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Rekordwerte bei Emissionen Haben wir den Kampf gegen den Klimawandel verloren? Forscher schlagen Alarm

Emissionsanstieg
Nur zwei Prozent der Gelder aus den Wiederaufbaufonds wurde für erneuerbare Enrgien ausgegeben
© Julian Stratenschulte / DPA
Die Treibhausgas-Emissionen könnten bis 2023 einen Rekordwert erreichen, prognostizieren Wissenschaftler. Sie warnen: Selbst wenn alle Staaten ab sofort auf erneuerbare Energien setzen, würde das nicht mehr viel ändern.

Der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen steigt dramatischer als bisher angenommen – selbst wenn alle nötigen Klimaschutzmaßnahmen ohne Verzögerung umgesetzt würden. Bereits 2023 könnten die Emissionen ihren Höchststand erreichen und danach noch weiter steigen, berichtet der britische "Guardian" und beruft sich auf eine im Juli veröffentlichte Prognose der International Energy Agency (IEA). Wissenschaftler hatten bereits im Vorfeld immer wieder betont, dass der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase noch innerhalb dieses Jahrzehnts halbiert werden müsse, um die globale Temperatur auf die notwendigen 1,5 Grad zu reduzieren. Ein dramatischer Anstieg, wie vom IEA prognostiziert, gefährdet dieses Ziel.

Erst am Montag hatte der Weltklimarat in seinem neuesten Bericht auf die globale Bedrohung durch den Klimawandel hingewiesen und erneut deutlich gemacht, wie der steigende Treibhausgas-Ausstoß die Erde bedroht. Einige Auswirkungen der Erderwärmung wie der Anstieg der Meeresspiegel und das Schmelzen der Gletscher sind nach Angaben der UN-Klimaexperten bereits heute "unumkehrbar". Der unmittelbare Einfluss des Menschen auf die Erderwärmung kann dem Expertengremium zufolge nicht mehr ausgeschlossen werden. "Menschlicher Einfluss hat das Klima so aufgeheizt, wie es seit mindestens 2000 Jahren nicht mehr vorgekommen ist. (...) 2019 war die CO2-Konzentration in der Atmosphäre höher als zu jedem anderen Zeitpunkt seit mindestens zwei Millionen Jahren", heißt es im Bericht.

Kaum Geld für den Klimaschutz

Den Angaben der IEA zufolge wurden in diesem Jahr weltweit 31,4 Gigatonnen CO2 ausgestoßen. Würden die Klimaschutzmaßnahmen noch in diesem Jahr umgesetzt, könnten die Emissionen im Jahr 2025 34 Gigatonnen übersteigen. Auch die sofortige Umstellung auf erneuerbare Energien würde wenig daran ändern. Den Grund für den dramatischen Anstieg sehen die Experten der IEA unter anderem in politischen Versäumnissen während der Corona-Pandemie. Während die Regierungen damit beschäftigt waren die Wirtschaft wieder in Gang zu setzen, habe man nicht genug in erneuerbare Energien investiert.

Zu Beginn der Pandemie hatten das IEA und der Internationale Währungsfond (IWF) einen nachhaltigen Wiederaufbauplan erarbeitet. Darin empfahlen die Experten mindestens eine Billionen Dollar für erneuerbare Energien weltweit zu mobilisieren. Dies wäre den Experten zufolge nicht nur ein weiterer wichtiger Schritt zu den im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Zielen gewesen, sondern hätte auch das Wirtschaftswachstum gefördert.

"Die Ambitionen zum Klimaschutz sind zwar gewachsen, allerdings fällt die Summe, die für erneuerbare Energien ausgegeben wurde, im Vergleich zu den Geldern zum Wiederaufbau der Wirtschaft minimal aus", zog IEA-Geschäftsführer, Fatih Birol, nun Bilanz. Wie die Untersuchung ergab, reichen die Zahlungen nicht ansatzweise an den vom IEA und IWF vorgeschlagenen Betrag. Lediglich zwei Prozent der 16 Billionen Dollar, die aus Steuergeldern zur Unterstützung privater Haushalte und Unternehmen bereitgestellt wurden, sind demnach in den Ausbau klimafreundlicher Energien geflossen.

Ernst der Lage bleibe unerkannt

Obwohl der Bericht des Weltklimarats und die Untersuchung des IEA die Dramatik nur allzu deutlich unterstreichen, zeigen sich manche Staaten nach wie vor uneinsichtig. Australien hat die Forderungen nach ehrgeizigeren CO2-Emissionszielen bereits zurückgewiesen. Zwar hatte das Land angekündigt, "sobald wie möglich" klimaneutral zu werden – verpflichten möchte sich das Land allerdings nicht. Australien hat eine der höchsten CO2-Emissionsraten pro Kopf und ist einer der größten Kohleexporteure der Welt. Gleichzeitig leidet kein anderer Staat weltweit immer wieder so stark unter den Folgen der Erderwärmung.

China, das zu den größten Umweltverschmutzern gehört, zeigt sich zwar einsichtiger – ausreichend ist sein Klimakurs dennoch nicht. Wie die Regierung mitteilte, will das Land seine CO2-Emissionen bis 2030 reduzieren und 30 Jahre später klimaneutral sein. Klimaschutzziele kündigte die Regierung zwar nicht an, dafür hat die chinesische Regierung zuletzt die Eröffnung Dutzender neuer Kohlekraftwerke vorangetrieben, um das Wirtschaftswachstum zu sichern. Diese wolle man aber stärker kontrollieren, hieß es aus Peking.

IEA fordert mehr Unterstützung für Entwicklungsländer

"Die Investitionen in saubere Energien ist noch weit von dem entfernt, was nötig wäre, um den Emissionsausstoß Mitte des Jahrhunderts stoppen zu können, es reicht noch nicht einmal aus, um einen neuen Rekord zu verhindern", kritisiert IEA-Chef Birol. Dieser Umstand sei auch auf regionale Unterschide zurückzuführen. Während Industrieländer wie Japan, Südkorea und europäische Mitgliedsstaaten aufgrund ihrer guten finanziellen Lage vermehrt in erneuerbare Energien investieren, sei das für arme Länder kaum möglich.

90 Prozent der klimaschädlichen Treibhausgase stammen demnach aus Entwicklungsländern wie Indien oder Teilen Südamerikas. Der größte Irrtum sei, nur in die Entwicklung klimafreundlicher Energien der Industriestaaten zu investieren. Emissionen in den Entwicklungsländern zu reduzieren sei für reiche Länder kostengünstiger. "Außerdem haben fortgeschrittene Wirtschaften sowohl ein ökonomisches Interesse als auch eine moralische Verpflichtung die Entwicklungsländer beim Kampf gegen den Klimawandel finanziell zu unterstützen", sagt Birol. Von den Regierungen fordert er weltweit mehr Unterstützung für ärmere Länder. Das Ziel müsse es sein, die Emissionen gegen Null zu drücken. Nur, wenn die internationale Gemeinschaft jetzt handele, könne dieses Ziel bis 2050 erreicht werden.


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