krise gerät? Droht uns ein Ende wie bei den Dinosauriern?

Die Biodiversität ist wie ein Netz, das uns trägt. Wir wissen nicht genau, wann und wo das Verschwinden einzelner Arten und Lebensräume zu größeren Löchern oder gar zum Kollaps des Systems führen wird. Klar ist jedoch: die planetaren Grenzen sind überschritten, das System gerät ins Kippen.

Wie könnten sinnvolle Maßnahmen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene aussehen?

Die Politik muss in allen relevanten Bereichen dafür sorgen, dass Unternehmen, landwirtschaftliche Betriebe und wir Konsumenten mit unserem Handeln nicht der Biodiversität schaden. Dazu gehören Regeln und ökonomische Anreize. Ein Beispiel: In Europa sollten nach Ansicht des NABU Agrarbetriebe nur noch dann Subventionen erhalten, wenn sie zehn Prozent ihrer Flächen unbewirtschaftet lassen und dort der Natur wieder Raum geben. So können sich die Insekten und Vögeln regenerieren und der Landwirtschaft wiederum ihre Dienste erweisen, als Bestäuber und Nützlinge. Die EU sollte zudem ein Zehntel ihres Budgets für die Biodiversität reservieren. Über beide Fragen wird in den nächsten Wochen in Brüssel entschieden.

Biodiversität ist in vielen westlichen Ländern auf der Agenda. Wie sieht es in Entwicklungsländern aus? Am Amazonas beispielweise, wo Brandrodungen und Palmölplantagen ein großes Problem sind?

Europa sollte biodiversitätsfreundlichen Produkten aus Entwicklungsländern einen Markt bieten, aber Importe, die auf Kosten von Mensch und Natur gehen stoppen. Die Bundesregierung sollte zudem ihre Finanzhilfen für den Naturschutz in den ärmsten Ländern verdreifachen, von derzeit einer 0,5 auf 1,5 Mrd. Euro im Jahr.

Welche Rolle spielen die USA, wenn es um Biodiversität geht?

Die USA sind (neben dem Vatikan) das einzige Land der Welt, das dem UN-Abkommen über die Biologische Vielfalt nicht beigetreten ist. Neben der aktuellen katastrophalen Umweltpolitik der Regierung kommen aus den USA allerdings auch wichtige weltweite Naturschutzinitiativen. Es gibt eine starke Umweltbewegung mit vielen Erfolgen in Kommunen und Bundesstaaten.

Zum Bienensterben: In Maja Lundes Bestseller Die Geschichte der Bienen wird ein Szenario beschrieben, in dem Bienen ausgestorben sind und Menschen Pflanzen massenhaft per Hand bestäuben müssen. Droht uns das ebenfalls, um unser Ökosystem zu retten?

Das wird nicht funktionieren. Bei allem Vertrauen in Technik und Erfindergeist, ich glaube, dass sich nur die allerwenigsten Ökosystemleistungen auf so eine Weise ersetzen lassen. Wir müssen der Natur die Möglichkeit geben, sich zu regenerieren, dann liefert sie uns wieder gratis, was wir zum Überleben brauchen. Bestäubung, fruchtbaren Boden, frische Luft und sauberes Wasser.

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Was kann jeder Einzelne tun? 

Wer das Klima schont, Energie spart und weniger Fleisch isst, hilft auch der Biodiversität. Vor allem aber braucht die Artenvielfalt Aufmerksamkeit. Sich informieren, sich engagieren, im Bekanntenkreis darüber sprechen und von der Politik endlich konsequentes Handeln einfordern. Denn nur wenn der Staat den richtigen Rahmen setzt, ist naturverträgliches Konsumieren wirklich möglich. Eine Möglichkeit, das direkt seinen Europaabgeordneten zu sagen, bietet die NABU-Agrarkampagne unter www.werdelaut.de   


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