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Cholesterin Löffeln für die Blutgefäße


Immer mehr Hersteller von Milchprodukten und Pflanzenfett werben mit cholesterinsenkender Wirkung. Was bringt die "Arznei light" aus dem Kühlregal?

Wie ungemein praktisch ist es doch, im 21. Jahrhundert zu leben. Da reicht für das Gefühl, etwas für die Gesundheit zu tun, bisweilen schon der Gang zum Supermarkt. Dort wartet dann Joghurt, der die Abwehrkräfte stärkt, Brause, die wach macht, oder Salatdressing, von dem man nicht dick wird. Die Lebensmittelindustrie meint es gut mit uns und lässt sich immer wieder etwas Neues einfallen.

Medikamente aus dem Kühlregal

Auch rezeptfreie Medikamente stehen schon zwischen Sahne und Schokopudding im Kühlregal: Margarine und Milchprodukte, die den Cholesterinspiegel senken. Als Erster brachte der Lebensmittelriese Unilever vor vier Jahren die Margarine "becel pro-activ" auf den deutschen Markt, Emmi aus der Schweiz und die Firma Rau zogen nach. Nun hat Unilever die Riege der supermarkttauglichen Cholesterinsenker erweitert: um ein Milchgetränk und verschiedene Joghurts.

Dass diese auch wirken wie versprochen, hat der Hersteller in etlichen Studien nachweisen lassen. Zusätzlich ließ die Firma sämtliche Produkte durch das strenge Testverfahren der Novel-Food-Verordnung laufen. Mit Erfolg. Denn nun darf mit dem Segen der EU-Gesundheitskommision auf jeder Packung der magische Satz stehen: "Hilft nachweislich, den Cholesterinspiegel zu senken."

Risiko Schlaganfall und Herzinfarkt

Und ein zu hoher Cholesterinspiegel gilt nun mal als einer der wichtigsten Risikofaktoren für Arteriosklerose, die zu Schlaganfall und Herzinfarkt führen kann. "Wenn es gelänge, die Blutfettwerte in der deutschen Bevölkerung um zehn Prozent zu senken, gäbe es bis zu 25 Prozent weniger Herzinfarkte", sagt Eberhard Windler, Internist und Experte für Stoffwechselerkrankungen am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf.

Also auf zum Kühlregal. Das Geheimnis der neuen Produkte sind Phytosterine - sekundäre Pflanzenstoffe, die auch in Nüssen, Ölsaaten oder Getreide vorkommen. Sie sorgen dafür, dass das körpereigene und das mit der Nahrung aufgenommene Cholesterin blockiert und ausgeschieden werden. Dadurch sinkt das "schlechte" LDL-Cholesterin - um bis zu 15 Prozent, verspricht Becel.

Um diesen Effekt zu erzielen, sind allerdings, laut Verpackung, täglich drei Portionen nötig: drei Scheiben Brot mit Margarine, drei Becherchen Joghurt, drei Gläser Milchgetränk. Das wird nicht ganz billig. Ein Pack Becel-Joghurt mit vier 125-Gramm-Bechern kostet etwa drei Euro, das Pfund Margarine sogar sechs.

Lohnt sich das? So bequem die Kühlregal-Arznei auch ist, sie ersetzt nicht den eigenen Einsatz. Denn wer gewöhnt ist, sich von Leberwurst zu ernähren, wird seine ungesunde Lebensweise auch mit Sterin-Joghurts und Becel-Stullen nicht ausgleichen können. "Die Produkte können aber unterstützend wirken", urteilt Windler. Wem der Arzt bereits Cholesterinsenker verordnet hat, müsse keine schädlichen Wechselwirkungen befürchten. "Im Gegenteil. Mit Sterinen lässt sich die Dosis von Medikamenten womöglich deutlich reduzieren."

Ein nur leicht erhöhter Cholesterinspiegel, sagt der Stoffwechselexperte, sei kein Grund zur Panik. "Es ist ja keine Krankheit, sondern der Hinweis auf ein Risiko, das außerdem individuell sehr verschieden sein kann." Mit Hilfe des Joghurtlöffelns lasse sich der Cholesterinwert möglicherweise schon ausreichend senken. Doch egal, ob vorbeugend oder therapiebegleitend - die Hauptarbeit gegen die erhöhten Fette im Blut findet woanders statt: Bei regelmäßiger Bewegung, die das "gute" HDL-Cholesterin nach oben bringt, und bei einer Ernährung, die sparsam mit tierischen Fetten und verschwenderisch mit Obst und Gemüse ist.

Ruth Hoffmann print

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